Konzert-Kritik

Scooter im Velodrom: Nostalgisch, rheumatisch, wunderbar

Gogo-Girls, dumpfe Bässe und ein HP Baxxter im schwarzen Mantel - so war das Scooter-Konzert am Donnerstag in Berlin.

HP Baxxter auf der Bühne im Velodrom

HP Baxxter auf der Bühne im Velodrom

Foto: Getty Images / Redferns/Getty Images

Zu Scooter geht man als Mann mindestens zu viert und definitiv ohne Frau. Das Gehen ist dabei ein Schlingern, dazwischen ein Hüpfen und am Ende wenigstens ein Federn auf Zehenspitzen.

Ein Arm, ganz egal welcher, schnellt immer wieder nach oben: „Always Hardcore“. Einer stimmt es an und es klingt aus vierhundert Mündern. Die Stimmung changiert zwischen radikaler Demo und radikal-erfolgreichem Länderspiel. Sie endet, aufgeladen, vor einem Ticketschalter.

Er ist verglast. Eine Frau sitzt dahinter. Ein Mann überlegt nicht lang. „Das! Das ist meiner!“ brüllt er gegen den Schalter, während er ein Handyfoto hochhält. Seine Freunde jubilieren wild.

„Du hast ihr deinen Schwanz gezeigt!“, freuen sie sich. Aber der eine, erschrocken, der sagt: „Nein.“ Schüttelt den Kopf. Korrigiert:“Meinen Sohn.“ Und kurz, nur ganz kurz, entsteht gerade stehendes Schweigen. Irgendwo, zum Glück, skandiert immer einer „Döp döp döp döp dö-dö-dö-döp“.

Es überbrückt die Stille. Aber dann, sie bekommen den Bogen, nehmen sich die Männer in die Arme, hüpfen im intimem Zirkel, und das Foto des Sohns geht rum. Ein Scooter-Konzert 2016, es ist genau das. Dieser Lebensabschnitt. Diese Stimmung.

Ganzkörpergänsehaut bei „I feel hardcore“

In der Halle watet man durch Hausmusik. Dann plötzlich ertönt ein Schuss. Instinktiv duckt man sich, aber die kurze Angst, sie weicht Jubel, Feuerwerk und Carl Orffs „O Fortuna“. Es geht jetzt los.

Denn der Mann, der live aussieht wie Billy Idol, kommt auf die Bühne und sagt in sein Mikrofon: „Don’t take life too seriously“ und jeder versteht das. Das Publikum wird zu einem einzigen Vokale grölenden Leuchtstabmeer. Dumm dröhnende Beats schlagen Schaum vor den Mündern.

„Heeeeeejaaa“ Man weiß - das jetzt - das ist die einmalige Chance, all seine Sorgen in einen große Beat-Schredder zu schmeißen und den eigenen Regler hochzudrehen. High pitched wie der Gesang vom Band wird auch die Herzfrequenz. „It’s Weeeekeeeeend“ lügt es von der Bühne, und die Realitäten verkettensägen sich zu nichts.

Mit der Pyro wird das Gehirn so heiß, dass es einem langsam zur Schädeldecke verpufft. „I feel Hardcore“ Und Hardcore, das fühlt sich richtig gut an. Es ist eine heftzweckenartige Ganzkörpergänsehaut.

Es riecht nach Marihuana

Der deutsche Homer Simpson aus Stahl, HP Baxxter, der „Teacher“, der „Preacher“, der „Chicks Terminator“, er nur allein wirkt als hätte er am wenigsten Spaß. Seine Bewegungen, es sind an der Zahl vier, wirken leicht rheumatisch, aber man hat keine Zeit sich zu sorgen.

„Strange that this feeling grows more and more. ‘Cause I’ve never loved someone like you before“, singt es in die Halle und es klingt so gut nach Neunzigern und verrückt spielenden Modulen, dass man mit seinen Fäusten in die Luft boxt, und die Beine wie beschlaghost wischen lässt.

Gogo-Girls wirbeln auf der Bühne Brüste und Beine. Männliche Tänzer tanzen den seitlichen Presslufthammer. Das Publikum schwitzt. Immer wieder sieht es seine glänzenden Gesichter riesengroß auf der Leinwand hinter dieser Bühne, auf der nichts steht, als eine Treppe nach unten und drei Männer. Scooter.

Es riecht nach Marihuana und nach Kunstfell von auf der Kirmes erspielten Kunstfellbären. Vor dem inneren Auge regnet unablässig Stoffrosen, und bunte Lose, während Frauen mit langen Haaren und noch längeren Fingernägeln roten Cowboyhüte aufsetzen um sinnlich zu Scooters Version vom „Logical Song“ zu tanzen. Tanzen. Tanzen. Das viele Tanzen, es schmerzt schon im Kiefer.

Wie Heino ohne Brille

Man kommt auf Ideen. Scooter, können die nicht jeden Tag spielen? Auf Rezept? Aus besorgten Bürgern Unbekümmerte machen? Hyper-Hyper-Hüpfer? Liebe Hooligans?

Dann wird das Herz langsamer. Und auch die Darbietung auf der Bühne verliert an Energie. Scooters dunklere Lieder sind nun dran, sie wirken, wie damals, als die Batterie im Kassettenrecorder leer war.

Ihre Version des Sisters-of-Mercy-Hits „Marian“ lässt einen ernüchtern. HP, im schwarzen Mantel sieht er aus wie Heino ohne Brille. „Lass uns tanzen oder ficken oder beides. Denn morgen sind wir tot“, erklärt er. Immer wieder. Er hat ja Recht. Im Rinnstein des Raves zuckt es noch. Es ist eine lange, eine heili-geili Nacht.