Das Tolle an den Stücken von Christoph Marthaler ist, dass man nicht zwingend verstehen muss, was in ihnen eigentlich passiert – wer sind diese Figuren und was machen die da? Marthalers Theater funktioniert in seinen besten Momenten als komische Verzauberung: ein Setting, in dem Sprache, Gesten und Musik einander spiegeln, in einem leicht verschlafenen Gleichgewicht halten.

Diesmal versammelt der 64-jährige Schweizer Regisseur an der Volksbühne eine Gruppe mehrdeutiger, leicht verloren wirkender Figuren in den Ruinen des ehemaligen Kulturpark Plänterwald, später Spreepark, einem seit 2002 geschlossenen, vor sich hin rottenden Vergnügungspark in Treptow. Ein leerer Pool im Bühnenvordergrund. Dahinter eine Metallbrücke, die nichts mehr überbrückt. Klassische Berliner Parkbänke und die ewigen weißen Plastikstühle, die auf der ganzen Welt gleich aussehen. Selbst einen der malerisch umgestürzten Dinosaurier aus dem Park hat Marthalers langjährige Bühnenbildnerin Anna Viebrock nachgebaut. Ein Zitat vergangener Träume. Die Kopie einer Kopie.

Ein Ort für Unvorhergesehenes

Wer diesen Vergnügungspark – den einzigen der DDR – in Aktion erleben durfte, wird ihn als eben diesen Traumort empfunden haben: ein schillerndes Areal in der Mangelwirtschaft. Wer den Park heute, seine überwucherten Restattraktionen, mit einer Führung besucht, erlebt einen Ort, der im Stillstehen der Zeit etwas Rätselhaftes, Melancholisches, aber auch Abenteuerliches ausstrahlt. Fast scheint es, als gebe dem Park erst sein Verfall die Kraft, ein Ort für Unvorhergesehenes zu sein.

Schade, dass Marthaler seine Inszenierung nicht im Spreepark selbst spielen lässt. Es erhielte eine weitere Dimension, wenn Ueli Jäggi zu Beginn einen Tourguide mimt, der den Neuaufbau großer Attraktionen verspricht, ihn als reaktivierte Spaßlandschaft entwirft. Das Fiktive daran würde anders kollidieren mit der sogenannten Realität. Vielleicht funktioniert Marthalers spezifische Künstlichkeit aber besser unter den Laborbedingungen einer geschlossenen Bühne.

Voller Bildzitate und Country & Western Songs

Auf der tummeln sich Figuren in Outfits zwischen 70er und 90er Jahren: ein Mosaik der Zeiten, die der Park erlebt habt. Wie Geister seiner Vergangenheit sind sie gefangen auf diesem Gelände, dem zu Beginn eine Lautsprecherstimme in freundlichem Deutsch/Englisch-Mix die Regeln vorgibt. Selbstoptimierung durch Vergnügen wird eingefordert, kulminiert in der Losung: „Nicht aus Freizeit ausscheren“.

Lilith Stangenberg spielt, neben anderem, eine Dauerkartenbesitzerin, die zehn Jahre lang nicht nur jeden Tag in den Park kommen darf – nein, sie muss die ganze Zeit dort leben. Wir befinden uns offenbar nicht auf einer kurzen Informationsveranstaltung. Die, wenn man so will, gegenwartsdiagnostische Ebene von „Hallelujah (Ein Reservat)“ meint vielmehr: Sind wir nicht alle ein Leben eingesperrt in kaputten Parks, dazu verdammt, uns systematisch in den „Freizeit-Burnout“ – wie es an einer Stelle heißt – zu amüsieren?

Über weite Strecken liefern Marthaler und sein Ensemble jedoch trotz Überbau das bunte Programm, dass man an so einem ins Surreale entrückten Ort erwartet. Ausgehend von Ostalgie-Tönen – wer es nicht wusste, kann lernen, was eine Ketwurst war – brechen sie auf in eine Art Cowboy-Revue, voller Bildzitate und Country & Western Songs.

