Literatur

Enright erzählt die Geschichte einer selbstsüchtigen Mutter

Die Familienfeste der Irin Anne Enright sind eine wohltuende Nach-Weihnachtslektüre. „Rosaleens Fest“ heißt ihre neue Familiensaga.

Die irische Schriftstellerin Anne Enright hatte für ihren Roman „Das Familientreffen“ bereits 2007 den renommierten Booker Prize erhalten

Die irische Schriftstellerin Anne Enright hatte für ihren Roman „Das Familientreffen“ bereits 2007 den renommierten Booker Prize erhalten

Foto: Getty Images / LatinContent WO/Getty Images

Familienfeste sind die wahren Meilensteine im Leben. Erst hier muss man sich den Abgründen zwischen Anspruch, Träumen und Wirklichkeit stellen, nur hier steht man mit seinem Gesamtkonstrukt aus Kindheit und Erwachsenenleben zur Disposition, nur hier kann man den wärmsten Zuspruch oder die umfassendste Ablehnung an einem Tisch erfahren.

Dysfunktionale Familien folgen zu diesen Anlässen einer eigenen Dramaturgie und sind eine Lieblingsspielwiese der Irin Anne Enright geworden, die für den Roman „Das Familientreffen“ bereits im Jahr 2007 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. In ihrem neuen Buch „Rosaleens Fest“ kehrt die 1962 in Dublin geborene Schriftstellerin zu ihrem Thema zurück, auch wenn anders als in ihrem vorherigen Weltbestseller das Fest selbst hier nur eine Art Klammer darstellt, die die Erzählstränge am Ende zusammenführt.

Das Irland im Roman ist noch in einer Boomphase

Natürlich ist an allem irgendwie die Mutter schuld, Rosaleen, deren vier Kinder in einer Hinsicht komplett versagt haben: Keiner hat Geld, ja niemand hat es auch nur annähernd zu Reichtum gebracht. Dabei ist Irland zur Zeit der Geschichte noch in der Boomphase. Es ist 2005, alle schmeißen mit Geld nur so um sich, und in den Kneipen wird gerade zu Weihnachten gezeigt, was man hat. Rosaleen will ihr Haus verkaufen und bietet den Kindern als Trost für den Verlust der Kindheitsstube einen Anteil am Verkausferlös an.

Manipuliert fühlen sich alle irgendwie von dieser Frau, die sich bei Schwierigkeiten gerne auch mal wochenlang ins Bett zurückgezogen hat, die „horizontale Lösung“ wählte, um der Familie ihre Missbilligung zu demonstrieren. So ist das geschehen, als ihr Sohn Dan in den 80er-Jahren beschließt, Priester zu werden, und sich sogar entschuldigt, dass er seine Eltern um ein anderes Leben und Enkelkinder bringt.

„Ich habe ihn geschaffen. Ich habe ihn dazu gemacht, wie er ist. Und ich mag nicht, wie er ist“, erklärt Rosaleen ihrer Tochter Hanna, und antwortet auf deren erschrockene Frage, ob sie sie denn mag, überraschend offen: „Ich mag dich jetzt.“

Wenn der Konsumfetisch auf das Essen übergreift

Dan wird nicht Priester werden, stattdessen treffen wir ihn im New York der 90er-Jahre wieder, wo der Konsumfetisch auf das Essen übergreift, indem das perfekte Risotto zum abendfüllenden Thema wird, wo aber vor allem in der Schwulenszene das große Sterben durch Aids beginnt. Dan lässt sich auf nichts festlegen, hat eine Freundin, liebt einen Mann, ist nicht schockiert über den Tod seiner Freunde, nimmt nicht wirklich Anteil daran. Wie es ihn nach New York verschlagen hat, wird der Leser nicht erfahren, und auch nicht genau, ob und was seine Mutter mit der Abkehr vom Priestertum zu tun hat. Nur erahnen kann man viel. Denn Anne Enright hat ihren Roman beinahe wie eine Kurzgeschichtensammlung angelegt. Es öffnen sich zu bestimmten Zeiten Fenster in das Leben der einzelnen Familienmitglieder, das kausale Zusammensetzen aber überlässt sie dem Leser selbst.

