Theater in Berlin

Kudamm-Bühnen wollen nicht in eine Mehrzweckhalle

Das Landgericht verhandelt über eine Räumungsklage. Als Ausweichquartier kommt das Schiller-Theater infrage.

 Im Innenhof des Kudamm-Karrees soll ein Pavillon entstehen, durch den die Besucher in das geplante neue Theater im Keller kommen. Der Entwurf stammt vom Architektenbüro Kleihues+ Kleihhues

Im Innenhof des Kudamm-Karrees soll ein Pavillon entstehen, durch den die Besucher in das geplante neue Theater im Keller kommen. Der Entwurf stammt vom Architektenbüro Kleihues+ Kleihhues

Foto: Cells Bauwelt / BM

Zwölf Jahre Ungewissheit haben ihre Spuren hinterlassen: Nicht nur das Büro von Theaterdirektor Martin Woelffer könnte eine Renovierung vertragen. Ebenso wie die anderen, vom Theater und der Komödie genutzten Räume im Kudamm-Karree. Weil das aber aus Sicht der verschiedenen Investoren wahlweise umgebaut oder abgerissen werden sollte, wurde in den vergangenen Jahren nicht viel in den Substanzerhalt investiert.

Schließlich sollte es ja immer zeitnah losgehen mit den Baumaßnahmen. Daraus ist bis heute nichts geworden. Die Besitzer wechselten, die Pläne wurden geändert. Anfang dieses Jahres trat mit der Cells Bauwelt GmbH ein neuer Player auf, das von der Münchener Firma beauftragte Architekturbüro Kleihues+Kleihues stellte unter der Überschrift „Den alten Westen aufpolieren“ Ideen zur Neugestaltung des Kudamm-Karrees vor.

Theaterdirektor Martin Woelffer wurden die Pläne „drei Tage vorher gezeigt“. Nach seinen Vorstellungen für den Standort wurde er nicht gefragt, obwohl die Familie die Bühnen am Kurfürstendamm mittlerweile seit drei Generationen betreibt. „Man kann doch nicht so tun, als wären wir nicht da“, sagt Woelffer.

Als er im Mai 2015 von einem Besitzerwechsel in der Zeitung gelesen hatte, erzählt Woelffer in seinem Büro, habe er um ein Gespräch gebeten. Anfang Juli 2015 sei es zu einem Treffen gekommen. Ein Vertreter des Investors drückte demnach dem Theaterdirektor ein anwaltliches Schreiben in die Hand: die fristlose Kündigung. Später folgte noch eine Räumungsklage, die Angelegenheit liegt mittlerweile beim Landgericht.

Der Kläger ist offenbar eine Briefkastenfirma in Luxemburg

Woelffer geht davon aus, dass die Klage nicht durchkommt, auch „aus formalen Gründen“. Der Kläger sei offenbar eine Briefkastenfirma in Luxemburg, allerdings eine, die zwischen-zeitlich nicht einmal postalisch zu erreichen war, Einschreiben „kamen als unzustellbar zurück“, sagt Woelffer. Nicht Cells selbst „tritt in diesem Streit als Kläger auf, sondern die ,Mars Propco 1 S.á.r.l.‘“. Diese Firma wurde von der Deutschen Bank, einem früheren Eigentümer des Kudamm-Karrees, gegründet – und später weiterverkauft, inklusive dieser einen Immobilie, so Woelffer, der sich neben seiner Theaterarbeit seit zehn Jahren mit der Existenzgrundlage seines mittelständischen Betriebes beschäftigen muss. Und den nun auch die Sorge umtreibt, was eigentlich passiert, wenn die Firma in Luxemburg Insolvenz anmelden müsste?

