Humboldt-Forum

Das Tauziehen um das Berliner Stadtschloss

Im Herzen Berlins entsteht Deutschlands größtes Kulturprojekt. 2019 soll alles fertig sein, doch an allen Ecken steigt der Zeitdruck.

Über Jahre war das Berliner Schloss das Vorzeigeobjekt der Stadt. So viele hat sie nicht, daher war man auch stolz auf den Wiederaufbau der Hohenzollernresidenz. Ein Vorhaben, das sich im Zeit- und Kostenrahmen befindet. Was es nicht alles gibt.

Verantwortet hat das kulturelle Großprojekt der Bundesrepublik über die Jahre Manfred Rettig. Der Münsteraner war seit 2009 Vorsitzender der Stiftung Berliner Schloss. Kein Interview gab er, keinen öffentlichen Aufritt absolvierte er, ohne dass er darauf hinwies, wie entscheidend es sei, dass die Pläne eingehalten werden und keine inhaltlichen Veränderungen mehr vorgenommen werden dürften, die eine bauliche Veränderung nach sich ziehen. Die Öffentlichkeit hatte sich ihr Bild gemacht: Während die Rasselbande aus der Kultur nie richtig zu wissen schien, was sie genau in das Schloss hineinstellen will, gab es mit Rettig den Herbergsvater, der für Ordnung sorgte. So war der Anschein über Jahre, genau genommen bis zum 13. Januar 2016.

An diesem Tag verkündete Manfred Rettig seinen Rücktritt. Prinzipiell kann man sich leise oder mit einem Knall von seinem bisherigen Posten zurückziehen. Manfred Rettig entschied sich für beide Varianten, eine denkbar unglückliche Mischung. In der Sitzung des Stiftungsrates verabschiedete er sich nahezu unauffällig, im Anschluss gab er zwei schlagzeilenträchtige Interviews. Er wolle mit seinem Abgang ein Zeichen setzen, sagt er dem „Tagesspiegel“: „Jedem muss klar sein, dass Grenzen gesetzt sind, wenn man das Projekt nicht gefährden will.“ Gegenüber der Berliner Morgenpost hatte er eine andere Erklärung für seinen Rücktritt parat: „Ein Großteil der Arbeit ist gemacht. Für mich als Ingenieur ist das Schloss fertig.“ 2019, daran bestünde kein Zweifel, sei man „eröffnungsfähig“. Ein etwas vergifteter Abschiedsgruß, bedeutete er doch, dass sein Nachfolger nicht mehr viel machen könnte – jedenfalls nicht mehr viel richtig.

Wenige Tage nach seinem angekündigten Rücktritt wurde bekannt, dass die Arbeiten am Schloss mitnichten so reibungslos liefen wie dargestellt. Interne Protokolle aus den Jahren 2014 und 2015, die der Berliner Morgenpost vorliegen, belegten, dass die rechtzeitige Fertigstellung des Schlosses 2019 sowohl von Politikern als auch innerhalb der Stiftung Berliner Schloss seit Monaten bezweifelt wurde (Berliner Morgenpost, 21.1.2016). Im Folgenden geben wir einen Überblick über die Punkte, die entscheidend dafür sein werden, ob das Schloss termingerecht fertig sein und im Kostenrahmen von 590 Millionen Euro bleiben wird.

Der Bau: Eine Verzögerung „wäre ein Drama“

Florian Pronold (SPD) kann die Unruhe um das Schloss verstehen. Der Baustaatssekretär war selbst nervös geworden. Damals war es September, und die Gebäudetechnik bereitete ihm Sorgen. Im Grunde sorgte die ihn schon seit Monaten, denn in jedem Quartalsbericht der Stiftung wurden Versäumnisse und Verzögerungen bei der Planung für Heizung-Lüftung-Sanitär benannt. Die 6,2 Millionen Euro Mehrkosten sind zwar nicht schön, aber angesichts des Gesamtvolumens von knapp 600 Millionen Euro unerheblich. „Was mich beunruhigte, war die Frage, ob es eine Verzögerung gibt“, sagt Florian Pronold, „wenn dies der Fall ist, folgt meistens auch eine Kostenexplosion. Das ist wie ein Dominoeffekt.“

