Kultur

Die Sisters of Mercy enttäuschen in der Columbiahalle

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Gumz
Sisters of Mercy in Berlin: Sänger Andrew Eldritch trug überraschend ein gelbes Shirt - war so durch den vielen Nebel aber wenigstens etwas zu sehen

Sisters of Mercy in Berlin: Sänger Andrew Eldritch trug überraschend ein gelbes Shirt - war so durch den vielen Nebel aber wenigstens etwas zu sehen

Foto: DAVIDS/Boillot / DAVIDS

Quatschen statt Klatschen: Beim Berliner Konzert der Sisters of Mercy hat man das Gefühl, eine uninspirierte Coverband zu hören.

11:21. So lang ist die Maxiversion, wie man damals sagte, von „This Corrosion“. Sie traf einen unerwartet, Ende der 80er Jahre, zwischen Madonna, Michael Jackson, Erasure, Kylie Minogue. Diese dunkle, treibende Energie. Dieser Bass, bedrohlich pumpend. Dazu der stoische Drumcomputer. Und über allem eine Stimme, pathetisch, manisch, klar: “I got nothing to say I ain’t said before / I bled all I can, I won’t bleed no more.” Ein durchgeknallter Seher. Und plötzlich, im Refrain, ein Frauenchor. Der befiehlt ihm, wie mit Peitschenhieben: „Sing. Sing.“

Okay, man war jung damals. Sehr jung, um genau zu sein. Fast noch ein Kind. Man wusste nichts von Punk, von Techno, von Velvet Underground oder Leonard Cohen – von all dem, was die Sisters of Mercy auf eine krude, aber konsequente Weise miteinander verbanden.

Doch man spürte eine Kraft in dieser Musik, eine traurige Gewalt, die nicht nur wenig zu tun hatte mit dem Sonnenschein, der sonst die Charts regierte. Sie hob sich auch ab vom Tranigen der Cure, vom Versnobten der Smiths, dem Depressiven von Joy Division. Die Sisters of Mercy liefen voll auf Speed und Friedrich Nietzsche. Sie waren knochige, krasse Prinzen der Dunkelheit.

Herren mit Django-Hüten und Gesichtern wie Iggy Pop

Wer heute, 26 Jahre nachdem die Band aus Leeds ihr letztes Studioalbum veröffentlich hat, auf ein Konzert der Sisters geht, kann – neben T-Shirts mit alten Plattencover-Motiven – auch ein Sisters-Geschirrtuch erwerben. Warum nicht: selbst die Verzweifelten müssen hin und wieder Teller spülen. Oder was immer das einem sagen soll.

Damit nicht zu stark auffällt, wie alle miteinander älter geworden sind, wurde die Columbiahalle auf Dauerrempelniveau abgedunkelt. Pseudo-Schwarzlicht fällt von oben. Von der Bühne wabert Nebel.

Alles wie früher also. Und da kaum jemand im Saal unter 40 ist, kann man wagen zu sagen: wegen früher sind die Leute da. Es gibt tätowierte Damen in blond und schwarz. Herren in Lederjacken, mit ärmellosen Shirts der 1991er-Sisters-Tour. Herren mit Django-Hüten und Gesichtern wie Iggy Pop.

Der finstere Fürst trägt Gelb. Nicht zu fassen.

Dann steht auf einmal Andrew Eldritch am Mikroständer. Er ist kahl, trägt Sonnenbrille, eine Art Thermohose und einen Hoodie über gelbem T-Shirt. Gelb. Der finstere Fürst trägt Gelb. Nicht zu fassen. Er sieht aus wie ein Rave-Opa.

Chris Catalyst an Bass und Gitarre könnte sein Zwillingsbruder sein, nur mit Koteletten und 20 Jahre jünger. Seit Mitte der 80er hat es keine Besetzung der Sisters lange mit Chef Eldritch ausgehalten. Außer Doktor Avalanche. Das ist der Drumcomputer. Der Doc produziert genau dasselbe wie 1987: diese blechernen, bolldernden, verschleppten Beats. Dazu spielt Ben Christo eine völlig verhallte Gitarre – auch das so originalgetreu wie möglich.

Sound in der Halle matscht und scheppert

Man wird in den nächsten 90 Minuten das Gefühl nicht los, einer ziemliche uninspirierten Sisters-of-Mercy-Coverband zuzuhören. Der Sound in der Halle matscht und scheppert. Eldritch schlendert herum als wäre er noch beim Soundcheck, macht hin und wieder Zombie-Alien-Bewegungen, in Zeitlupe, leicht verkantet. Manchmal schickt er einen Düsterblick in die erste Reihe. Dann wirft er sich in Kreuzigungspose. Er knarzt und zischt und grummelt. Von seinen Weltuntergangslyrics versteht man kein einziges Wort.

Die meiste Zeit über aber muss man weder etwas verstehen noch jemanden anschauen. Die Nebelmaschinen pumpen und pumpen. Die Halle füllt sich mit jedem Song mehr mit dichtem Dunst. Dunst, der zu überdecken versucht, dass es seit 26 Jahren genau keine Entwicklung in der Kunst der Sisters of Mercy gegeben hat. Da ist es fast schon egal, ob sie „Alice“ spielen, „No Time to cry“, „Dominion“ oder am Ende doch noch die Hits: „Temple of Love“ und, natürlich: „This Corrosion“.

Die Musik hat der Gegenwart nichts mehr zu sagen

Das Publikum quatscht ohnehin mehr als dass es klatscht. Die Musik, deretwegen es gekommen ist – diese Musik, die einmal von der gnadenlosen Präzision des Simplen, von der Übersteigerung des Pubertären ins Mystische lebte – hat der Gegenwart nichts mehr zu sagen.

Aber wer weiß: vielleicht stand in Berlin ja doch nur ein müder Andrew-Eldritch-Darsteller auf der Bühne. Vor lauter Nebel schwer zu erkennen.

>>>2014: Sisters of Mercy in Berlin - perfekt, aber uninspiriert