Wenn am 28. Februar in Los Angeles die Oscars verliehen werden, darf sich Tom McCarthys „Spotlight“ berechtigte Chancen in der Königskategorie des Besten Films ausrechnen. Das ahnten schon die Zuschauer der Welturaufführung bei den Filmfestspielen in Venedig, die ihn mit lang anhaltendem Applaus feierten – und auch die internationalen Buchmacher meinen es zu wissen, die „Spotlight“ zusammen mit dem Leonardo-DiCaprio-Western „The Revenant“ in der Favoritenposition sehen. So viel Einmütigkeit und so viele vorgeschossene Lorbeeren gibt es selten im Filmgeschäft – und das freut doppelt, denn „Spotlight“ ist in der Tat ein herausragender, berührender und klug inszenierter Film.
Der Vorwurf: Der Missbrauch von mehr als 100 Kindern
Er erzählt eine wahre Geschichte: „Spotlight“ ist der Name des Investigativteams beim „Boston Globe“ – einer Gruppe von Journalisten also, die sich losgelöst vom Tagesschäft oft über Monate hinweg der Recherche widmen darf. Diesem Team gelang es unter Führung ihres neu angeheuerten Chefredakteurs Marty Baron 2001, einen systematisch vertuschten pädophilen Missbrauchsskandal in den Reihen der katholischen Kirche aufzudecken. Dem Priester John Geoghan, der von seinem Erzbischof mehrfach in andere Gemeinden versetzt worden war, wurde der Missbrauch von mehr als 100 Kindern vorgeworfen. Auch 90 weiteren Priestern wurden pädophile Übergriffe zur Last gelegt und nachgewiesen. Der Bostoner Missbrauchsskandal machte weit über die Grenzen der USA von sich reden. Die Berichterstattung des „Boston Globe“ führte dazu, dass sich die Opfer der Straftaten in Scharen in der Redaktion meldeten. 2003 erhielt seine Reporter für ihre Arbeit den Pulitzer-Preis.
Diese Fakten hätte man nun in unendlich vielen Varianten erzählerisch aufbereiten können – am nächsten liegend davon Hollywoods Standardrezept der Anreicherung mit persönlichen Dramen zwischen den Journalisten, Eitelkeiten und den üblichen Exzessen des Ehrgeizes. Und lädt nicht genau diese Geschichte dazu ein? Sie würde, das wusste Tom McCarthy vorher, im Wesentlichen in Büroräumen, Besprechungszimmern und Bibliotheken spielen und ihre Dramatik nicht aus ihrer Handlung, sondern allenfalls aus ihrem Thema beziehen können. Warum sie also nicht als psychologischen Ringkampf präsentieren, als die uns allen altbekannte Angestellten-Saga, wie es zum Beispiel Aaron Sorkin in seiner überaus erfolgreichen Journalisten-Serie „The Newsroom“ getan hat?
Die Antwort ist leicht: Weil Tom McCarthy viel mehr will und auch mehr kann, als nur narrative Routinen aufzurufen. Ihm geht es nicht um die Psychologisierung einer Geschichte. Es geht ihm darum, eine Geschichte zu verstehen. Und so hat er sich mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, John Slattery und Stanley Tucci zwar herausragend begabte Schauspieler an Bord geholt – doch Egotrips gleich welcher Art gestattet er keinem einzigen. Er will Journalisten nicht beim Streiten oder beim Intrigendrechseln zeigen, sondern bei der Arbeit.
Journalisten müssen sich gegen Einflussnahme von außen zur Wehr setzen
Man wird deshalb in diesem Film sehr viele und sehr ernst gemeinte Aussagen darüber finden, was guten Journalismus gut macht. Der jüdischstämmige Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) ist ein Neuling beim „Boston Globe“ und fremdelt mit dem katholischen Gepräge der Stadt. Er liest eine Meldung in der Zeitung über einen Missbrauchsfall, gegen den nichts unternommen wurde – und setzt sein Team darauf an. Als sich die niederschmetternden Ergebnisse der Recherche erst in Umrissen erahnen lassen, wird er in das Büro seines Verlegers zitiert. Dieser fragt ihn, ob er denn wisse, dass mehr als 50 Prozent der Leserschaft katholisch seien. Dann müsse die Geschichte diese Leser doch besonders interessieren, antwortet er ungerührt.
Auf nüchterne Weise und ohne das genretypische Pathos macht McCarthy an vielen Stellen klar, wie oft sich Journalisten gegen Einflussnahmen von außen zur Wehr setzen wollen, wenn sie unabhängig bleiben wollen. Und diese drohen nicht nur von der kaufmännischen Abteilung im eigenen Haus, sondern natürlich auch von jenen, über die man berichten will. Man stehe doch auf derselben Seite und müsse das jetzt gemeinsam lösen, sagt der Erzbischof, als er mit den Vorwürfen konfrontiert wird. Es gibt aber keine gemeinsame Seite.
„Die Kirche denkt in Jahrhunderten. Haben Sie so viel Zeit?“, fragt ein Anwalt mit wissendem Lächeln in der Mitte des Films. „Spotlight“ handelt natürlich auch vom Niedergang des Erlösmodells, das Zeitungen einmal waren. Er erzählt von dem Legitimationsdruck, der auf Journalisten lastet, die sich mit ihrer Arbeit bereits auf einem sinkenden Schiff wähnten, als es noch keine Smartphones gab und soziale Netzwerke noch im echten Leben geknüpft wurden. Und er formuliert eine optimistische Prognose: Freie Gesellschaften brauchen Journalisten, die an den Mauern des Schweigens so lange herummeißeln, bis sie einstürzen. In Zeiten des „Lügenpresse“-Vorwurfs ist das auch hierzulande ein sehr wahres und wichtiges Statement.



