Polit-Serie am Theater

"Borgen" wird in der Schaubühne zur Kapitalismuskritik

In der Schaubühne macht Regisseur Nicolas Stemann aus der 30-stündigen Polit-Serie „Borgen“ einen knapp vierstündigen Theaterabend.

Sebastian Rudolph, Stephanie Eidt und Regine Zimmermann (v.l.) halten die politischen Ziele in „Borgen“ hoch

Sebastian Rudolph, Stephanie Eidt und Regine Zimmermann (v.l.) halten die politischen Ziele in „Borgen“ hoch

Foto: Eventpress Hoensch

Richard III. brauchte sich nicht groß zu verbiegen: Shakespeares Titelfigur ging über Leichen, um an die Macht zu kommen und mordete weiter, um an der Macht zu bleiben. Die Zeiten haben sich – zumindest in den westlichen Demokratien – gewandelt, der politische Gegner wird zwar bekämpft, aber normalerweise nicht umgebracht. Aber auch im Zeitalter von Wahlen, Meinungsumfragen und Medien wird der politische Auftritt inszeniert, ohne Spin-Doctor, Seilschaften und Intrigen läuft nichts. Darum geht es in der 30-stündigen, erfolgreichen dänischen Fernsehserie „Borgen“. Die drei Staffeln wurden zwischen 2010 und 2013 ausgestrahlt und liefen auch im deutschen TV auf Arte.

Regisseur Nicolas Stemann hat aus der Serie einen knapp vierstündigen Theaterabend destilliert. Am Sonntagabend hatte „Borgen“ an der Schaubühne Premiere. Als eine Art Reenactment. Stemann lässt die Geschichte nachspielen und zugleich reflektieren, streut Kapitalismuskritik ein und Pegida-Aktionen. Das ist über lange Strecken gleichermaßen unterhaltsam wie erkenntnisreich. Ein Polittheaterabend der besseren Art, gewissermaßen die Fortsetzung von Falk Richters „Fear“.

Einkauf mit der Kreditkarte der Staatskanzlei

Birgitte Nyborg ist eine Politikerin der anderen Art. Die Vorsitzende der (fiktiven) Moderaten Partei hat noch Ideale und den festen Vorsatz, sich selbst treu zu bleiben. Als sie kurz vor der Wahl in einem Interview damit konfrontiert wird, dass ihr Oppositionskollege von der Arbeiterpartei die verabredete gemeinsame Linie in der Flüchtlingspolitik aus populistischen Gründen aufgekündigt hat, sagt sie, zum Entsetzen ihres im Fernsehstudios wild gestikulierenden Medienberaters, was sie denkt. Der Beginn einer steilen Karriere.

Auch in der „Elefantenrunde“ kurz vor dem Urnengang gibt sie sich authentisch, verrät dem Publikum, dass ihr das eigentlich für den Auftritt vorgesehene Kleid nicht mehr passt, weil sie im Wahlkampf fünf Kilo zugenommen hat und umreißt ihre politischen Ziele ohne Rücksicht auf mögliche Koalitionspartner. Als dann noch der Ministerpräsident vor laufenden Kameras beschuldigt wird, dass er bei einem Auslandsbesuch in London den teuren Einkauf seiner tablettenabhängigen Frau mit der Kreditkarte der Staatskanzlei bezahlt hat, herrscht Wechselstimmung im Land. Birgitte Nyborg wird neue Regierungschefin.

Sex nach Stundenplan

Natürlich hat sie einen verständnisvollen Mann zu Hause, der kümmert sich um die beiden Kinder und verzichtet vorübergehend auf die eigene Karriere. Natürlich geht das alles nicht gut aus. Der Sex nach Stundenplan funktioniert nicht, die Erziehung auch nicht so recht. Die Regierungsbildung verläuft alles andere als reibungslos. Zwei Abgeordnete versuchen, die designierte Ministerpräsidentin zu erpressen, machen ihr Votum von der Zusage für einen Autobahnbau in ihrem Wahlkreis abhängig. Später erschüttert eine Korruptionsaffäre um den Verteidigungsminister die Regierung. Es geht um die Anschaffung neuer Jagdflugzeuge. Und um Waffen, die nur teilweise funktionstüchtig sind, das kennt man ja von der Bundeswehr. Und dann gibt es noch den Skandal um Guantanamo-Gefangene auf Grönland.

Mit lediglich vier Schauspielern, die zahlreiche Rollen übernehmen, inszeniert Stemann „Borgen“ im Bühnenbild von Katrin Nottrodt, im Zentrum steht ein langer Tisch mit Wählscheibentelefon und Laptops. Die Kostüme hat Katrin Wolfermann entworfen.

Stephanie Eidt spielt die zwischen Macht- und Familienerhalt zerrissene Birgitte Nyborg. Mit blonder Perücke ist Regine Zimmermann die investigative, karrieregeile TV-Journalistin Katrine Fønsmark, mit dunklen Haaren dann Laura, die Tochter der Ministerpräsidentin, die an einer Panikstörung erkrankt und in psychiatrische Behandlung kommt. Ihr Bruder (Tilman Strauß) macht sich mit acht Jahren noch in die Hose. Die beiden Kinder sind zwar verhaltensauffällig, aber superintelligent, bei Stemann sind sie auch für die Globalisierungs- und Kapitalismuskritik zuständig.

Sebastian Rudolph, der als Gast vom Hamburger Thalia Theater kommt, ein Akteur, mit dem Stemann schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet, spielt unter anderem den Ehemann der Ministerpräsidentin. Der hat irgendwann keinen Bock mehr auf den Hausmann und will wieder in seinen Beruf zurückkehren will. In der finalen Scheidungsszene darf Rudolph scheinbar aus der Rolle fallen, er wünscht sich einen Dialog ohne Begleitmusik und Bilder, und landet schließlich vor dem Teleprompter, wo sein Text läuft. Und da liest er dann, dass er den Stecker zieht und durchs Publikum den Saal verlässt. Was er auch prompt macht.

Kleine Brecht-Parodie mit dem Lied vom Machterhalt

Verstärkt wird das kleine Ensemble durch die beiden mitspielenden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die zwischendurch knochentrocken mal ein Fazit ziehen und sehr komisch ein paar Songs im Brecht-Stil wie das Lied vom Machterhalt oder das von der Frauenquote vortragen. Letzteres ein sehr amüsanter Pausenfüller, vorausgesetzt, man bleibt in der zweiten, sehr kurzen Pause im Saal.

Für die Videoeinspielungen sorgt Claudia Lehmann. Diese Livebilder, die auf der Bühne generiert werden, sind ja fester Bestandteil von Stemann-Inszenierungen. Er schafft die Illusion und entzaubert sie gleichzeitig, indem er zeigt, wie sie entsteht. Diese Methode funktioniert bei einer TV-Serienvorlage nicht wirklich, der Mehrwert auf der Bühne bleibt überschaubar. Aber Spaß macht die Inszenierung schon – und außerdem ist sie 26 Stunden kürzer als die Serie.

Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf, Termine: 16., 17. Februar und 6.–8. März. Tel. 89 00 23.