Im Martin-Gropius-Bau

Lee Miller: Die Frau in Hitlers Badewanne

Sie verließ die Modewelt, um Kriegskorrespondentin zu werden: Lee Miller. Eine Ausstellung in Berlin zeigt das bewegte Leben der starken Frau.

Das Foto machte sie berühmt: Lee Miller im April 1945 in Hitlers Badewanne . Kollege David E. Sherman fotografierte sie in der Wohnung in München. Die beiden waren als Kriegsreporter in Deutschland unterwegs

Das Foto machte sie berühmt: Lee Miller im April 1945 in Hitlers Badewanne . Kollege David E. Sherman fotografierte sie in der Wohnung in München. Die beiden waren als Kriegsreporter in Deutschland unterwegs

Foto: © Lee Miller Archives, England 2016. All rights reserved. www.leemiller.co.uk

Heißes Wasser! Welcher Luxus. Endlich den Dreck abspülen von ihrem Körper, und mit ihm all diese Bilder im Kopf, die sich dort hinein bohren.

Die Toten, ausgemergelte Körper, Berge von Leichen, diese merkwürdigen gestreiften Streifenanzüge, erschossene SS-Männer im Kanal, Opfer und Täter, all das hat sie kurz davor im KZ Dachau ansehen müssen.

Miller sitzt in der Badewanne - der „Führer“ hockt im Bunker

Zu grausam sind diese Fotos, um sie zu veröffentlichen. Lee Miller sitzt in der Badewanne, – in Hitlers Badewanne in seiner Münchner Wohnung.

Der „Führer“ hockt im Bunker und wird sich später an diesem Tag das Leben nehmen. Miller hat ihre matschverschmierten Armee-Boots auf den Vorleger vor Hitler Wanne gestellt. Sie will zeigen, wer die Sieger sind. Ihr Kollege David E. Scherman fotografiert diese arrangierte Szene.

Die zwei Fotografen haben Zutritt durch drei GIs in Hitlers Wohnung bekommen, sie sind Kriegsreporter und mit der US-Armee unterwegs. Scherman wird sich auch in die Wanne setzen, Miller fotografiert ihn so, dass sein Kopf genau unter dem Duschkopf zu sehen ist, Scherman ist Jude. Symbolischer geht es kaum. Es werden Millers letzte und bedeutendste Fotos als Kriegsreporterin sein, übrigens als eine der ersten dieser Zunft überhaupt.

Als der Krieg zu Ende ist, sieht sie keine Aufgabe mehr für sich, nach all diesem Horror hat wohl vieles an Bedeutung für sie verloren, Sinn lässt sich schwer herstellen. Heute würden Ärzte vermutlich posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren.

So jedenfalls sieht es ihr Sohn Antony Penrose (68), der das Erbe seiner Mutter und seines Künstlervaters Roland Penrose in East Sussex verwaltet. Das verwunschene Elternhaus, das frühere Farley Farm House, eine Milchfarm, hat er in ein Museum verwandelt.

Er organisiert Ausstellungen, gibt Publikationen heraus und macht Filme, um das Erbe zu bewahren. Dazu gehört auch die eindrückliche Werkschau im Martin-Gropius-Bau, die verschiedene Werkphasen Lee Millers umfasst.

Rund 100 Fotografien aus den Jahren 1929 bis 1945 illustrieren, dass sich die weltreisende Mrs. Lee nicht in einem Genre verorten lässt, sie kommt von der verspielten surrealistischen frühen Phase über die kommerzielle Mode zur Kriegsdokumentation.

Gezeigt werden 100 Fotografien aus den Jahren 1929 bis 1945

Was Antony Penrose, Autor, Fotograf und Farmer, dann über seine Mutter erzählt, ist kaum zu glauben, so absurd klingt es. Gut möglich, dass auch eine tragische Familiengeschichte dahinter steckt. Antony Penrose wusste nämlich nichts über das künstlerische Vorleben seiner Mutter.

