Belletristik

Eine Bestsellerautorin wird zur Wutbürgerin

Karen Duve hat einen Endzeitroman verfasst. Wann genau hat sie eigentlich ihre Selbstironie und Gelassenheit verloren?

Karen Duve: Die 54-Jährige hat lange auf ihren Erfolg warten müssen

Karen Duve: Die 54-Jährige hat lange auf ihren Erfolg warten müssen

Foto: Urban Zintel

Nach 23 Seiten weiß der Leser folgendes: Erzähler Sebastian hat im Jahr 1981 Abitur gemacht, ist für das 50-jährige Abiturstreffen eingeladen, wir befinden uns also im Jahre 2031. Sebastian sieht frisch aus, weil er sich einem Verjüngungsprogramm unterzogen hat. Man kann sein gewünschtes Alter einstellen, einziger Nachteil ist, dass man bei der Behandlung an Krebs erkranken könnte.

Wobei, das ist kein richtiger Nachteil, weil alles ohnehin den Bach runtergeht, denn die Klimakatastrophe, von der man schon länger geredet hat, ist endlich da. Die Menschheit geht unter, aber immerhin faltenfrei. Wochenlang fällt die Temperatur nicht unter 35 Grad, Kinder werden von Rapskäfern angefallen, und durch das heimatliche Dorf jagt der Orkan mit warmem Wind. Wer sündigt – Fleisch isst, Milch trinkt, Auto fährt –, der muss wertvolle CO2-Punkte dafür ausgeben. Sebastian gibt dem Planeten noch zehn Jahre. Eins noch: Im Jahre 2031 sind in Deutschland die Frauen an der Macht. Die Regierung besteht aus Ministerinnen, einzig Olaf Scholz ist geblieben, er ist Bundeskanzler.

Das ist viel Stoff für ein paar Seiten, aber Karen Duve legt in ihrem neuen Roman „Macht“ (Galiani, 416 Seiten, 21,99 Euro) eine Schippe drauf. Auf Seite 24 erfährt der Leser, dass Sebastians Frau Christine, die seit zwei Jahren als verschwunden gilt, von ihrem Mann im Keller gefangenen gehalten wird. Die Fritzl-Situation. Haben wir es noch dicker? Wird auf Seite 27 Norddeutschland von dem IS erobert? Ist sie ins Actionfach gewechselt? Was ist überhaupt los mit ihr?

Ihr Weg zum Vegetarismus machte sie bekannt

Die 54-Jährige hat lange auf ihren Erfolg warten müssen. 1991 gewann sie einen Literaturpreis und dachte, jetzt geht es aber los mit ihrer Schriftstellerkarriere, doch es war nur ein „Schein-Happy-End“, wie sie einmal sagte. Es dauerte bis 1999, bis sie den „Regenroman“ schrieb über eine hübsche Frau, die, wo immer sie auch auftauchte, „die Männer sich strafften wie Vorstadthunde, die Witterung aufnehmen, während die Frauen bei ihrem Anblick zusammensackten wie missratender Kuchen“.

Sie veröffentlichte „Dies ist kein Liebeslied“ und „Taxi“, beide Bücher waren autobiografisch geprägt. Das eine ging um den endlosen Kampf um die Topfigur, das andere um das Leben einer Taxifahrerin, sie kannte sich aus, den Job hatte sie selbst gemacht. „Wer kein Taxifahrer ist, der ahnt ja gar nicht, wie Verrückte und ambulant Schizophrene frei herumlaufen“, sagte ihre Hauptfigur.

Karen Duve war die Misanthropin mit Herz, sie konnte die Fehlbarkeit des Menschen mit viel Liebe zum Detail beschreiben, aber sie konnte auch mit ihm mitleiden. Wenn sie über das Versagen des Anderen lachte, dann lachte sie auch über sich. Diese Fähigkeit ist irgendwann verloren gegangen. Mit „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ legte sie ihren Smash-Hit hin: Ihr Weg zum Vegetarismus und seinen Spielarten wurde zum Bestseller.

Nachdem sich alles erfreulich entwickelte, war es umso überraschender, was danach folgte. Sie schrieb das Buch mit dem Titel „Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“. Schuld an der von ihr diagnostizierten Klimakatastrophe, dem Niedergang der Zivilisation und dem Siegeszug der Gier sind demnach Manager und Politiker im besonderen und Männer im allgemeinen. Frauen sind per se die besseren Menschen, schließlich landen ja in der Regel Männer im Gefängnis. Sie hat es so gesagt.

Manager oder Banker kennt sie aus eigener Anschauung nicht, als Recherchequelle reichte „Manager-Magazin“ und Internet. Es liest sich wie die gesammelten Hassbotschaften eines Trolls, der üblicherweise die Kommentarspalten auf Internetseiten zu pflastert.

Nun ist ihr mit „Macht“ die belle­tristische Fortsetzung ihr einfältigen Essaysammlung geglückt. Sebastian war früher Öko-Aktivist, Vegetarier und Frauenversteher. Aber das ist nun alles vergessen, so kurz vor der Apokalypse. „Eine Laune der Zivilisation“ sei es gewesen, dass „wir Frauen in den letzten Jahrhunderten wie gleichwertige Menschen behandelt haben“. Seine Frau im Keller muss ihn „Gebieter“ nennen, und wenn sie nach einer durchwachten Nacht nackt an einer engen Kette hängt und den Eindruck macht, als sei sie kurz vor dem Verdursten, dann macht sie ja das nur, damit er Schuldgefühle hat.

Einen nicht komplett gestörten Mann wird man nicht kennenlernen

Sebastian kommt mit seiner Jugendliebe zusammen, er wäre vielleicht ein anderer Mensch geworden, doch am Ende landet diese Jugendfreundin auf klamaukige Weise auch im Keller. Da wird ja nur wieder gequatscht. Höhö. Sebastians Bruder ist in einer obskuren Sekte, ein alter Schulfreund ist ein faschistoider Macho, einen nicht komplett gestörten Mann wird man auf den gut 400 Seiten nicht kennenlernen.

Bei einem Roman über Weltuntergang, so dachte man, könnte man richtig in die Vollen greifen: Der Blick auf das Gewusel der Menschen in der Endzeit. Allein der Aspekt, wie sich das gesamte Leben verändert, würden wir nicht mehr äußerlich altern, könnte als Stoff ausreichen. All das jedoch rattert Karen Duve lieblos und in endlosen Dialogen hinunter, einzig die Kellergespräche sind zuweilen lesenswert, weil Sebastian so eine Memme zwischen Selbstmitleid und Größenwahn ist. Karen Duves Wut sei echt, hat die „taz“ anerkennend geschrieben. Und so ist es: Sie hat eine Botschaft, mit großer Leidenschaft und kleinem Können brüllt sie sie in die Welt. Karen Duves literarisches Stimme ist dabei verstummt.