Literatur

Die Moral einer Bestsellerautorin

| Lesedauer: 7 Minuten
Britta Bode

Foto: Michael Stadler360.221.6030mai / ©Michael Stadler

Die US-Schriftstellerin Elisabeth George lässt wieder einmal gekonnt morden: Dieses Mal muß eine Femministin dran glauben

Zum immerhin 19. Mal wagt sich die US-Schriftstellerin mit ihrem gerade erschienenen Roman „Bedenke, was Du tust“ in die britischste aller Kulturbastionen vor, den Kriminalroman. Seit den späten 80er-Jahren wird sie als Nachfolgerin von Agatha Christie und Dorothy Sayers gefeiert, gilt als Expertin des psychologischen Krimis und stürmt mit jedem ihrer Bücher auf die oberen Plätze der Bestsellerlisten vor.

Doch ganz so rasant und fieberhaft wie zu Beginn, als die Fans das neueste Buch über Detective Inspector Thomas Lynley und Detective Sergeant Barbara Havers ähnlich hysterisch erwarteten wie heute die Leser den nächsten Band von George R. R. Martins „A Song of Ice and Fire“, ist es schon lange nicht mehr. Hat sich das Ermittlerduo langsam selbst überlebt?

Die persönlichen Verstrickungen der beiden Detectives machen in Georges Kriminalromanen seit Beginn mindestens die Hälfte der Geschichte aus, und deren Schilderungen waren vom Grund her auch schon immer reichlich konservativ. Über die Jahre hat sich der adelige Inspector mit den tadellosen Manieren schwer verliebt, hat seine schwangere Frau verloren, hat getrauert und ist jetzt mit neuer Freundin und gebremstem Beziehungstempo wieder auf einem guten Weg: Nett, selbstbekennend romantisch, reich und zunehmend schrecklich langweilig, wie man es auch beschreiben könnte. Dagegen ist seine proletarische Partnerin Sergeant Barbara Havers mit ihren Autoritätsproblemen, ihrem Kippenkonsum, dem schwierigem Auftreten und ihrem nicht vorhandenen Privatleben inzwischen zur eigentlichen Hauptfigur avanciert – besonders in diesem Roman, wo sich alles um Frauenbilder dreht.

Uninteressiert an Sex, Männern, Familiengründung

Havers ist auf Bewährung in ihrem Job. Nachdem sie in Band 18 mehrfach gegen Vorschriften verstoßen hat, muss sie nunmehr tadelloses Verhalten an den Tag legen, sonst wird sie unverzüglich an einen Außenposten im Norden Englands versetzt. Es ist die letzte Chance für das Duo, und das wird reichlich strapaziert.

Noch immer ist Havers die mit der weiblichen Intuition, die fühlt, wo etwas nicht stimmt, die die entscheidenden Spuren zur Not auch gegen die Anordnungen ihres Chefs verfolgt. Vor allem aber ist sie als Person höchst unattraktiv, nachlässig in der Kleidung, uninteressiert an ihrer Erscheinung, an Sex, Männern, Familiengründung. Dabei hat ihr George diesmal eine zunächst ganz überzeugende Unterstützung an die Seite gestellt: Clare Abbott, feministische Autorin, die ihren Durchbruch mit „Auf der Suche nach Mr. Darcy: Der Mythos der unsterblichen Liebe“ feiert, und darin die Suche nach „dem Märchenprinzen“ und die Selbstkasteiung der Frauen mit unbequemen Kleidern, Schuhen, mit Botox und Haarfärbemitteln kritisiert. Frauen werde eingetrichtert, dass sie nichts wert seien, wenn sie keinen Mann haben – für Havers ein Satz, der reicht, um zu einer Lesung Abbotts zu gehen, nachdem nun schon die Kollegen vom Yard versuchen, sie mit Shopping- und Speeddates endlich auf Linie zu bringen.

