Von Frank Castorf wird kein Mensch erwarten, dass er Friedrich Hebbels Tragödie „Judith“ mal so bildungsbürgerlich korrekt auf der Bühne auserzählen lässt. Unter einem völlig überdimensionierten Mythos des ganzen Menschheitsirrsinns läuft bei ihm an der Volksbühne nichts. Sein Feldherr Holofernes trägt in dieser Premiere schnell einen abgeschlagenen Kopf in der Hand spazieren. Laut Hebbel wird es am Ende sein eigener sein. Aber wer im Publikum denkt in diesen Wochen und Monaten bei Menschenschlächtern, die einen abgeschnittenen Kopf vorführen, zuerst an die biblische Judith?

Die Bezüge sind aktueller, und Castorf spielt einen rätselhaften Abend lang mit verschiedensten Konotationen. Der Abend ist rundum unbequem und zugleich atmosphärisch dicht. Darüber hinaus ist es ein langer Abend, der von seinen beiden großartigen Hauptdarstellern lebt: Birgit Minichmayr spielt die Judith, Martin Wuttke den Holofernes. Mehr geht wohl nicht.

Ein Kamel wird um 23.38 Uhr auf die Bühne geführt

Gut, gegen 23.38 Uhr, also nach viereinhalb Stunden Aufführung, kommt noch ein echtes Kamel auf die Bühne. Judith führt es herein. Woraufhin Teile des Publikums erwachen, allein schon, weil Tiere auf Berliner Bühnen selten geworden sind. Tierschützer stehen oft mit ihren strengen Auflagen dazwischen. Vermutlich hat auch diesmal wieder jemand im Handbuch geblättert, ob in Deutschland Kamele nach 20 Uhr noch auf die Bühne dürfen. Vorsorglich sei angemerkt, dass das Kamel zum Schlussapplaus, der erst nach Mitternacht abgegeben wird, vermisst wurde. Die Schauspielerschar und Regisseur Castorf hingegen ließen sich ausgiebig bejubeln.

Humor oder Ausgelassenheit, das klamaukige Schreien und Kreischen, spielt aber in dieser Produktion eine untergeordnete Rolle. Castorf setzt den selbstbezüglichen Theaterwitz sparsam ein, höchstens mal, wenn Holofernes im Zelt nach einem roten Faden sucht. Dann völlig überraschend einen findet und ihn glücklich in die Kamera hält. Die Liveübertragung spielt wieder ein Rolle, eine zu gewichtige Rolle. Zeitweilig fühlt man sich wie im stockfinsteren Kino. Auf der Leinwand sind neben Filmeinspielungen vor allem die Bilder aus drei Bühnennebengelassen zu sehen. Wirklich erhellend sind sie nur, wenn es die Hass-und-Sehnsucht-Intimität zwischen Holofernes und Judith verdeutlicht.

Ein Planschbecken für die Schauspieler

Das Ganze findet im Vermächtnis-Bühnenbild des im vergangenen Sommer verstorbenen Bert Neumann statt. Es ist eine verkehrte Welt. Das Publikum sitzt auf harten Stühlen auf der Bühne, wohingegen der Zuschauerraum zur Bühne wird. Vorne gibt es ein breites, flaches Planschbecken für die Schauspieler, dahinter türmt sich ein düsterer Berg aus großen Kissen auf. Linker Hand stehen drei miteinander verbundene Spitzzelte. Der Rest ist Schauspiel, Film, geschickt eingesetzte Musik und viel Text. Man wird mit diskursivem Fremdmaterial überschüttet, das man eigentlich nicht hören möchte. Da geht es auch um den Nahrungsüberschuss, der nicht verteilt wird, die wehrlos Untergegangenen wie die Inkas und der Kommunismus, um Indifferenz, Transzendenz, Medien und universelle Barmherzigkeit.

Wobei sich Castorf grundsätzlich schon am Hebbel von 1840 entlang hangelt. Der assyrische Feldherr Holofernes belagert die von den Ebräern gehaltene Stadt Bethulien. Die schöne und gottesfürchtige Witwe Judith geht ins Heerlager, um Holofernes zu verführen und zu enthaupten. Zwei Konflikte des Stoffes spielen Theatermachern zu. Holofernes entstammt einer Eroberungskultur, in der man sich mit zynischer Gewalt selber zum Gott erklärt. Im Theater ist er der Fremde, in der Volksbühne ist immer auch von den Syrern die Rede.

Die zurück gewiesene Judith hasst Männer

Die Jüdin Judith hingegen ist eine Vertreterin des Monotheismus, jenes unsichtbaren Gottes, der obendrein Regeln einfordert. Das Thema Religion interessiert Castorf weniger. Judith hadert aber obendrein bei Hebbel mit einem Geheimnis, denn ihr wahnsinniger Ehemann hatte sie in der Hochzeitsnacht zurückgewiesen. Sie hasst Männer.

Im Kampf der Geschlechter sieht Castorf seinen Regieansatz. Ausführlich bekommt das Publikum dargelegt, warum die zwei Prinzipien Männlich und Weiblich nicht miteinander koexistieren können. Eine der schönsten Szenen ist die erste Begegnung zwischen Holofernes und Judith. Zwei traumatisierte, nach dem Sinn des Überlebens suchende Menschen nähern sich an. „Du bist so klug“, sagt Judith irgendwann zu ihm. Es gäbe so wenig kluge Männer. Die Begegnung stellt sich als Traum heraus. Der gewalttätige Holofernes, der zutiefst innerst etwas anderes sein will, ist eine Folie für weibliche Träume. Umgekehrt lässt Castorf Birgit Minichmayr und Jasna Fritzi Bauer (Mirza) so wunderbar über die Bühne stöckeln. Martin Wuttkes clownesker Eroberer offenbart sich als ein verspieltes Kind, dass Probleme hat, Spielregeln jenseits des blutigen Machterhalts zu akzeptieren.

Die Stadtbevölkerung kommt im Partyzelt zusammen

Im dritten Akt kommt die ängstliche Stadtbevölkerung zusammen. Es ist die Zeit, in der man schnell mal zum Propheten erklärt und im nächsten Moment gesteinigt wird. Dann sperrt Castorf alle im Partyzelt zusammen, es wird getanzt und cool diskutiert. Jeder sagt mal schnell seine Meinung in die Kamera. Es ist eine krude Mischung, wie sie uns tagtäglich von allen Seiten entgegenschlägt. Im Zelt staut sich beiläufig eine Atmosphäre voller Angst und Hass auf, ein Hass, der sich selbst befeuert. Diese Stimmung hat Castorf in seiner eigenen Ästhetik seismografisch eingefangen. Großartig.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 24065777 Termine: 22., 23., 28.1.; 12., 20., 24. und 25.2.