Konzert

Grimes singt "Ave Maria" im Friedrichshainer Astra

Grimes spielt ein kurzes, sehr gutes Konzert im Astra. ABBA trifft Hip-Hop trifft Noise Punk – alles selbst am Rechner produziert.

Die Künstlerin Grimes bei ihrem Konzert im Astra in Berlin

Die Künstlerin Grimes bei ihrem Konzert im Astra in Berlin

Foto: Getty Images

Viele hundert Meter lang ist die Schlange vor dem Astra in Friedrichshain. Junge Franzosen reden Englisch mit ihren deutschen Freunden. Überhaupt: Englisch mit Akzenten aus allen Ecken des Globus hängt in der Kälte. Obligatorische Vollbartträger sind angetreten, aber auch bildschöne farbige Frauen mit Pelzkragen und leicht pummelige Herren, die einander küssen. Die hippe Internationale der Stadt, hier scheint sie versammelt. Das Konzert von Grimes ist seit Monaten ausverkauft.

Grimes ist dieses bunte Bühnenwesen, das sich Claire Elise Boucher aus Kanada ausgedacht hat. Gerade mal 27 Jahre jung ist sie. Je nach Etiketten-Vorliebe hat sie 2010 mit Do it yourself-, Dream- oder Schlafzimmer-Pop angefangen und wird spätestens seit dem Album „Visions“ von 2012 als die neue Madonna oder Björk oder Kate Bush gehandelt. „Visions“ soll Grimes in nur drei Wochen aufgenommen haben, in denen sie ihre Fenster verdunkelt, kaum geschlafen oder gegessen hat. Klingt verdächtig nach Genie.

Sehr dünn ist sie, sehr jung

Ende 2015 erschien „Art Angel“: ABBA trifft Hip-Hop trifft Noise, alles selbst am Rechner produziert. Zugänglicher, ohne wirklich Mainstream zu sein. Leute wie Rihanna lassen sich derweil Songs von ihr schreiben. Sie wird mit Kritikerlob und Preisen halb tot geschmissen. Soll man dem Hype um Grimes also ausnahmsweise mal glauben?

Was Grimes im Astra mit Co-Musikerin Hana und zwei Tänzerinnen durch das Glitzerbühnenbild jagen sieht in der Tat aus wie einen Kreuzung aus Castingshow und Experimentaltheater, Barbie-Ästhetik und Bulimie-Punk. Sehr dünn ist sie, sehr jung, in einem weißes Netzhemd, die blondierten Haare hochgesteckt. E-Gitarre um den Hals, zugleich ein schnurloses Mikro in der Hand. Hin und her rennt sie zwischen Elektronik und Bühnenrand. Schwer am schuften.

Ihre Tänzerinnen wirbeln locker synchron mit Sonnenbrille und Neohalsband durch den Raum: kleine, explosive Bewegungen zu verhakten Beats. Auch Hana zeigt einen durchtrainierten Bauch über – Achtung! – Camouflage-Leggins. Eine ganz selbstverständlich coole Frauencombo in diesem noch immer zu stark von Kerlen dominierten Betrieb. Die vier feiern, scheint es, ihre ganz private Block Party, bei der eher zufällig noch ein paar tausend aufgekratzte Leute mit im Raum sind.

Tief im Gewühl noch souveräne Chefin

Zu Anfang geht Grimes’ halb gehauchte Stimme noch fast unter im Elektrotrash-Gewitter. Mitten in der Choreografie macht sie Zeichen Richtung Tontechnik: dies lauter, das leiser. Tief im Gewühl noch souveräne Chefin. Und eben diese Mischung macht Grimes aus: das furchtlos genialische Zusammenhauen unterschiedlichster Einflüsse, dabei höchstes Profiniveau halten und trotzdem den Ich-mach-hier-mal-einfach-irgendwas-Gestus bewahren.

Die Tracks folgen einander mit der Geschwindigkeit einer Spotify-Playlist. Es gibt Hubschraubersounds, Strobo-Schlachten und Mitsing-Refrains. Und wenn etwas mal wie eine Ballade klingt wird massiv mit angeschrägten Klängen gegengelenkt, das Zarte des Gesangs mit Brachialem kontrastiert. Dann flattern einem wieder Subbässe um die Beine, durch den Kopf. Und dann kreischt Grimes so hoch sie kann, wirbelt herum, lässt ihre Haare routieren, schmeißt den schmalen Körper in jede Bewegung. Eine Manga-Hardcore-Show, in der Hauptrolle dieses Kunstwesen: ein hyperaktiver Twen.

Aus einer ihrer forciert atemlosen Ansagen rutsch Grimes Stimme plötzlich in wundersame Höhen. Sie singt ein paar Takte a capella, bricht ab, sagt zum Publikum: Oh, das sei gerade echt nicht gut. Man möge verzeihen. Das Publikum tobt. Sie singt weiter. Schwieriges Stück, virtuos. Und ja, das ist tatsächlich Schuberts „Ave Maria“. Dann setzt der Beat wieder ein, stolpert unter ihrer Stimme durch. Gesangsschleifen werden rückwärts gespielt, überlagern sich. Zusammen klingt das so sehr nach 21. Jahrhundert wie es nur geht.

Zum Schluss gibt es noch „Kill V. Maim” vom neuen Album: ein Dancefloor-Monster, wild, schnell, laut und gut. Grimes stürmt nach dem letzten Ton von der Bühne. Sofort geht das Saallicht an. Auch ausdauerndes Klatschen hilft nichts – das Konzert dauerte grad mal eine Stunde. Aber was war das denn bitte? Man darf dem Hype um Grimes ruhig glauben.