Er habe den Stiftungsrat, die Fachabteilung und Manfred Rettig befragt. Alle versicherten ihm glaubhaft, dass man mit technischen Gewerken an unterschiedlichen Stellen beginnt und damit die jetzige Zeitverzögerung aufhole. „Wir können im Jahr 2019 eröffnen. Das ist der letzte Stand.“ Ein fertiggestellter Rohbau, das ist schon mal was. Von „einer ersten großen Hürde“, die man genommen habe, spricht Florian Pronold. Für manche jedoch ist das Glas halb leer. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, warnt vor dem „technisch nicht unkomplizierten Innenausbau“. Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) erklärte bei Rettigs Abschied: „Wir hätten uns gewünscht, dass er seine Arbeit zu Ende bringt.“ Mit anderen Worten: Es bleibt noch genug zu tun.

Nun also die Phase 2. Gerade für jeden Museumsneubau eine heikle Zeit, gilt es doch, die Umgebung für die klimatisch hochempfindlichen Exponate zu schaffen. Die technische Phase sei riskant, sagt Florian Pronold, aber der Bayer sagt es in einem „Ja-mei-Jargon“. So wie: Ja mei, wer baut, der sollte sich nicht ständig sorgen, was hypothetisch alles schiefgehen könne.

>>> Das Berliner Stadtschloss - damals und heute

Ein paar Tage zuvor hat man einen Museumsmann getroffen, der lange über die historische Dimension des Baus für Deutschland sprach und wie wichtig es für das Ansehen des Landes sei, dass der erste Auftritt des Humboldt-Forums auch perfekt sei. Dieser Mann sagte, dass es für den Lauf der Geschichte wirklich komplett egal sei, ob das Schloss nun 2019 oder 2020 oder 2021 aufmache.

Spricht man Florian Pronold auf dieses Gespräch an, verliert er kurz seine Gelassenheit: „Es wäre ein Drama, wenn wir 2019 nicht eröffnen würden.“ Niemand würde dem Staat mehr zutrauen im Kosten- und Zeitrahmen zu bauen. Dabei lägen 60 Prozent der größeren Hochbauprojekte des Bundes durchaus im Kostenrahmen, und sein Ministerium arbeite daran, dass es mehr werden. „Ich glaube, dass dieses bedeutende Bundesbauprojekt auch kulturell nur ein Erfolg wird, wenn wir uns nicht in die Ahnenreihe anderer verpfuschter Großprojekte einreihen und im Zeit- und Kostenrahmen bleiben und mit den Fassadenspenden hinkommen. Das wäre ein guter Start.“

Manfred Rettig hatte die Sorge nicht losgelassen, dass einer der Kulturschaffenden anfängt, die bisherigen Pläne zu verwerfen und Wände zu verschieben, weil das besser in sein Museumskonzept passt. Bis jetzt ist es eine Vermutung geblieben, „eine Scheindebatte“ sei das, wie ein Kulturpolitiker zürnt. Kein Verantwortlicher hat, auch nicht in Hintergrundgesprächen, angedeutet, dass er grundlegend an der Raumgestaltung etwas ändern möchte. „Die Leute vom Bau warten doch nur darauf, dass wir das Konzept ändern, damit es nachher heißt: ,Die Kulturfuzzis haben es wieder vermasselt‘“, sagt ein Museumsmanager.

Eines hat Manfred Rettig auf jeden Fall in den vergangenen Jahren geschafft, nämlich die Frage aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, was genau da eigentlich gebaut wird. Hauptsache fertig stellen, ist das Mantra, die Fakten sind geschaffen, eine historische Rekonstruktion ist entstanden, die nichts über das heutige Deutschland aussagt. „Es ist die alte Bundesrepublik: solide, leicht uninspiriert und bloß nicht auffallen“, sagt Rüdiger Kruse (CDU), Hauptberichterstatter für Kultur und Medien im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags, „die Chance, an dieser Stelle die Architektur des 21. Jahrhunderts zu bauen, eine echte architektonische Aussage zu treffen, ist vertan“.

Der Intendant: Neil MacGregor als Heilsbringer

Ob in Politik, Museen oder Kultur: Wo immer man sich umhört, alle lieben ihn, den Schotten Neil MacGregor. Der profunde Deutschlandkenner wird in Berlin wie eine Heilsfigur verehrt, kaum war er im April 2015 berufen, verlieh man ihm den Deutschen Nationalpreis und die Goethe-Medaille.

