Es ist 23.30 Uhr am Sonnabend, Mark E. Smith tritt auf die Bühne des „White Trash“, sagt „Good afternoon“, und The Fall legt los. Sie sind nach Berlin gekommen, um ihr neues Album „Wise Ol’ Man“ vorzustellen. Das passierte recht kurzfristig, vor einer Woche wurde der Gig verkündet, das „White Trash“ ist mit 600 Besuchern ausverkauft.

The Fall gibt es seit 1976, eine kaum überschaubare Anzahl an Alben ist erschienen, kaum überschaubar auch die Anzahl an Bandmitgliedern. Sänger Mark E. Smith hat gut 40 Musiker eingestellt und wieder entlassen, er könnte auch gut Manager werden. An Radikalität fehlt es nicht. Auf der US-Tournee Ende der 90er-Jahre raufte er sich erst auf der Bühne mit dem Drummer und schmiss in der selben Nacht gleich die ganze Truppe raus. Andererseits ist diese eher neoliberale Arbeitgeberpolitik vielleicht auch Grund dafür, dass die Mu­sik von The Fall alterslos ist. „Sie sind immer anders, sie sind immer gleich“, hat BBC-DJ John Peel über sie gesagt.

Eines der letzten großen Geheimnisse der Musikindustrie

Dank ein paar Dutzend pogotanzender Mittzwanziger erinnert das „White Trash“ jedenfalls nach ein paar Takten an eine etwas aus dem Ruder laufende Uniparty. Warum der Altersschnitt über die Jahrzehnte bei The Fall kaum gestiegen ist, ist eines der letzten großen Geheimnisse der Musikindustrie. In 99 von 100 Fällen altert das Publikum mit der Band. Legendär sind die Liveauftritte auch nicht, höchstens legendär schlecht gelaunt, wenn Mark E. Smith mit dem Rücken zum Publikum ins Mikrofon nuschelt. Selbst Weihnachten bei einem Konzert in den 90er-Jahren in der Volksbühne war er stofflig wie gewohnt.

Nun die Verwandlung: In aufgeräumter Stimmung ist er, irgendwann meint man, ein Lächeln zu sehen, ein freundliches Wort an Gitarrist Pete Greenway zu vernehmen. Es gibt keinen Abstand zwischen Bühne und Saal, Band und Publikum scheinen sich zu vereinen, und The Fall spielt nur von Rhythmus getriebene Lieder und spart das Experimentelle aus, alle hüpfen oder nicken mit dem Kopf, und keiner quatscht rum, und dann kommt der Moment, in dem Mark E. Smith eines seiner Mikrofone an einen Mann im Publikum reicht, und das ist der Moment, in dem man weiß, dass man heute, hier und jetzt, ein sensationelles Konzert erlebt.