Konzerte

Die Kapellmeister neuer Rituale

Das CTM-Festival für experimentelle Musik mischt die Berliner Nächte einmal wieder richtig auf. Wir waren bei der Eröffnungsparty.

Er mischt magische Bilder: Der Franzose  Vincent Moon steigert sich in einen Strudel aus Klängen

Er mischt magische Bilder: Der Franzose Vincent Moon steigert sich in einen Strudel aus Klängen

Foto: Priscilla Telmon

Ganz am Ende singen Sofia Jernberg und Rully Shabara sogar für ein paar Sekunden. Ohne Worte, eher ein zaghaftes Summen, als wären sie zwei Kinder, die sich in einem Wald aus Lärm verlaufen haben. Dann ist die Eröffnung des 17. CTM-Festivals vorbei. All die hübschen internationalen Szene-Menschen schieben sich aus dem Hebbel am Ufer, besprechen Hipness und Disharmonien, planen den Rest der Nacht, den Rest der Woche.

Punks gibt es zu sehen, hyperstilisierte, mit Piercings, Gesichtstattoos und Iros. Aber auch Leute, die aussehen wie aus dem allerneuesten 90er-Jahre-Retro-Modekalatog entlaufen. Und so etwas ist das CTM – 1999 als Begleitfestival zur transmediale gegründet, seither weit davon emanzipiert – ja auch: des Landes größte Fachmesse für abgelegene, zugleich angesagte, international vernetzte Musikkultur.

Die Messe für angesagte, international vernetzte Musik

Und wo, wenn nicht in Berlin, sollte so etwas stattfinden? Wo gefühlt die Hälfte aller Produzenten elektronischer Musik Quartier bezogen hat. Oder es hatte, als das Leben in der Stadt noch preiswerter war, die Party endlos. Nun kursieren Geschichten von Abwanderungen, vom Verlassen eines Schiffs, das man selbst mit auf Kurs gebracht hat. Das CTM aber war von Anfang an nicht gekettet an die Berliner Expat-Boheme. Auch in diesem Jahr wird das Team um Oliver Baurhenn, Jan Rohlf und Remco Schuurbiers von mehreren Co-Kuratoren beraten, Spezialisten aus ihren Bereichen und Kulturkreisen. Vermutlich eine der besten Möglichkeiten, als Veranstalter immer wieder neu über den eigenen Tellerrand zu lauschen.

Einer davon ist Rabih Beaini, dessen Stück "For The Right Red Hand" das Festival mit eröffnet. Im Libanon geboren, in den 90er-Jahren nach Italien gezogen, kommt er als "Morphosis" ursprünglich vom Techno. Auf dem Label Morphine geht Beaini jedoch schon länger Experimentellem nach, bringt multiethnische Musik heraus, die die Grenzen von Elektronik und Avantgarde hinter sich lässt.

Viele dieser Partikel tauchen, verfremdet, auf in "For The Right Red Hand", das Beaini für das CTM 2016 geschrieben hat. Zwei gespiegelte Bands stehen auf der Bühne: zwei Drummer, zwei Trompeter, zwei Gitarristen, zwei Sänger. Wie eine Hardcore-Neuauflage von Ornette Colemans bahnbrechendem Doppelquartett auf "Free Jazz" (1961), das einem ganzen Genre den Namen gab, entfesseln sie einen – auf den ersten Hinhörer – ziemlich infernalischen Lärm. Mit minimalen Dirigierbewegungen gibt Beaini Einsätze vor, staffelt die Instrumentengruppen. Er steht mit dem Rücken zum Publikum am digitalen Mischpult, durch das alle Klänge laufen. Er dreht an Effektgeräten, lässt Verzerrungen über die Trompeten fahren, Gitarrenschaben im Raum kreisen. Ein Kapellmeister für das 21. Jahrhundert.

Vincent Moon blendet Trance-Zustände ineinander

Jernberg und Shabara setzen Kontrapunkte: markerschütternd virtuose Frauenschreie gegen schamanisches Gluckern. Mazen Kerbaj spielt seine Trompete hauptsächlich über einen Gummischlauch. Daniele De Santis und Tommaso Cappellato an den Drums achten penibel darauf, keinen Beat länger als zwei halbe Takte durchzuhalten. Das volle Avantgarde-Repertoire also: möglichst wenig machen, das nach traditioneller Musik aussieht. Das Ganze klingt in seiner Schichtung von sägenden E-Gitarren und Kreischen eher wie die Musik zu einem überlangen, sehr katholischen Horrorfilm – den man dazu aber auch gern sehen würde.

Das Trance-Artige des Stücks, sich hineinzusteigern in immer dichtere Strudel aus Klang, schließt an die Filme des Franzosen Vincent Moon an, die vorab gezeigt wurden. "Rituale" ist einer der Schwerpunkte des Festivals: Transformationen des Religiösen, Ekstatischen zu finden in der scheinbar so durchtechnisierten, überinformierten Gegenwart. Moon blendet in "Hibridos" Szenen unterschiedlichster Trance-Zustände ineinander, die er in Brasilien aufgenommen hat: entrückt schöne Frauen in roten Kleidern beim Tanz, zuckende junge Kerle unter Neonlicht, aber auch Massenliturgien unter freiem Himmel. Moon mixt seine Bilder eher zu einem Fluss aus Kontrasten. Er spürt dem Rhythmus nach, den der hart stoßende Atmen eines alten Mannes, in Rauch gehüllt, in der ersten Szene vorgibt – eine Herleitung des Beats aus dem Ritual, der Party aus dem Rausch, in dem alles Individuelle sich verliert, alle Grenzen fallen.

Auch dieses Jahr wird das CTM tagsüber flankiert von Gesprächen, Workshops, Ausstellungen. Konzerte und Clubnächte gibt es bis zum 7. Februar im HAU und im Berghain.

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