Literatur

Frau mit Migrationsvordergrund

Kat Kaufmann schreibt über die Heimatsuche einer Russin in Berlin. Für ihren Roman hat sie den Aspekte-Literaturpreis gewonnen.

Kat Kaufmann während der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, in Frankfurt/Main (Hessen). [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]

Kat Kaufmann während der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, in Frankfurt/Main (Hessen). [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Uwe Zucchi / picture alliance / Uwe Zucchi

Die Fluchtwelle 1991. Aus der ehemaligen Sowjetunion kommen sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, jüdische Familien, von denen sich viele entscheiden, in Berlin zu bleiben. Russisch-deutsch, jüdisch-christlich, Mann-Frau - übereinandergelagerte Zustände, die nur als Gesamtzustand messbar sind, heissen in der Quantenphysik „Superposition“. Der gleichnamige Roman von Kat Kaufmann beschreibt solch emotionale Überlagerungen bei Menschen, die nicht mit irgendeinem finsterem Hintergrund, sondern mit „Migrations-VOR-dergrund“ in diesem Land aufgewachsen sind.

Izy Lewin ist 26 Jahre alt, Jazz-Pianistin und Komponistin, christlich getauft mit jüdischem Vater, der früher ein selbstbewusster knorriger Künstler war, um hier in Deutschland als „Robin Hood“ in der jüdischen Gemeinde aktiv zu werden. Das Judentum war der Grund nach Deutschland zu gehen, weil man „stolzen Russen auf einmal gesagt hat, sie seien ja gar keine Russen, sondern Juden“. Es war der Türöffner nach Deutschland, aber verbunden fühlt sie sich der Religion sonst weiter nicht, weil sie als Kind ja eben „eine grüne Tanne umtanzt und mit Lametta beworfen und nicht den Siebenarmigen“ angezündet hast.

Es ist ein Luxus, die Herkunft verschleiern zu können

Um nicht mehr anders zu sein, sind sie aus Russland gekommen, wieso der Vater das Andere dann in Deutschland öffentlich hervorstellt, mag sie nicht verstehen. Doch der geht in seiner Arbeit für die Schutzlosen auf, schmuggelt heilige Erde und hadert mit seiner Tochter. Es ist ein Luxus, die Herkunft verschleiern zu können, denkt Izy, und wenn du das R nicht rollst, kommt niemand darauf, dass du aus Russland bist.

Izy ist verliebt, seit 25 Monaten in einen Mann, Timur, der das R rollt, der vergeben ist und sich offensichtlich nicht für und auch nicht gegen sie entscheiden will. „Zugehörigkeitsbefürfnis steht anscheinend höher als Selbsterhaltungstrieb“, denkt sie, denn auch er ist Kind als Flüchtling nach Deutschland gekommen, auch er kann seine Spielplätze von früher nicht mehr besuchen, auch er hat die Kindheit als Fremder erlebt und steht unter dem Druck, ein gutes Leben zu führen, nachdem die Eltern ihr altes für seine bessere Zukunft verlassen haben.

Timur ist ihr „Stück Heimat“ und sie die Heimat für ihn, denn seine eigentliche Freundin ist deutsch. Und die frühere Heimat? „Du bist ein Arschloch gewesen, and you know it“, weiss sie, und dass das Land, das sie besser als jedes andere kennt, jetzt Deutschland ist.

„Plötzlich musste er sprechen lernen. Von vorn“

Kat Kaufmann, 1981 in Leningrad geboren, arbeitet und lebt als Schriftstellerin und Komponistin in Berlin. Auch wenn das mit dem autobiografischen Anteil eines Romans immer so ein quälend zögerliches Rumgezerre zwischen Autoren und Rezensenten ist, weiss Kat Kaufmann ganz sicher, wovon sie beim Thema Heimatsuche spricht. Im Internet gibt es bei vimeo.de einen wunderbaren Film von ihr, der ihrer Grossmutter gewidmet ist, die in Deutschland in ihrer sehr klein gewordenen russischen Welt lebt, die die Sprache nicht mehr lernen konnte und doch soviel zu erzählen hat. Dort kann man Kaufmann auch bei einer Tour durch die Berliner Nacht erleben oder ihre Fotografien sehen. In ihrem Debutroman sind es vor allem die kleinen Bilder und Geschichten, Miniaturszenen, mit denen sie besticht.

Da ist Timur, der grosse Schatz seiner Eltern, „dessen Mutter ihn darauf vorbereitet hatte, ein kluger Junge zu sein, der im Asylbewerberheim im Westen aufschlägt und plötzlich musste er sprechen lernen. Von vorn“. Es ist Izys Timur, der die erste Klasse nicht geschafft hat, und die Mutter war „dann natürlich etwas enttäuscht“.

Oder da ist Izy, die im Osten Deutschlands landet: „Erst Wende, dann Russen. Auch noch jüdische. Dann ein Sexshop im Dorf. War auch für die nicht einfach bestimmt.“ Sie ist es, die sich an die suggestiven Blicke auf den Elternabenden in die Richtung ihres Vaters erinnert, wenn es um die Probleme mit dem hohen Ausländeranteil in den Klassen ging. Da ist das Mysterium, wie man antworten soll, auf die Frage, ob man Jude ist, weil es das Ticket in die Freiheit war, weil der Vater jüdisch ist, weil man mit ihm immer „in einem Boot“ sitzt, weil man nicht weiss, ob sie gerade „ein Moslem oder Fascho“ stellt.

Sie arrangiert sich mit dem selbst diagnostizierten Mittelmaß

Mit ihrer Izy hat Kaufmann eine Persönlichkeit gezeichnet, die überaus stark, ein weiblicher Macho mit „einem grossen geistigen Penis“ sein will, was sie vor allem mit sexuell expliziten Schilderungen belegen will und die doch vor allem Halt sucht, bevor es ins wirkliche Erwachsenendasein geht. Sie trinkt, um ihren Kopf auszuschalten, arrangiert sich mit dem selbst diagnostizierten Mittelmass, das musikalisch noch immer auf ziemlich hohem Niveau zu sein scheint, entzieht sich der aufdringlichen Belästigung anderer Männer, geht ihren Weg. Als herrenlosen Hund sieht sie sich, der vermeintliche Freund ist der Wolf, die sich gemeinsam „Arm in Arm unter dem Tisch besaufen, Timur und Izy sind Kinder der Strasse“.

Kaufmann hat für ihren Roman den aspekte-Literaturpreis des ZDF gewonnen. In ihrem eigenen Vorwort zum Roman heisst es „Und der Jude ist nicht reich. Und der Russe ist nicht kalt. Und Berlin ist nicht Berlin.“ Aber Izys Berlin in „Superposition“ ist eine Wirklichkeit dieser Stadt. Nicht nur die S-Bahn-Bettler, die sie immer wieder beschreibt, meint man tatsächlich wieder zu erkennen. Izy, Timur, die Eltern und Grosseltern, die Kunden, die die Jazzband buchen und dann Rocksongs hören wollen, der schmierige Theatermann, der sie ständig belästigt, die Freunde, die herrenlosen Hunde, alle religiösen oder ethnischen Überlagerungen in diesem Roman, das ist Berlin. „Keine Heimat. Nur euch. Gefährten.“, heisst es zum Ende der Geschichte, das ist, was bleibt.

Kat Kaufmann: Superposition. Hoffmann und Campe Verlag, 272 Seiten, 20 Euro