Columbia Theater

Die legendären Residents spielen im Dauerstressmodus

Das Konzert der Residents lockte vor allem gealterte Freaks ins Columbia Theater. Das Konzept der Show: Anti-Schönheit um jeden Preis.

Was für eine Lobeshymne hätte das werden sollen: Eine der schrägsten Bands der Popgeschichte, seit Anfang der 1970er Jahre versteckt hinter Augapfelmasken, kommt einmal wieder nach Berlin. Eine echte Bastion des Schwerverdaulichen in Zeiten allzu finanzträchtiger Reunions und Revivals. Eine kleine Portion Verstörung. Die gute alte Scheissegal-Haltung der Avantgarde. Doch wie die drei aktuellen Band-Mitglieder, deren Klarnamen und Gesichter auch nach über 40 Jahren keiner kennt, in Star-Wars-meets-Mad-Max artigen Kostümen auf der Bühne des Columbia-Theater stehen, hat – paradoxerweise – etwas ziemlich Antiquiertes.

Sänger Randy Rose (so das momentane Pseudonym) trägt einen Body zur Horrorfilmmaske, der einen gehäuteten Körper zeigt. Sehnen und Fleisch. Darüber eine schwarz-weiß karierte Unterhose und einen weißen Glitzer-Frack. „Bob“ an der Gitarre und „Chuck“ an Keyboards und anderer Elektrik sehen mit künstlichen Dreads und alten Fliegerbrillen eher aus wie Wüsten-Zombies der Apokalypse. Untote ihrer eigenen Geschichte, möchte man interpretierten, die aus immerwährender Dekonstruktion von Popkultur (siehe: Häutung) besteht. Soweit, so durchgeknallt, so klug auch.

Was daraus musikalisch folgt ist jedoch, wie ein bekanntes Berliner Stadtmagazin früher vielleicht geschrieben hätte: Fanveranstaltung. Das zeigt sich schon am Publikum. Es besteht primär aus alt gewordenen Freaks, die vermutlich noch die Grateful Dead in ihrer Untergangsphase Mitte der 1980er Jahre in irgendwelchen westdeutschen Mehrzweckhallen gehört haben. Dazu ein paar Herren Ende 50, die aussehen wie Professoren für Kontrapunkt aus Halle oder Bamberg. Aber auch Sven Regener wartet an der Bar auf Bier. Frauen: kaum. Mit das aufregendste Utensil des Abends: ein Jutebeutel zur – noch immer – neuen Platte der Einstürzenden Neubauten. Nach wenigen Takten hängt der schwere Geruch von Kiff in der Luft.

Ausgestellter Avantgardismus

Das Ganze hat – im Guten wie im Schlechten – das Flair einer Privatveranstaltung, einer nicht ganz jugendfreien Vaudeville-Show, inszeniert von einem Enkel David Lynchs. In pantomimisch stilisierten Spasmen ruckt Sänger Randy über die Bühne, seine Gesten wie nach den Regeln einer persönlichen Religion ritualisiert. Zu Anfang trägt er noch eine Teufelshornmaske, die er sich nach ein paar Songs herunterreißt, um – tada! – darunter eine weitere Maske zu tragen. Die Maske eines alten Mannes. Die Maske hinter der Maske.

Nach diesem Prinzip permanenter Verfremdung funktioniert auch die Musik der Residents, zumindest an diesem Abend. Zu eher rudimentären Drumcomputer-Beats sägt die Gitarre im Dauerstressmodus. Der Sänger singt selten, meist rezitiert er, nölt oder schreit, alles permanent durch Effektgeräte gejagt. Dabei bleiben viele der Stücke auf seltsame Weise tanzbar, voll Pop-Appeal. Zur Sicherheit aber müssen solche Stücke, etwa „The Golden Guy“ oder das fast hymnische „Caring“, klingen wie Charthits, die man durch den Fleischwolf gedreht hat. Bei jedem möglichen Stil-Verfestigen reißt sich die Musik der Residents die Maske herunter und findet eine weitere. Alles, was so an Vielfalt und Witz aufkommen könnte, wird überschrieben vom großen Gesamtkonzept: Anti-Schönheit um jeden Preis. Und wie old school ist das bitte?

Vielleicht hatten The Residents aber auch nur einen schlechten Tag. Vielleicht lag es am Sound in Columbia-Theater, der die toll-sperrigen Songtexte komplett unverständlich machte. So lief der Blues out of Hell, den die Residents in die Halle bellten, jedenfalls ins Leere. Ihr ausgestellter Avantgardismus klang nach wenigen Songs eintönig, als wäre jemand vorgestern auf einem verdammt schlechten Trip hängengeblieben.

Die besten Momente des Konzerts, das man wohl eher als Gesamtkunstwerk hinnehmen soll, waren dann kleine Film-Intermezzi, in denen Charaktere wie Der Schlächter, Der Müllmann oder Die Taucherin Monologe hielten über Besessenheiten und Nahtode. Da wurden endlich mal Geschichten ausgelegt, wurde Platz gemacht, den Worten zugehört.