So groß die Verehrung ist, so ungestillt ist die Sehnsucht nach ihm. „Neil MacGregor fängt seine Arbeit in Berlin zu spät an,“ so Manfred Rettig. Er geht davon aus, dass die meisten Entscheidungen schon gefallen sind. Aber ein eindeutiges Bild, was genau in das Schloss kommen wird, hat der Beobachter nicht. Ein Abklatsch eines Völkerkundemuseums soll es nicht werden, beteuerten alle Beteiligten. Auch so eine Präsentation wie die des sogenannten Humboldt Labs, das über Jahre immer wieder neue putzig-unbeholfene Ethno-Schauen in Dahlem zeigte, soll es in Mitte nicht geben.

Das Schlimme sei nicht, dass Neil MacGregor erst mit Beginn des Jahres offiziell mit seiner Arbeit begonnen habe, sagt ein Museumsmanager, sondern dass er zu wenig in der Stadt sei. Nur zehn Tage verbringt er in Berlin, denn in Mumbai arbeitet er zudem noch im dortigen, aus der britischen Kolonialzeit stammenden CSMVS-Museum, dem ehemaligen Prince of Wales Museum, beim Aufbau einer neuen Präsentation zu den Weltkulturen mit. Ein Vorwurf ist ihm nicht zu machen, der Schotte hat allen Beteiligten gesagt, wie eng sein Terminkalender sei und dass er bei allem Tatendrang berücksichtigt sehen möchte, dass er 69 Jahre alt ist. „Man wollte sich mit seinem Namen schmücken“, sagt einer aus seinem Umfeld.

Wenn es um das künftige Wirken MacGregors geht, dann beobachtet Monika Grütters zwei Extrempositionen. „Die einen sagen, die Pläne der Museen Dahlem seien viel zu ausgereift“, sagt sie, „die anderen fragen, wo denn überhaupt der Gestaltungsrahmen für Neil MacGregor liegt?“

Als Gründungsintendant soll er zusammen mit den Berliner „Stellvertretern“, dem Kunstwissenschaftler Horst Bredekamp und dem Preußen-Präsidenten Hermann Parzinger, richten, was die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den vergangenen Jahren nicht geschafft hat: dem Humboldt-Forum einen ganzheitlichen Guss geben. Denn eins sei bislang nicht passiert, mokiert sich Monika Grütters, nämlich „die einzelnen Akteure alle zusammenzubringen, um ein einheitliches Forum im Ganzen zu gestalten“. Das könne man von den Betroffenen auch nicht erwarten, dass die auf „die Metaebene“ gehen. „Deshalb war es wichtig, jemanden von außen zu holen, der eine übergeordnete Perspektive einnimmt. Das ist der Qualitätssprung, den wir erwarten.“

Ein Weltmuseum mit internationaler Strahlkraft zu erschaffen, das erwartet man von ihm. Damit läuft das ganze Projekt natürlich unter einer komplett neuen Beflaggung, ging es den Berliner Museumsmachern bislang doch vor allem darum, ihre Südseeschiffchen heil von Dahlem nach Mitte zu bekommen. Verhandelt werden hier ab sofort „die großen Menschheitsthemen, Anfang und Ende des Lebens, die Rolle der Religion oder das aktuelle Thema der Völkerwanderung“, wie Monika Grütters es formuliert. Sie hofft, dass am Ende mit den Angeboten im Humboldt-Forum ein Erkenntniszuwachs verbunden ist: „Dass uns Menschen auf der ganzen Welt mehr verbindet, als uns trennt.“

