Kultur

Hang zum Exzess

Einst war er Provokateur, heute ist er österreichischer Staatskünstler: Der Gropius-Bau würdigt Günter Brus

Freiwillig kommt Günter Brus nicht nach West-Berlin, Grund ist seine „Uniferkelei“ 1968 an der Wiener Universität. Sein Auftritt erfolgt im Rahmen der Aktion „Kunst & Revolution“, organisiert vom Sozialistischen Österreichischen Studentenverband. 700 Menschen sind gekommen – Höhepunkt der Studentenunruhen in Österreich. Brus ist nackt, nicht nur das, er spielt mit seinen Ausscheidungen auf einer weißen Decke, und spielt dann noch die österreichische Nationalhymne. Brus wird wegen staatlicher „Herabwürdigung“ und der „großen Notdurft“ zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt, zwei sitzt er ab.

Ausgezeichneter Staatskünstler mit eigenem Museum

Danach geht es den Wiener Aktionisten bei Nacht und Nebel Richtung West-Berlin, Tochter Diana soll ihm und Frau Anni entzogen werden – die Nachbarn in seinem Wohnhaus haben bereits eine Liste unterschrieben. Die waren in ihrer Entscheidung wirklich nicht zu beneiden, kurz davor hatte er im Flur noch eine „Strangulation“ inszeniert und filmen lassen. Seine Frau Anni lag dabei mit gespreizten Beinen verschnürt am Boden und rief irgendwann „Hör auf Günter, hör aufffff.“ Der hing nackt am Türrahmen. Anni Brus jedenfalls durfte sich noch Jahre später vom Bundespräsidenten fragen lassen, warum sie nur diesen „Trottel von Mann“ gut finde, der so „grauenvolle Kunst“ mache. Ironie der Geschichte: Etwas mehr als 20 Jahre später wird Brus als österreichischer Staatskünstler ausgezeichnet. Und seit 2011 hat er in Graz gar ein eigenes Museum, Bruseum genannt. Der Direktor nennt es ein „Kompetenz- und Forschungszentrum“.

Günter Brus, 77 Jahre, sitzt auf dem Podium im Martin-Gropius-Bau, graue Weste, graues Hemd, Typ alte Studentenbrille vor den Augen, und es fällt ziemlich schwer, sich vorzustellen, woher sich bei diesem schmalen, humorvollen Mann früher dieser ungeheure Antrieb zum blutigen Exzess, zur körperlichen Selbstzerstörung hergeleitet hat. Zumal Nacktheit heute längst als künstlerisches Kapital ausgedient hat, Provokation – geschenkt. Seine große Ausstellung „Störungszonen“ (die nicht mehr stören) ist im ersten Stock des Kreuzberger Kunsthauses zu sehen.

Und immer wieder kommt sie auf, diese eine Frage, warum er das gemacht hat. „Aus inneren Verletzungen heraus“, aus welchen, das weiß er aber nicht. Was heute die Pussy Riots in Russland seien, waren die Wiener Aktionisten in den 60er-Jahren, meint er. Viel hinge mit dem damaligen Zeitgeist zusammen. Rebellion und Protest gegen Muff und Verkrustung der Institutionen. Aufstand gegen die Vätergeneration. Das Trauma des Weltkrieges. Die Verdrängung. Sigmund Freud und die Psychoanalyse, die Befreiung durch Sexualität. Aufbegehren gegen die „Veredelung“ (Brus) des Körpers durch die Nationalsozialisten. Der eigene Körper wird so zum Medium. Und: Das überkommene, klassische Bild tritt über den Körper des Künstlers hinein in den Raum.

In den „Störungszonen“ im Gropius-Bau gibt es durchaus Raum für Nostalgie, nämlich dort, wo Brus’ Berliner Zeit dokumentiert wird. 1969 kommt er hier an, zieht nach Neukölln, in ein zerbombtes Haus, nur ein Zimmer ist heil, EG, mit Frau und Töchterchen zieht er da unter ein. Das „Exil“ am Landwehrkanal wird seine zweite Heimat, da sind schon andere österreichische Künstler gestrandet, Gerhard Rühm, Dieter Roth etwa. Oswald (Ossi) Wiener – er war auch bei der „Uniferkelei“ dabei – hat das Restaurant gegründet, Vater von Sarah Wiener. Hier treffen sich oft „linke Vögel zumeist aus der Künstlerschicht“ und andere „dubiose Wichtigkeiten“, die Nächte sind turbulent und lang. Brus merkt, dass er in Berlin zwar Freiräume hat, doch der Kunstmarkt ist alles andere als eine Karriereleiter, die Mauerstadt ein „Schlupfwinkel für alle Ausgesetzten, Ausgegrenzten und Tagesdiebe“. Wer Lust hat auf „Das gute alte West-Berlin“, Brus’ hat unter diesem Titel ein Buch veröffentlicht, es ist noch lieferbar (Jung und Jung, 22 Euro).

Irgendwann, Brus will ein guter Bürger werden, möchte er sich steuerlich erfassen lassen. Beim Finanzamt Zehlendorf ist man erstaunt. „Se’ zeichnen und malen? Wat, davon könne’ se leben?“, fragt ihn der Beamte und schickt ihn heim mit den Worten: „Lassen Se det mal!“ Elf Jahre blieb Brus in Berlin.

Brus lebte elf Jahre mit seiner Familie in Berlin

Zwischen 1964 und 1970 absolviert er 43 Aktionen, teilweise ist seine Anni dabei. Die „Zerreißprobe“ wird seine extremeste – und letzte. Er zieht mit der Rasierklinge einen Schnitt über seinen Kahlkopf, und dann macht der noch einige Dinge, die man nicht unbedingt sehen möchte. Brus weiß, an diesem Punkt muss er aufhören, sonst wird es gefährlich und ja, der Körper lässt sich nicht unendlich malträtieren. Er macht das, was er immer schon gemacht hat, zeichnen und schreiben. „Der Irrwisch“ entsteht, Bunt- und Bleistift, Pastellkreide kommen zum Einsatz.

Doch vom Körper kommt er nicht los, auch in diesen Blättern wird das Fleisch wieder schonungslos durchbohrt, aufgeschlitzt und sexualisiert. Eine Erzählung? Nicht zu erkennen. Auch wenn es an einigen Stellen märchenhaft wird, eine Erlösung gibt es bei Brus nicht. Barbara Catoir nennt es treffend ein „kleines, böses Welttheater“. Das „Irrwisch“-Buch wird, zumindest unter den Berliner „Exil“anten zum Kult. Brus wird damit 1972 zur Documenta 5 eingeladen – es wird nicht seine letzte ein. Über die Jahre haben sich seine Texte zunehmend in die Zeichnungen eingeschrieben, ein fast manisches Unternehmen, beides ist nicht mehr zu trennen. Die Wände im Gropius-Bau sind übersät davon. Doch einen Überblick zu bekommen, ist schier unmöglich.

„Haben Sie noch Fragen?“, Günter Brus schaut hinter seiner Studentenbrille hervor. „Na, dann geh’ ich rauchen.“

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi–Mo, 10–19 Uhr. Bis 6. Juni.
Katalog: 29 Euro