Kultur

Männermangel

Die Schau „Berlin – Stadt der Frauen“ im Ephraim-Palais zeigt, was die Metropole auszeichnet

Die Empörung der modernen Berlinerin ist wohl kalkuliert. „Berlin – Stadt der Frauen“ heißt die Ausstellung mit ihrem starken Titel im Ephraim-Palais, und was sehen wir als erstes Exponat? Ein gestärktes altes Mieder aus dem Jahr 1895/90, mit rotem Zierband und einer Taille, die totale Atemnot verursacht haben muss. Und nicht mal sexy ist das Ding, sonst könnten wir das noch als Dessous verbuchen. Doch Vorsicht, jetzt sind wir schon mittendrin in der Diskussion über Klischees und damit mittendrin im Thema, was eigentliche eine starke Frau ausmacht und was das im Zeitalter der Frauenquote mit den Berlinerinnen eigentlich zu tun hat.

Andersherum: Sind Frauen-Parkplätze in Parkhäusern nicht eigentlich diskriminierend? Weil sie die Frau zum „Opfer“ machen und dem Mann, dem „starken Geschlecht“, keine entsprechenden Alternativen zum Parken bieten? Immerhin sind von 3,5 Millionen Einwohnern in Berlin die Hälfte Frauen. Und ja, wir leben ganz selbstverständlich mit den Errungenschaften der Emanzipation. Doch was heißt das für Frauen anderer Kulturen? Gerade jetzt sind das starke Themen.

Erst ab 1908 durften Frauen in Berlin studieren

Das Korsett als Mini-Symbol ist dann so etwas wie der kleine Leitfaden durch diese historische Schau, jedes stählerne Korsettstäbchen, das einst den Leib einschnürte, steht für die Jahrhunderte lange Beschränkung der Frau. Der Furor der Frauenbewegung kriegt hier noch einmal ordentlich Futter. Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf Selbstbestimmung? Erst ab 1908 durften die Frauen in Berlin studieren, selbst die freie Kunst war eine Domäne der Männer – erst zehn Jahre später durften sie sich an der Kunsthochschule einschreiben. Blankes Mittelalter herrschte auch im monetären Bereich, verheiratete Frauen durften bis 1962 nicht ohne Zustimmung ihres Mannes ein Konto eröffnen. Noch bis 1977 war gesetzlich festgelegt, welche „Pflichtaufgaben“ sie als Ehefrau zu „erfüllen hatte, dazu gehörte auch der eheliche Geschlechtsverkehr“.

Bei den starken Frauen in der Ausstellung mischen sich unbekannte Namen mit bekannten und glamourösen. Auch Heldinnen des Alltags sind dabei – und das ist gut so. Künstlerin, Oberbürgermeisterin, Zoodirektorin, Pilotin, Trümmerfrau. Jeanne Mammen, Käthe Kollwitz, Fritzi Massary stehen auf der schönen Seite der Künste, Oberbürgermeisterin Louise Schroeder und Zoodirektorin Katharina Heinroth sind tatkräftige, pragmatische Frauen der ersten Stunde nach dem Krieg. Schroeders Amtszeit fällt in die Zeit der Berlin-Blockade. Heinroth leitet den zerstörten Zoo nach 1945. Aber nur, weil es zu der Zeit an qualifizierten Männern mangelte. Ausgangsidee für die Auswahl der Damen war dabei das 150. Jubiläum des Berliner Lette-Vereins zur „Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechtes“. Die verschiedenen Schulangebote machten den Verein damals zur einzigartigen Bildungsstätte für ledige Mädchen und Frauen. 1860 hatten sie nur wenige Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und so gibt es nun 20 Frauen und 20 Lebenswege. Krieg, Flucht, Trennungen, persönliche Schicksale, die unterschiedlichsten Brüche zeichnen ihre Biografien. Doch eines eint sie, egal ob im späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts, der Wille, ihr Leben möglichst unabhängig zu gestalten. Von Fritzi Massary sehen wir zu allererst ihren lasziven Fächer aus Straußenfedern mit Perlmuttgriff, mondäner geht es kaum. Aus dem alten Grammophon kratzt ihre Stimme, „… jede Frau hat ihre Sehnsucht“. Das Stück hieß „Eine Frau, die weiß, was sie will“. Wie so viele andere Kinder aus jüdisch-bürgerlichen Familien wollte Fritzi Massary zur Bühne, 1904 landete sie in Berlin, die Diva feiert hier ihren Triumph in den goldenen 20er-Jahren. Von hier rettete sie sich nach Amerika.

Und weil diese Frauen aus so unterschiedlichen Sphären kommen, haben die Kuratoren Kategorien wie „Die Unternehmerischen“ und die „Kreativen“ und „Die Politischen“ gebildet, aber so doof ist der Besucher nun nicht, dass er nicht selbst erkennen kann, wo die Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung der Frauen liegt.

Audio-Stationen und belebte Büsten begleiten die Schau

Nun könnte man mäkeln, dass von den 20 Frauen nur wenige gebürtige Berlinerinnen sind. Das ist heute nicht viel anders. Es geht darum, wie die Frauen die Stadt geprägt haben, wie sie (politisch) Stellung bezogen haben. Dazu gehören durchaus auch Fehleinschätzungen wie bei Mary Wigman, die sich bis 1942 mit den Nationalsozialisten arrangierte, weil sie in den Massenaufmärschen eine Art von Choreographie sah, die ihrer exzessiven Tanz-Ästhetik entgegenkam. 1941 wird ihr Ausdruckstanz dann auf der Liste entarteter Kunst geführt.

Die Schau breitet sich auf drei Stockwerken aus, die Ladys sind in Einzel- oder Doppelzimmern untergekommen, je nach Wahlverwandtschaft. Nicht jedes Kabinett ist gleich stark, was Präsentation und Material betrifft. Von der Fotografin Gisele Freund, 1908 in Schöneberg geboren, gibt es leider nur wenige Fotos, ihr Koffer, Symbol der ewig Reisenden, trägt die Initialien R W, doch mit ihr hat das herzlich wenig zu tun, das Original ist in Paris, wie auch der Nachlass, der offenbar streng gehütet wird. Gelungen sind die animierten, teils skurrilen Video- und Audiostationen sowie belebte Büsten, die Grafikdesign-Studenten des Lette-Vereins entworfen haben. Die alten Damen werden sehr lebendig in die Gegenwart katapultiert.

Und wie steht es denn nun heute um die Berlinerin? Sie hat im dritten Stock eine „Twitter Wall“. Frau kann sich hier per Smartphone positionieren, wenn sie will. Ein Fragebogen liegt aus, „Was würden Sie als Regierende Bürgermeisterin von Berlin für Frauen tun?“ Gute Frage.

Ephraim-Palais, Poststr. 16. Di, Do–So 10–18 Uhr. Mi 12–20 Uhr. Bis 28. August. Katalog: 29.90 Euro