Columbiahalle

Sisters of Mercy in Berlin - perfekt, aber uninspiriert

The Sisters Of Mercy haben in Berlin ihre Deutschlandtournee gestartet - mit ihrem Best of der Endachtzigerjahre. Den coolen Sound von einst kann die Band um Andrew Eldritch aber nicht reproduzieren.

Foto: Stefan Hoederath / Redferns via Getty Images

Als wäre das Wetter draußen nicht schon schlecht genug. In der Columbiahalle zieht auch noch Nebel auf. Der Laden ist drängelig gefüllt, allerdings ist der Balkon geschlossen. Zwei Nebelmaschinen beginnen Schlag 21 Uhr an zu prusten, was das Zeug hält, bis die ganze Halle und die dunkel illuminierte Bühne kaum noch wahrnehmbar sind. Und irgendwo in diesem Gewaber erscheinen einige Schemen, die offensichtlich The Sisters Of Mercy sind und mit dem langsam auf Touren kommenden frühen Hit „More“ am Montagabend ihr Berlinkonzert eröffnen. Es ist gleichzeitig der Auftakt ihrer jüngsten Deutschlandtournee.

Man muss dem gruftstimmigen Sänger Andrew Eldritch, der in dieser Woche 55 Jahre alt wird, zu Gute halten, dass er mit seinem Projekt The Sisters Of Mercy die Endachtzigerjahre nachhaltig beeinflusst hat. Er verband Rock und Elektronik zu einem pulsierenden, untergründigen Darkwave-Sound, der mit drohendem Bariton gesungene Leidenstexte von Schmerz und Untergang transportierte. Er wurde gern der Gothic-Szene zugeordnet, was er stets energisch von sich wies. Ganze drei Alben haben The Sisters Of Mercy zwischen 1985 und 1990 veröffentlicht. Richtungweisende und stilbildende Alben alle drei. Dann war die Studioluft raus. Zwei Best-of-Zusammenstellungen noch und das war es dann.

Doch Eldritch und seine häufig wechselnden Bühnengehilfen sind seither immer wieder auf Tournee und leben vom Ruhm der frühen Jahre. Eine erinnerungsstarke Fangemeinde hält ihnen die Treue. Obwohl das selbst für Fans der ersten Stunde immer schwieriger wird. Mal abgesehen von dem nach einer Weile höchst albern wirkenden Nebel des Grauens wollen die Stücke live nicht immer richtig zünden. Das mag an einem vor 30 Jahren vielleicht hochspannenden Gimmick liegen, dem Drumcomputer Mr. Avalanche nämlich, der den Sisters-Sound prägte und einen Schlagwerker aus Fleisch und Blut ersetzen sollte. Tut er heute aber nicht wirklich.

Glattgemischter Ton ohne Dynamik und Spannungsaufbau

Anfangs kann man noch ein Baugerüst als Bühnenbild erkennen, auf dessen rechtem Podest Ravey Davey seine Gerätschaften und Laptops einrichtet. Er bedient den elektronischen Schwestern-Trommler und drückt zur rechten Zeit die richtige Taste. Sieht man aber nicht. Er bleibt das ganze Konzert über im Nebel verborgen. Auf einen Bassisten verzichtet der kahlköpfige Sänger und Kettenraucher Eldritch inzwischen ganz. Dafür hat er zwei Gitarristen dabei, die sich als versierte Rock-Poseure entpuppen. Auf der linken Bühnenseite Ben Christo, auf der rechten Chris Catalyst, denen freilich stellenweise nicht viel übrig bleibt, als sich dem steten elektronischen Drum-Viervierteltakter anzupassen.

Und dann, hey, das ist raue Rockmusik. Geht das nicht ein bisschen lauter? Der Ton in der Halle ist so glattgemischt, dass man sich selbst bei energischsten Stücken noch bestens unterhalten kann. Auch von Dynamik und Spannungsaufbau keine Spur. Diese Musiker können den coolen Sound von einst nicht reproduzieren. Natürlich gibt es einige Überraschungen. Die Coverversion „Gift That Shines“ von Red Lorry, Yellow Lorry beispielsweise. Oder eine mit wenn auch kaum verständlichem deutschen Text unterlegte Fassung von „Marian“. Der Engländer Eldritch hat einst an der Uni Deutsch studiert und lebte eine Zeit lang in Hamburg.

Die ganze Halle singt mit

„Schön, dass ihr da seid“ ruft er in die Halle. Ansonsten gibt er sich wie gewohnt eher wortkarg. Sein Gesang kommt stellenweise nuschelig daher. Und ist schlecht ausgesteuert. Immer stiert man auf die Nebelwand, um zu sehen, wo er gerade steckt. Und hofft, das sich die Kollegen da oben nicht in diesem Trockeneis-Bombardement verirren. Klassiker wie „Blood Money“ oder „Dominion“ klingen verdächtig nah am Stadionrock-Mainstream. Erst gegen Ende drehen die Sisters Of Mercy noch einmal richtig auf, mit den Hits „First And Last And Always“ und „This Corrosion“, bei dem die ganze Halle mitsingt. Da ist die Show nach 60 Minuten aber auch schon wieder vorbei. Was in Ordnung ist. Es ist alles gesagt.

Aber natürlich kommen The Sisters Of Mercy für sechs weitere Stücke in zwei Zugabenblöcken zurück, in denen es eine energievoll treibende Version von „Vision Thing“ gibt und den instrumentalen Rockklassiker „Misirlou“ von Surfgitarren-Legende Dick Dale. Und natürlich „Temple of Love“, 1992 ein Hit im Duett mit Ofra Haza, nun aber in der kompakten Originalfassung der Single von 1983 zu hören. Da stimmt’s auch (fast) mit der Lautstärke. Dennoch bleibt ein etwas schaler Geschmack zurück. The Sisters Of Mercy 2014 wirken perfekt, aber uninspiriert. Andrew Eldridge betont immer wieder, seine „barmherzigen Schwestern“ seien einfach eine Rockband. Aber da wirkt so ein Drumcomputer dann auf einmal höchst störend. Das aufflammende Saallicht macht klar, dass nun endgültig Schluss ist. Der Applaus ist dennoch dankbar.