Der Brite muss also die eigenwilligen Akteure mit ihren Einzelinteressen wie die Humboldt-Universität, das Land Berlin und die Staatlichen Museen erst einmal zusammenbringen. Ein gemeinsames Verständnis ist bislang nicht vorhanden. Und ja, auch die Anbindung zur Museumsinsel sollte er bewerkstelligen. Darauf kommt es also an: Wie wird er die Themen wie Migration oder Islam abstecken? Wie vernetzt er die einzelnen Konzepte jenseits eines rein musealen Entwurfes? Gelingt ihm „Visionäres, was über die Größenordnung der Vitrinen hinausweist“ (Grütters)? Welche Veränderungen wird MacGregor anmelden bei der geplanten Präsentation der Dahlemer Sammlungen? Da sei „nichts fest zementiert“, wie Monika Grütters betont. Schließlich hat die Kulturstaatsministerin den weltreisenden Briten nach Berlin geholt, damit er seine Themen und Geschichten umsetzen kann. „Natürlich bekommt er die Chance, bei der inhaltlichen Gestaltung nachzujustieren, wenn er es für sinnvoll hält.“ Sie glaubt aber nicht, dass das rückwirkend Auswirkung auf die Etagen hat. „Ich bin mir sicher, dass Neil MacGregor das außergewöhnliche Potenzial der Berliner Sammlungen als Ganzes im Auge hat, um damit die großen Fragen der Menschheitsgeschichte zu thematisieren“, sagt Grütters.

In der Politik geht die Sorge um, dass das Humboldt-Forum ein aufgehübschtes Völkerkundemuseum wird, entstanden mehr aus einer Folge von Sachzwängen, die man im Nachhinein bedeutungsschwanger als wegweisende Richtungsentscheidung verkauft. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz war in den 90er-Jahren unglücklich mit ihren Standorten in Dahlem und in Mitte entstand ein Schloss. Das durfte nicht leer stehen. So wurde Hülle und Inhalt passend gemacht. Nun also geht es darum, wie CDU-Haushälter Rüdiger Kruse es sagt, „die deutsche Positionierung zur Ethnologie“ zu formulieren: „Und diese Positionierung kann keine andere sein als das Ende des Ethnozentrismus. Ein Museum für die deutsche Sicht auf die Welt wäre so retro wie die Fassade. In dieser Addition wäre es nicht nur langweilig, sondern eine Katastrophe.“

Was Neil MacGregor braucht, ist finanzielle Sicherheit. Für dieses Jahr hat er einen Etat von 3,5 Millionen Euro, der 2017 auf einen „zweistelligen Betrag“ steigen soll. 40 bis 60 Millionen sind künftig für den Gesamtbetrieb veranschlagt, doch die Haushälter müssen die Mittel noch bewilligen. Ein Beraterkreis wird Neil MacGregor künftig zur Seite stehen – das Auswärtige Amt, Goethe-Institut, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und das Haus der Kulturen der Welt sollen ihre Expertise beisteuern. MacGregor wird hoffentlich wissen, wie er mit dieser Berliner Konzeptüberflutung umzugehen hat. Man hört, er lässt sich dieser Tage einige Häuser zeigen, viele Dinge erklären. Auffallend ist, dass er sich öffentlich sehr zurückhält. In einem „Spiegel“-Interview sagte er viel über die Deutschen, nichts Konkretes über seine Vorstellungen in der Mitte Berlins. Sein erster Auftritt in Berlin wird entscheidend sein, daran wird er gemessen.

Berlin-Schau: Ein Stadtmuseum soll das Publikum locken

Wer im Internet auf den Seiten des Humboldt-Forums nachschaut, sieht, wie der Stand der Planung ist: „Die Vision“ steht da. Allen Ernstes ist für den ersten Stock noch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin mit ihrer „Welt der Sprachen“ eingetragen. Die Pläne sind obsolet, seit der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im vergangenen Jahr überraschend das Bibliothekskonzept kippte zugunsten einer Ausstellung „Welt.Stadt.Berlin“, von der keiner bislang genau weiß, was auf 4000 Quadratmetern über die Me-tropole hinaus realisiert werden soll.

„Ich begrüße das, weil es viel besser in den Gesamtkontext passt als eine Bibliothek“, meint Monika Grütters. Müllers neuer Mann für das Projekt heißt Paul Spies (55), kommt aus Amsterdam und muss sich wie Neil MacGregor die Stadt erst in ihrem inneren Gefüge aneignen. Für ihn hat Priorität, dass alle Institutionen sich im Humboldt-Forum „verschränken“, „viele Schnittstellen“ haben. Das Humboldt-Forum sei kein „Betriebsversammlungsgebäude“, es braucht ein Konzept für das ganze Gebäude, dazu gehören für ihn auch die Innenhöfe. „Ich hoffe, wir schaffen das.“ Die Schau „Welt.Stadt.Berlin“ funktioniert für ihn als „Brücke“ zwischen der Stadt draußen und den Weltkulturen in den oberen Stockwerken.