Weil Immobilienfragen für einen Theaterdirektor nicht zum Kerngeschäft gehören, setzt Woelffer auf politische Unterstützung. Darauf, dass „der Senat an den Gesprächen teilnimmt“. Am heutigen Freitag ist ein Treffen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) geplant, der wie sein Vorgänger Klaus Wowereit auch für die Kultur zuständig ist. In dem Gespräch wird es wohl auch um ein mögliches Ausweichquartier für die Kudamm-Bühnen während der Umbaumaßnahmen gehen. Martin Woelffer kann sich durchaus das Schiller-Theater als vorübergehenden Spielort vorstellen, vorausgesetzt, dass bis dahin die Staatsoper, die das Schiller-Theater derzeit nutzt, wieder in ihr altes Quartier Unter den Linden zurückgezogen ist.

Die Theater wollen künftig Miete zahlen

Und es wird bei dem Termin mit dem Regierenden Bürgermeister auch darum gehen, dass die Kudamm-Bühnen in Zukunft Miete zahlen – davon sind sie gemäß einer Vereinbarung mit dem Vorbesitzer des Kudamm-Karrees bis zum Baubeginn befreit. Woelffer geht davon aus, dass eine künftige Mietzahlung die Verhandlungsposition der Bühnen verbessern würde, weil sie dann nicht mehr als Bittsteller auftreten müssten. Wirtschaftlich aber wirft der Betrieb Mietzahlungen kaum ab, obwohl die Kudamm-Bühnen mit „200.000 bis 230.000 Besuchern jährlich die meistbesuchten Sprechtheater Berlins sind“, wie Woelffer gern sagt.

Dabei muss Woelffer mit Bühnen konkurrieren, die deutlich höhere Zuwendungen bekommen als die Boulevardtheater, die mit rund 230.000 Euro pro Jahr aus dem Kulturetat unterstützt werden, was umgerechnet einer Subventionierung von rund einem Euro pro Eintrittskarte entspricht. Bei den großen Staatstheatern liegt der Zuschuss pro Karte schon mal bei 100 Euro.

Stefan Schlede, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, hatte im Februar dieses Jahres bei einer Anhörung zu den Kudamm-Bühnen im Kulturausschuss einen Betrag von 2,1 Millionen Euro genannt – in dieser Höhe wird das Renaissance Theater vom Land mitfinanziert –, den man „seitens der öffentlichen Hand ins Auge fassen müsste“, weil „zwei derartige Theater an diesem Standort mit Sicherheit nicht mit der bisherigen Finanzierung werden bestehen bleiben können“. Auch der Koalitionspartner SPD hat entsprechende Signale ausgesendet, Ausschussvorsitzender Frank Jahnke bezifferte die zu erwartenden Mietzahlungen auf eine halbe Millionen Euro jährlich, die zusätzlich aus dem Landeshaushalt kommen müssten.

Historischen Gebäude sollen abgerissen werden

In seltener Einmütigkeit setzten sich Anfang März alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus für die Rettung der Kudamm-Bühnen ein. Bei der Neugestaltung des Kudamm-Karrees müsse das Theater, in dem einst der legendäre Regisseur Max Reinhardt inszenierte, entsprechend berücksichtigt werden.

Der neue Investor plant allerdings ohne die historischen Gebäude, nicht einmal mit deren Grundrissen. Nach den Plänen von Cells soll es künftig nur noch einen Theaterraum im Keller geben. Eine Art multifunktionaler Saal. Mit Zugang von einem Pavillon, der im Innenhof steht. Eine interessante Neuinterpretation des Begriffs Boulevardtheater, das sich ja auch darüber definiert, an der Straße präsent zu sein.

„Wir können nicht in einer Mehrzweckhalle gutes Theater machen“, sagt Martin Woelffer. Auch die Zugangssituation sieht er kritisch. „Die Menschen zieht es nicht in einen Hof, solche Stadtplätze funktionieren selten.“ Er hofft darauf, dass Cells sich noch gesprächsbereit gibt und bereit ist, die Pläne zu überarbeiten.

Der öffentliche Druck hat in den vergangenen Wochen weiter zugenommen, zuletzt unterstützten in diesem Monat Berliner Kulturschaffende, darunter die Intendanten der Opern und der großen Sprechtheater, mit einem Appell den Erhalt von Theater und Komödie am Kurfürstendamm.