Da ist neben Dan dann also die Geschichte von Emmet, dem zweiten Sohn, der seinen sicheren Job aufgibt und Entwicklungshelfer wird. Seine eindringlichste Szene hat er in Mali, wo er sich umgeben von Dreck, Krankheit und Not um einen kranken Hund kümmern muss, den seine Freundin gegen seinen Willen ins Haus gebracht hat. Kann Emmet nur die Welt retten oder auch im Kleinen lieben?

Als hoffnungsvolle Schauspielerin gestartet

Dann ist da Hanna, die ihr Blut auf den kalten Boden fließen sieht, nachdem sie gestürzt ist, weil es wieder einmal zu viel Alkohol war. Als hoffnungsvolle Schauspielerin ist sie gestartet, jetzt hat sie einen Mann, ein Baby und trinkt und trinkt, sodass man sie als Leser irgendwann schon selbst anschreien will, dass sie doch bitte endlich aufhören soll.

Schließlich gibt es noch Constance, die Übermutter, die schon früher für Rosaleen eingesprungen ist, die jetzt bei einem Brustkrebsscreening bemerkt, dass sie als eigenständige Persönlichkeit schon lange verschwunden ist. Ihr Mann behandelt sie gut, gibt ihr alles, was sie braucht, vergisst nur leider, dass es diese Untersuchung gibt.

Dick ist sie geworden, und bekommt es in diesem Immer-alles-für-alle-besorgen-müssen-Rausch auch nicht hin, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Rosaleen wirft ihr ständig vor, dass sie „abspecken“ muss. „Er machte sehr alt – der Speck. Er ließ ihre Tochter aussehen wie eine betagte Frau, was eine Art Kränkung war, wo sie sich doch so viel Mühe gegeben hatte, sie großzuziehen.“ Die narzisstisch veranlagte Mutter wurde selten so präzise beschrieben.

Die Vergangenheit soll in Ordnung gebracht werden

Constance wird vor Rosaleens Fest einen geradezu epischen Supermarktbesuch hinlegen, wird für ihre Mutter und die Geschwister kochen, putzen, dekorieren und ist doch am wenigsten wirklich da, bis Rosaleen ihre Absicht verkündet, nach dem Hausverkauf bei ihr einzuziehen. Constance wagt den Widerstand, die Mutter verlässt das Fest, wird vermisst, sodass in der allgemeinen Aufregung Dans Verlobung in Kanada, ja natürlich mit einem Mann – keiner der Geschwister hätte auch ohne offizielles Outing etwas anderes erwartet – beinahe untergeht. Zum ersten Mal bemerkt Dan, dass er einen Menschen liebt und die Reise nach Irland gehört zum Programm, „die Vergangenheit in Ordnung zu bringen“, „und ein menschliches Wesen zu werden“.

Rosaleen bleibt bis zum Ende das Zentrum der Familie, manipulativ, selbstsüchtig, überaus eskapistisch veranlagt, zunehmend fragil und überfordert. Aber Enright verurteilt nicht. Die Familiensaga der irischen Familie Madigan hätte gut und gerne auch 800 Seiten füllen können, aber die Irin kann mit ihrer klaren einfachen Sprache auf nicht einmal der Hälfte der Seiten so präzise Situationen und Charaktere einfangen, dass sich der Rest von selbst zusammensetzt. Das Konstrukt der Familie als Kurzgeschichtensammlung zu verstehen, in der es keine ausdrücklichen Wahrheiten, keine endgültigen Urteile, dafür manchmal aber große Verständnis- und Wissenslücken gibt, ist eine über diesen Roman hinausreichende, sehr bestechende Idee.

Anne Enright: „Rosaleens Fest“. DVA, 384 Seiten, 19,99 Euro.