Theater in Berlin

Ivan Vrgoc beweist in Berlin Mut zum Chaos

Ivan Vrgoc steht mit dem Theaterstück „Geächtet“ vor der Premiere. Die Proben verliefen turbulent. Den Regisseur musste er rausschmeißen.

 Ivan Vrgoc ist Chef und Eigentümer der Theater-Produktionsgesellschaft Santinis. „Geächtet“ ist die dritte Inszenierung der Firma, die vor drei Jahren startete

Ivan Vrgoc ist Chef und Eigentümer der Theater-Produktionsgesellschaft Santinis. „Geächtet“ ist die dritte Inszenierung der Firma, die vor drei Jahren startete

Foto: Joerg Krauthoefer

Wir treffen uns im Konversationszimmer. Es befindet sich gleich hinter der Pforte des Bühneneingang des Theaters am Kurfürstendamm. Man kann auf einem Sofa oder auf den Stühlen sitzen, die Tischdecke ist blauweiß kariert, an einer Wand hängen Bilder aus den Tagen, als Wolfgang Spier an dem Haus noch Regie führte, und die Luft ist verqualmt wie im Schultheiß-Eck gegen zwei Uhr in der Früh. An der Tür ist akkurat ein Schild befestigt: „Konversationszimmer“.

Also reden wir. Ivan Vrgoc (38) hat ein paar Schlagzeilen in den vergangenen Wochen gemacht. Er war Coverboy im Wirtschaftsmagazin „Brand eins“ mit dem Titel „Mach dein Ding. Schwerpunkt: Befreiung“. Und im Stadtmagazin „Tip“ wurde er als einer der 13 „Durchstarter 2016“ aufgeführt. Beide Male wurde er mit Zigarette abgelichtet, als sei Deutschlands letzter Abenteurer unterwegs. Der Tenor der Geschichten war ähnlich: Endlich tut mal einer was. Endlich schert mal einer aus dieser elendigen Man-müsste-mal-Haltung aus.

Der eigene Chef, das hat seinen Preis

Ivan Vrgoc ist ins Risiko gegangen. Er hat eine eigene Produktionsgesellschaft gegründet, ihr den Namen Santinis gegeben und sich mit 80.000 Euro bei Freunden verschuldet. Die Banken gaben ihm kein Geld, und irgendwie kann man sie verstehen. Die deutsche Theaterlandschaft ist gut subventioniert, so etwas wie fairer Wettbewerb gibt es nicht und gilt auch als anrüchig und kulturbanausig.

Ivan Vrgoc macht es auf eigene Rechnung, auf seiner Haben-Seite stehen künstlerische Unabhängigkeit und der Gemeinschaftsgeist eines Ensembles. Er ist sein eigener Chef, das hat seinen Preis, aber er macht den Eindruck, als würde er ihn gern zahlen. Er teste gern seine Grenzen, sagt Ivan Vrgoc.

Er wechselte die Regie 23 Tage vor der ersten Aufführung

Mit Santinis Production steht er nun vor seiner dritten Premiere. Den Start machte er 2013 mit „Gerüchte, Gerüchte“ mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle, es folgte „Eine Familie“, das Stück, das im Kino unter „August: Osage County“ bekannt wurde, Regie führte Ilan Ronen und auf der Bühne standen Annette Frier und Friederike Kempte.

Spielort des neuen Stückes, das am heutigen Donnerstag Premiere hat, ist nun erneut das Theater am Kurfürstendamm, aber ansonsten ist doch im Vergleich zu den beiden anderen Stücken alles anders. Das Stück. Die Besetzung. Die Regie.

Fremdes Terrain, bekannte Themen

Fangen wir mit dem Stoff an: „Geächtet“ ist ein vier Personen-Stück, es spielt in New York und zwar in der Welt der unfassbar gut verdienenden Menschen. Sie haben unterschiedliche Ethnien und das Setting, in der Juden, Muslime, Christen, Schwarze und Weiße der gleichen, gehobenen Gesellschaftsschicht angehören, findet man in den USA vor, nicht aber in Deutschland.

Im Gegensatz zu dem Stück „Eine Familie“, bei dem man sich leicht mit dem einen oder anderen Darsteller identifizieren konnte, ist „Geächtet“ ein Theaterstück über eine nicht so bekannte Welt. Obwohl die Themen wie Migration, Religion und Terrorismus, die hier verhandelt werden, natürlich auch hierzulande Selbstläufer sind.

Es ist eine „Chaosproduktion“

Wenn man Ivan Vrgoc fragt, warum er sich für das Stück entschieden hat, dann wird man aus seiner Antwort nicht ganz schlau. Außer, dass man den Drehbuch nicht aus der Hand legen konnte, wenn man einmal damit angefangen habe, nennt er keinen so richtig nachvollziehbaren Grund. Ivan Vrgoc sagt, dass er sehr müde sei, und das glaubt man ihm sofort.

Die vergangenen Wochen liefen nicht wie geplant. Eine „Chaosproduktion“ sei es, sagt Ivan Vrgoc. Und am Ende dieser turbulenten Tage war er, der Alleininhaber von Santinis und Produzent des Stückes, auch noch Regisseur. Vom Regisseur Arash T. Riahi trennte man sich kurz nach Neujahr, er habe da einen Fehler gemacht, sagt Ivan Vrgoc, er nehme das auf seine Kappe.

Es muss richtig geknallt haben

Der Regisseur hatte bislang für den Film gearbeitet und das dokumentarisch; offenbar war ihm die Arbeit mit echten Schauspielern fremd, sie hätten nicht gewusst, wohin er eigentlich wolle. Um die Sache noch komplizierter zu machen, funktionierte die Zusammenarbeit mit Cosma Shiva Hagen von Anfang an nicht.

Wenn schon in der Pressemittelung steht, dass man sich wegen „unterschiedlicher künstlerischer Differenzen“ getrennt hat – statt des übliches Textbausteins „einvernehmlich getrennt“ –, dann weiß man, dass es geknallt hatte. Launen und Divenhaftigkeit gehört zur DNA eines Schauspielers, da muss man schon sich einiges leisten, um es zum Bruch kommen zu lassen. Am 5. Januar zog Ivan Vrgoc „die Reißleine“. 23 Tage vor der Premiere wechselte er die Regie und eine der Hauptdarsteller.

Es kann nur aufwärts gehen

Das Stück sei sehr aktuell, sehr politisch und er würde sich keine Sorgen machen, liefe es an der Schaubühne oder am Deutschen Theater. Am Theater am Kurfürstendamm erwartet das Publikum aber leichtgängigen Boulevard. Dass die Zukunft der Bühne im Ku’damm-Karree unsicher ist, hat er auch mitbekommen.

Davon ist er betroffen, denn zwei Stücke wollte er hier in den kommenden zwölf Monaten aufführen, doch eine Räumungsklage bedroht die Ku’damm-Bühnen. Er habe schon genug um die Ohren, sagt Ivan Vrgoc, er wolle sich nicht auch noch damit beschäftigen. Der Vorverkauf laufe schlecht, sagt er. Er sieht dabei so aus wie einer, der glaubt, jetzt könne es nur noch aufwärts werden.

Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209. Premiere 28. Januar, 20 Uhr, dann bis 27. März,