Nachruf

Roger Willemsen: Er unterhielt, ohne zu unterfordern

Ein Tod ist selten eine schöne Sache, aber bei Roger Willemsen kommt er einem besonders ungerecht vor. Ein Nachruf.

Roger Willemsen ist im Alter von 60 Jahren gestorben

Roger Willemsen ist im Alter von 60 Jahren gestorben

Foto: Roland Magunia

„Mit 60 Jahren fühle ich mich immer noch halbstark“, erzählte Roger Willemsen im August vergangenen Jahres, als er im NDR-Hörfunk anlässlich seines Geburtstages interviewt wurde. „Selbstgewiss und gelassen“ sei er, aber immer noch schnell „erregbar“. Er bewunderte Dieter Hildebrandt, der mit über 80 Jahren immer noch stramm auf 100 Bühnenauftritte kam, dieser Mann mit so einem Durchhaltevermögen war sein Vorbild.

Roger Willemsen klang in dieser Sendung wie jemand, der mit sich im Reinen ist – zufrieden über die Wegstrecke, die er gegangen ist und voller Vorfreude auf das, was ihm noch bevorsteht. Kurze Zeit nach seinem 60. Geburtstag erfuhr Roger Willemsen, dass er an Krebs erkrankt war.

Am Montag teilte der Fischer Verlag mit, dass er an Krebs gestorben ist. Ein Tod ist selten eine schöne Sache, aber bei Roger Willemsen kommt er einem besonders ungerecht vor. Er war voller Lebensfreude, voller Neugierde, voller Wissensdurst, die Formulierung „aus dem Leben gerissen“ trifft auf ihn auf schmerzliche Weise zu.

Roger Willemsen hatte die seltene Gabe, sich mündlich wie schriftlich auf eine verständige, einnehmende, stets empathische Weise auszudrücken. Er konnte unterhalten, ohne zu unterfordern. Und so kam es zwangsläufig, dass er in beiden Medien – im Fernsehen wie in der Buchbranche – zu Hause war. Um die 50 Bücher hat er geschrieben, so genau wusste er es auch nicht mehr.

Sein letztes Werk „Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament“ passte ziemlich gut zu der Person Willemsen. Wie der Titel andeutet, verbrachte er ein Jahr lang im Bundestag. „Begeistert“ war er von „der vehementen Art, wie manche Parlamentarier Standpunkte vertreten können“. Und gleichzeitig war er „entsetzt“ darüber, „wie manchmal die parlamentarische Idee mit Füßen getreten wird. Keiner guckt nach vorne, keiner hört zu, jeder demonstriert, dass ihm egal ist, was da vorne gesagt wird“. Etwas für egal halten, desinteressiert sein, sich abwenden – für Roger Willemsen, den ewig Wissbegierigen, gab es kein größeres Vergehen am Leben.

An der Humboldt-Universität hatte er eine Honorar-Professur

1955 wurde Willemsen in Bonn geboren. Der Vater, ein Kunsthistoriker und Restaurator, starb, als der Sohn noch im Teenageralter war. Der Leser hat 2009 in seinem Buch „Der Knacks“ über sein Gefühlsleben in dieser Zeit erfahren, wie der Vater langsam aus dem Leben entschwand – auch er starb an Krebs – und die Lücke, die er hinterließ, die erst viel später spürbar war.

„Der Knacks“ war ein persönliches Essayband, auch durchzogen von einer Melancholie, die nicht typisch für ihn war: „In jedem Leben kommt der Augenblick,“ schrieb er, „in dem die Zeit einen anderen Weg geht als man selbst. Es ist der Moment, in dem man aufhört, Zeitgenosse zu sein. Man lässt die Mitwelt ziehen.“ Für jemanden, der so verbunden war mit der Jetzt-Zeit und so konzentriert in jedem einzelnen Augenblick, sicher eine verwunderliche Erkenntnis.

Willemsen studierte in Bonn, Florenz, München und Wien Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Er war ein Intellektueller, wenngleich ein fröhlicher Intellektueller. Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat das Gesamtkunstwerk Willemsen einmal treffend zusammengefasst: „Er hat über Robert Musil promoviert, gemeinsam mit Charlotte Roche auf einer Toilette gepinkelt und ein krankes Orang-Utan-Baby auf einem Kanu vor dem Tod im indonesischen Dschungel gerettet.“

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Willemsen 1991 mit der Talksendung „0137“ beim Bezahlsender Premiere, dem Vorläufer von Sky. In der unverschlüsselt ausgestrahlten Sendung führte Willemsen pro Jahr mehr als 600 Interviews. Seine Gästeliste reichte von der Schauspielerin Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Arafat.

Für das ZDF moderierte er bis 1998 die wöchentliche Talkshow „Willemsen Woche“. Im Oktober 2001 kündigte Willemsen nach elf Jahren Fernseharbeit seinen Abschied vom Bildschirm an. Zur Begründung sagte er, es sei aufreibend zu versuchen, Minderheitsinteressen auf ein Massenpublikum zu übertragen. Nach zweijähriger Pause als TV-Moderator kehrte er 2004 im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens zurück, den er bis September 2006 präsentierte.

Wer durch seine Vita blättert, muss feststellen: Ausgelassen hat er wenig. Mehr als 80 Länder habe er bereist, hatte Roger Willemsen einmal in einem Interview gesagt. Und wer wirklich unterwegs sein wolle, müsse sich in anderen Kulturen „verlieren können“.

In der Berliner Philharmonie präsentierte er seit 2012 in der Konzertreihe „Unterwegs“ Weltmusik und Ensembles aus den verschiedensten Kulturkreisen. An der Humboldt-Universität hatte Roger Willemsen seit 2010 eine Honorar-Professur. An mitreißende Vorträge und aufregende Diskussionsrunden erinnern sich die Akademiker.

In der „Knacks“ erzählt Roger Willemsen von dem Tag, „an dem man sich das Alter vorstellen kann, seine Desillusion, seine Bitterkeit, den begrenzten Aktionsradius. An dem Tag beginnt man wirklich zu altern.“ Das sei der Tag, „an dem man ein Medikament verschrieben bekommt, das man bis ans Ende seines Lebens nehmen muss; der Tag, an dem man das Geländer braucht, um eine Treppe abwärts zu steigen, der Tag, an dem man im Zug den Koffer nicht mehr allein auf die Ablage bekommt.“

Roger Willemsen wusste um das Altern, und er wusste um die Vergeblichkeit des Tuns, und er wusste um das Aufbegehren gegen die Sinnlosigkeit: „Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.“ So gesehen, hat er seinem Leben einen Sinn gegeben.

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