Die Idee ist nachvollziehbar: Wer in der Ausstellung Impulse bekommt, wird den Weg in die Museen über die Rolltreppen finden. Wenn nicht, dreht der Besucher ab und verlässt das Humboldt-Forum. Es ginge, erklärt Paul Spies, im Berlin-Teil nicht um „City-Werbung“, wie manche fürchten, sondern um die Diskussion über Chancen und Probleme, die eine internationale Großstadt heute habe.

Er könnte es auch so formulieren: Die Touristen kommen nach Berlin, weil sie die Geschichte der Stadt einmalig, kurios, sehenswert finden. Daher gehen sie in das DDR-Museum, zu den Gedenkstätten Hohenschönhausen und Bernauer Straße. Theoretisch würden sie auch das Märkische Museum besuchen, aber das kann man keinem mit ehrlichem Gewissen empfehlen. Ein Stadtmuseum soll, so der offizielle Sprachgebrauch, nicht in das Humboldt-Forum einziehen, aber das ist Rabulistik für Fortgeschrittene. Es wird „ein Ort über Themen und Personen, mit denen Berlin die Welt bewegt hat und umgekehrt die Welt Berlin“, hat Kulturstaatssekretär Tim Renner die Richtung vorgegeben. All die Wortgirlanden – modern, interdisziplinär, den Weltbürger fest im Blick – zur Seite geschoben, wird in die erste Etage ein Stadtmuseum einziehen. Was ja nicht verkehrt ist. Einen Publikumsmagneten kann man immer gebrauchen.

„Berlin ist hier nur pars pro toto“ – ein Teil für das Ganze, sagte Paul Spies. Große bauliche Veränderungen seien nicht nötig, versichert er. An Klima und Licht könne ohnehin nichts verändert werden. Er wolle lediglich auf einige noch nicht hochgezogene Wände verzichten. „Ich brauche keine Büros, ich brauche schöne Räume.“ Im April soll über das Interieur gesprochen werden. Im Juli soll dann der Masterplan für „Welt.Stadt.Berlin“ fertig sein.

Den ersten Stock teilt sich Berlin mit der Humboldt-Universität, die 1000 Quadratmeter hat und von deren Planungen lediglich bekannt ist, dass hier vermittelt werden soll, „welche Rolle Wissenschaft im Alltag eines jeden spielt“. So steht es im Netz. Eine richtige Planstelle gab es offenbar auch lange nicht.

Relativ fertig sind die Konzepte für die beiden Dahlemer Museen, das Ethnologische und das Asiatische, für sie sind die beiden Obergeschosse reserviert. Seit zwei Wochen sind die großen Sammlungen in Dahlem geschlossen, der Umzug der 500.000 Objekte wird vorbereitet. Doch es wird nicht reichen. Als Joker gilt das Erdgeschoss, hier sollen Sonderausstellungen, Veranstaltungen wie Kino, Diskussionen, Musik und Konferenzen stattfinden. Der Multifunktionssaal und das Auditorium fassen 500 und 600 Gäste.

Das Programm soll täglich wechseln und muss schlüssig sein, um aus dem Humboldt-Forum mehr zu machen als ein halb leeres Museum: ein lebendiges, weltoffenes Haus – ganz nach dem Vorbild des Pariser Centre Pompidou. Die Messlatte hängt hoch, die Aufgabe ist hochpolitisch. Es soll Jüngere und Ältere, Berliner und Touristen und Migranten mit den Weltkulturen konfrontieren.

Die Spenden: Noch fehlen 48 Millionen Euro

Ohne ihn sähe das Schloss heute anders aus: Wilhelm von Boddien ist Spendensammler, Kommunikator, Kontakter und begnadeter Taktiker in Personalunion. Wenn man ihn trifft, ist er eigentlich immer im Job, charmant, freundlich, ironisch. Und ja, vor allem immer schön locker bleiben, sagt er. Jeder könnte ein potenzieller Geldgeber sein. Wie die alte Dame, die oben in der Humboldt-Box steht, die immer mal was gibt und oft hierherkommt, einfach um zu sehen, wie es dem Schloss geht. Und um mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern zu reden.