Doch Mrs. Abbott ist es nicht lange vergönnt zu überleben, und es sei nicht zu viel verraten, wenn man sich dabei an das oberste Moralgesetz der Slasherfilme wie „Halloween“ oder „Scream“ erinnert fühlt: Die Schlampe muss sterben, da führt kein Weg dran vorbei, und das hat eben auch ein bisschen was mit ihrem Feminismus zu tun. Über das Internet wollte Abbott beweisen, dass romantische Liebe und Ehe ein illusorisches Konzept sei.

Das Internet sind hier Fremdgehangebote im Netz, aber George hadert auch sonst ein bisschen trutschig mit dem World Wide Web und all den Veränderungen, die es sonst so seit den letzten 20 oder 30 Jahren gibt. Da gibt es eine junge Frau, die im Jahr 2014/15 „nicht vielen Leuten gegenüber eingestehen“ würde, dass sie die Nachrichten aus dem Internet bezieht. Da gibt es eine andere Frau, die bei ihren Kindern noch immer auf das Schreiben von Briefen, die man mit einer Kordel zusammenbindet und an nachfolgende Generationen übergibt, besteht. Da jammern zwei Personen, dass es Filme wie „Lawrence von Arabien“ heute nicht mehr gebe, weil im Kino ja nur noch Schießereien und Verfolgungsjagden gezeigt würden. Der Vergreisungsalarm hat sich an diesen Stellen im Roman leider nur bei den Lesern, nicht aber bei der Autorin automatisch aktiviert.

Die Polizistin raucht wie ein Schlot und isst Dosenfutter

Am Mord der Feministin verdächtig erscheint sofort die Assistentin von Abbott, Caroline, die ein übergewichtiges, furioses, böses anderes „Weibsbild“ in der Geschichte abgibt. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet, der Mann betrügt sie öffentlich mit seiner Angestellten. Sie war Mutter von zwei Söhnen, doch einer mit einer Art Tourette-Syndrom und verstümmeltem Ohr hat sich bereits in der Vorgeschichte freiwillig über die Klippen gestürzt, nachdem seine Freundin sein Tagebuch gelesen hat. Der andere Sohn wird daraufhin depressiv, seine Frau verlässt ihn, er lässt sich von der Mutter gängeln, leidet wie die Schwiegertöchter, der Ehemann und Ex-Ehemann unter diesem manipulativem Biest.

Beinahe Mordopfer wird die Lektorin der Verstorbenen, eine Homosexuelle, um die Frauenbilder zu komplettieren, die seit der brutalen Vergewaltigung und dem Mord an ihrer Lebensgefährtin unter Angststörungen leidet und einen kleinen Therapiehund in die Geschichte einbringt.

George sollte ihren Lesern ein bisschen mehr zutrauen

Havers kommt der Wahrheit fast ganz auf die Spur, raucht weiter wie ein Schlot, isst nur Dosenfutter und Imbissfett, und nach all den Hunderten von Seiten ist man fast so weit, die Barbara Havers aus der Fernsehserie der BBC zu vergessen, die da doch einfach nur eine ganz normale Frau ist, bei der niemand sofort an Modeberatung und Schönheitsoperationen denkt. Die Fixierung auf das Äußere, sie wird von George eindeutig überstrapaziert, das Fernsehen schlägt die Variante auf Papier.

Von allem ein bisschen viel gibt es in diesem Roman, und man würde sich oft wünschen, George würde ihren Lesern ein bisschen mehr zutrauen und die so gepriesene Psychologie der Figuren würde nicht immer mit dem Holzhammer in die Seiten geschlagen. Dennoch ist das Jammern auf hohem Niveau, denn mit einem George-Krimi so einfach aufzuhören, abzubrechen, ja nur früh genug ins Bett zu gehen, das klappt eben auch in dem 19. Band trotzdem immer noch nicht.

Elizabeth George: Bedenke, was du tust. Goldmann, 704 Seiten, 24,99 Euro