Der Krieg, ein Tabu. Ihre Fotos, alles zerstört, nichts Wesentliches erhalten, so erklärte sie es dem Jungen. Überall in der Wohnung Werke von Picasso oder Miro, nur zwei Fotos von ihr. Eins zeigte eine tote Kuh, das quälte ihn als kleiner Junge.

Dass „Mum“ mit den Alliierten unterwegs war, das hätte er sich nie vorstellen können. Sein Verhältnis zu ihr war gestört, hysterisch sei sie gewesen, stramme Alkoholikerin und ja, depressiv.

Umso größer war die Überraschung, als seine Ehefrau nach Lee Millers Tod 1977 auf dem Dachboden aufräumte und lauter Kisten entdeckte, vollgestopft mit 60.000 Negativen und 20.000 Prints. Dazu Manuskripte, Briefe, Militärvorgaben, Rechnungen, alles schön ungeordnet, „dafür trocken und sicher“. Noch heute sei nicht komplett alles archiviert.

Drei bis vier Jahre hat er recherchiert, die Details rund um Hitlers Wohnung, die Besuche in den KZs, da konnten ihm Gott sei Dank Kollegen wie David E. Scherman noch einiges über das Leben seiner Mutter erzählen.

Zur Fotografie kam Lee Miller, deren Vater übrigens auch Fotograf war, über ihren Modelljob 1927, da ist sie 20 Jahre. Sie will nicht nur mehr „Bild“ sein, sondern selber Bilder produzieren. Und so beschließt die Amerikanerin 1929 nach Paris zu gehen, zum großen Surrealisten Man Ray, um Technik zu lernen.

Sie war bildschön, Man Ray fotografierte sie

Auf den Fotografien von Man Ray sieht man, wie bildschön sie war, er begehrte sie als Modell, ob sie seine Muse war, darüber darf man streiten. Sie nimmt sich, was sie braucht. Er wirft ein Foto von ihr, – ihr erotisch nach hinten geworfener Schwanenhals – in den Müll.

Lee Miller fischt es heraus, vergrößert es, abstrahiert es – ein unglaublich starkes Bild, besser als das von Man Ray. Sie entdeckt auch die Solarisation wieder, die Überbelichtung eines Bildes, wodurch das Motiv verfremdet wird. Akte, Porträts, Experimente, sie arbeiten sich zu.

Die Kooperation zwischen der freiheitsliebenden Mrs. Lee und dem Egozentriker dürfte ziemlich turbulent gewesen sein, kreative Auseinandersetzungen endeten wohl nicht selten mit zerschnittenen und farbverschmierten Werken, erzählt Penrose.

Drei Jahre arbeitet Lee mit Man Ray, geht kurz nach New York, wo sie ein Fotostudio betreibt und folgt dann ihrem ersten Mann nach Kairo. Mit Ausbruch des Krieges kommt sie nach London, fotografiert Mode für die „Vogue“, 1942 lässt sie sich als Kriegsreporterin akkreditieren. „Ich mache keine Kunst mehr“, schreibt sie der Redakteurin.

Die Kamera hat sie nie ganz aus der Hand gelegt, doch publiziert hat sie nie wieder. Die Künstlerelite – von Pablo Picasso bis Max Ernst besuchten die Familie in Sussex, und Herren wurden selbstverständlich fotografiert.

Roland Penrose verwendete einige ihrer Fotos für seine Biografien von Picasso und Man Ray. Vielleicht war es die Konkurrenz ihres britischen Künstlergatten, die Lee Miller an den Herd trieb. Schräge Sachen hätte seine Mutter serviert, erzählt Antony Penrose. Blaue Spaghetti, grüne Hähnchen. Immerhin. Kochen kann Kunst sein.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi–Mo 10–19 Uhr. Bis 12. Juni. Katalog: 25 Euro. Vortrag: 24. April, 11 Uhr, Anthony Penrose spricht über das Werk.