„Take it easy, altes Haus“

Tora Augestad singt im weißen Fransen-Dress Nummern von Dolly Parton und Emmylou Harris, Clemens Sienknecht gibt am Keyboard den etwas trostlosen Unterhalter, spielt neben Klassikern des Genres auch ein paar schräge deutsche Adaptionen wie „Ohne Moos nichts los“ von Gunter Gabriel oder „Take it easy, altes Haus“ von Truck Stop – einer Country-Band aus Seevetal-Maschen, südlich von Hamburg. Das klingt genau so seltsam, wie es hier klingt. Auch im Westen gab schließlich West-Träumereien, die Sehnsucht nach einer Welt voll Freiheit, Mut und einfachen, guten Dingen.

Überraschender vielleicht: in der DDR kultivierte man ganze „Indianistenvereine“, mit Tipis und allem, was dazu gehört. Solidarisierung mit Unterdrückten auf anderen Kontinenten ließt sich durchaus systemkonform denken. Wenn dann aber weiße DDR-Damen das Ganze etwas zu ernst nahmen, wie Hildegard Alex als „ehemalige Mitarbeiterin des Kassenwesens“ berichtet, und zwecks Kinderkriegen mit Rothäuten in die USA auswandern wollten, ging das den Behörden doch zu weit.

Marthaler lässt auch den fiktiven Indianer Pierre Brice auftreten, der mit gehörigem Pathos aus seinem Leben berichtet: „Ich war das Medium für Winnetou“. Marc Bodnar spielt das mit einer Zartheit, die sich überzeugend reibt an den prolligeren Szenen, die er an anderen Stellen gibt – Strips mit rotem Slip, auf einem Zaun reitend zum Beispiel. Die zweite Überschneidungsfigur zwischen Ost und West ist Dead Reed, der einzige sozialistische Country-Star der Musikgeschichte. Auch ihn spielt Clemens Sienknecht in enger 70er-Jahre-Hose, mit furios überzogenem US-Akzent. Eine Figur zwischen Utopie und Showbizz: „Jedes Lied, das meine Feinde stört, / ist ein Liebeslied, das dir gehört.“

Hier rutscht der Abend hin und wieder ins Nummernhafte

Marthalers Schauspieler wandern auf dem Grat zu Experten des Alltags, wie sie bei der postdramatischen Theatergruppe Rimini Protokoll heißen. Immer wieder spielen sie bewusst unprofessionell, berichten Episoden, die auf ihrer eigenen Erinnerung stammen könnten – oder auch nicht. Olivia Grigolli etwa ist auf der Suche nach „echten Ureinwohnern“, fragt sich, wie überhaupt ein Reservat aussieht. Sie habe drei Bücher über Hopi-Indianer geschrieben, ohne je einem begegnet zu sein. Wie schon Karl May kannten DDR-Bürger in der Regel den „wilden Westen“ nur aus Erzählungen. So spricht Grigolli am Ende vielleicht nur von „Hobby-Indianern“. Es könnte sich aber auch um eine Vernuschelung handeln.

Haarscharf gezeichnet sind hingegen die Show-Szenen, die aus klassischen Musicals der 30er und 40er Jahre stammen könnten, oder aus Bilder von Edward Hopper, hätte der Gitarren gemocht. So gut den Songs die auf Parkbank-als-Schlagzeug reduzierten Arrangements stehen – hier rutscht der Abend hin und wieder ins Nummernhafte. Auch wenn Katja Kolm eine beschwingte Version von „I want to be a Cowboy’s Sweetheart“ unterbricht mit Casting-Show-Parodien, sie bricht mit Kritik an Wunderkinder-Wahnsinn leistungsgeiler Eltern. Getragen werden einige der Songs dann doch vor allem davon, dass es gute Songs sind.

Vielleicht genügt das aber auch. So liebevoll auf Freizeitpark-Charme gebracht, könnte man Hank Williams oder James Taylor stundenlang zuhören. Und der Slapstick, den das Ensemble zwischen Indianer-Sehnsucht und Cowboy-Imitation mit Absperrgittern oder Zeltstangen aufführt, sind wahrlich ansehnlich. Nach mehreren Versuchen, ihr Zelt aufzubauen, kriecht Olivia Grigolli am Ende einfach in die lose Hülle hinein. Ein Knäuel aus Körper und Stoff. Die große Kunst etwas nicht fertig zu kriegen. Christoph Marthalers Kunst.

„Hallelujah (Ein Reservat)“ in der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, 21.2. 18 Uhr, 27.02.18:00, 03.03.19:30