Boddien schüttelt ihre Hände, ein paar nette Worte hier und da. „Ach, ihr Lieben, danke für den Kaffee!“ Den gibt es natürlich standesgemäß, in Schlosstassen. Natürlich kann man sie einige Meter weiter käuflich erwerben. Warum auch nicht? Optimismus gehört dazu, sonst könnte Boddien seinen Job überhaupt nicht machen. Kritik hat er schon oft wegstecken müssen, manche nannten ihn „Schlossgespenst“. Das Schloss aber ist sein Lebenswerk. „Das ziehe ich durch“, sagt er. Er weiß auch, an den Spenden wird er einmal gemessen. 105 Millionen Euro will er einwerben, für die Fassaden und die Kuppel. 48 Millionen fehlen ihm jetzt noch, sagt er.

Der Countdown läuft, dann erscheint die Zahl nicht mehr so hoch. Eine Summe, die machbar ist, meint er. Andere glauben das nicht, im Bundesbauministerium gilt die Summe als Risiko. Aber Boddien hält dem natürlich seine ganz eigene Kalkulation entgegen: Wenn jetzt noch 120.000 Menschen jeweils 400 Euro spenden, einmalig und steuerlich absetzbar, dann wäre die Summe beisammen. Bei 3,5 Millionen Berlinern und 82 Millionen Deutschen sollte das klappen. Dass sei nur eine Frage des Marketings. Für ihn ist die Frauenkirche in Dresden ein gutes Beispiel. Zwei Drittel der Spenden kamen erst im letzten Drittel der Bauzeit. Je mehr Baufortschritt, umso größer die Spendenbereitschaft, so seine Erfahrung. Und er hat ja noch Zeit bis 2019. „Halbzeit“, sagt der Optimist.

Seit dem Richtfest kämen 50 Prozent der Spender aus Berlin, rechnet er vor, zu Beginn der Erdarbeiten waren es nur zehn Prozent. Seit vergangenem Jahr ist der Eintritt in der Humboldt-Box kostenlos, die drei Euro wollten die wenigsten zahlen. So blieben die Besucher aus. Ein Berliner hat ihm mal wegen der Eintrittspreise auf den Kopf zugesagt: „Ich will das Schloss doch nicht kaufen!“ Dafür gaben die Besucher, seit der Eintritt frei ist, „fünfmal mehr Spenden“. „Die Humboldt-Box ist unser Point of Sale“, sagt er. Aber gebettelt wird dort nicht, darauf legt er Wert. Und schon muss er los, in die Philharmonie, zum Neujahrskonzert. Der Erlös geht ans Schloss. Ausverkauft, 18 Euro kostet die Karte. Optimismus, den braucht Wilhelm von Boddien.

Das erste Exponat: Eine Blume aus dem Palast der Republik

Noch braucht man Gummistiefel im Skulpturensaal. Der Regen hat dicke Pfützen hinterlassen. In einer Ecke ist es blumig. Da steht, auf einem improvisierten Sockel, das erste Exponat des Humboldt-Forums: die „Gläserne Blume“, um die 50 Zentimeter groß, mit zehn Blättern aus Glas mit weißen, ornamentalen Mustern. In der Mitte eine Glaskugel, wie Wahrsager sie gern benutzen. Ein Modell, das Original, mehrere Meter groß, stand einst im Palast der Republik, mitten im Foyer und als Treffpunkt beliebt.

Der Künstler Reginald Richter fertigte die tonnenschwere Blume damals, nun hat er die Miniatur entworfen. Wo die neue Blume einmal stehen wird, rekonstruiert oder als Neuentwurf, keiner weiß es. Das Original jedenfalls ist zu fragil für eine Aufstellung im Schloss. Das sind offene Fragen, doch wieso sollte es bei diesen Blütenträumen im Detail anders sein als beim Gesamtkonzept des Humboldt-Forums? Neil MacGregor soll es entscheiden, heißt es.

Sicher ist nur, dass das Modell Teil der Sammlung des „Museums des Ortes“ wird. Eine Art künstlerische „Probebohrung“ in der 700-jährigen Geschichte des Schlossplatzes. Ein bisschen absurd ist die Situation an diesem Morgen schon, eine kleine Blume inmitten eines riesigen, leeren Schlosses zu präsentieren. „Aber wir wollen ja etwas zeigen“, sagt die Kuratorin Judith Prokasky. Ein Anfang ist gemacht.