KulturMacher

Es geht auch ohne Techno

Als mobile Disko für Brit-Pop und Indie-Rock zieht der Karrera Klub von Stefan „Spencer“ Theile seit den 90er-Jahren durch verschiedenste Spielorte.

Die Macher des Karrera Klubs (v.l.): Stefan "Spencer" Theile mit Tim Schneck, Christian Becker und Franz Lehmann

Die Macher des Karrera Klubs (v.l.): Stefan "Spencer" Theile mit Tim Schneck, Christian Becker und Franz Lehmann

Foto: Amin Akhtar

Wo treten Superstars eigentlich auf, wenn sie noch keine sind? Was hat, sagen wir, Adele gemacht, lange bevor sie kürzlich das meistverkaufte Album des Jahres 2015 auf den Markt brachte? Zumindest was Berlin angeht, ist die Antwort relativ einfach: Sie hat sich an die Jungs vom Karrera Klub gewandt. „Adele saß mit ihrer Gitarre im Vorprogramm von einer unserer Veranstaltungen im Rosi’s an der Revaler Straße“, erzählt Stefan „Spencer“ Theile, einer der Gründerväter des Karrera Klubs, „da war sie noch nicht einmal volljährig und unglaublich schüchtern, aber als wir beim Soundcheck ihre Stimme hörten, hat es uns schon alle umgehauen.“ Der Rest ist Popgeschichte.

Die Anekdote um Adele ist in gewisser Weise typisch für den Karrera Klub, denn die britische Sängerin ist nicht die erste Entdeckung, die die Berliner Indierock-Enthusiasten lange vor der breiten Masse gemacht haben. Was in der Szene zu Rang und Namen kommt, war vorher häufig längst im Karrera Klub zu Gast, von den Kaiser Chiefs über Franz Ferdinand bis hin zu Bands wie The Killers oder Glasvegas.

Einen festen Klub gibt es bis heute nicht

Doch zunächst zum Anfang. Alles begann mit einer Truppe begeisterter Indierock-Fans, die mitten in den 90er-Jahren kaum wussten, wohin sie gehen sollten, wenn sie einmal zünftig zu ihrer Musik feiern wollten. „Damals war ja noch alles Techno“, sagt Spencer, „es wollte sich kaum jemand vorstellen, dass man zu so etwas wie Oasis tanzen konnte.“ Doch es gab sie tatsächlich, die Leute, die sich lieber zu Gitarrenklängen als zu Elektrobeats auf der Tanzfläche bewegen wollten – und die versammelt der Karrera Klub seit 1996 auf seinen Veranstaltungen.

Aus der Not machte man dabei eine Tugend: Einen festen Klub gab und gibt es bis heute nicht. Stattdessen erfand man das „Klub-im-Klub-Prinzip“, eine Veranstaltungsreihe, die durch die angesagten und tanzbarsten Locations der Stadt rotierte, quasi eine mobile Britpop- und Indierock-Disko. Das schlug ein in der kleinen aber eingeschworene Fangemeinde, die offensichtlich auch noch durstiger war als andere.

Erst Konzert, dann kommt der DJ

„Als wir loslegten, war klassischer Weise gegen zwei Uhr das Bier alle“, erinnert sich Spencer. Selbst damals noch anzutreffende Hausbesetzer fanden das wohl zu anstrengend. „Da wollten sich einmal welche mit dem Thekenumsatz auf unseren Partys ein Mischpult finanzieren, was sie nach zwei Abenden auch geschafft hatten“, sagt Spencer. „Danach allerdings mussten wir bei denen mit der Begründung raus, sie würden zu viel Bier verkaufen und das alles sei viel zu viel Arbeit.“

Wie in Berlin üblich, gingen auch die Karrera Klub-Abende meist sehr spät los, kein Mensch ließ sich vor zehn oder elf auf einer Tanzfläche blicken. So kam es, dass die drei bis heute im Wechsel auflegenden DJs Tim, Christian und Spencer auf den Dreh mit den Livebands kamen. „Sobald wir eine Band auf die Bühne stellten, konnte es zeitiger losgehen, und interessierte Bands fanden wir ohne Weiteres.“

Hier debütierten Vampire Weekend und Hot Chip

Anders als heute nämlich gab es für Indie-Bands damals wenig attraktive Auftrittsmöglichkeiten. Und ihre Labels waren an solchen Auftritten ebenso interessiert, „denn wir hatten das Publikum, dem sie ihre Platten verkaufen wollten“. Lange vor ihrem Durchbruch machten Bands wie die Sportfreunde Stiller, Vampire Weekend, Hot Chip oder die White Lies auf den Karrera Klub-Abenden Station.

Das Konzept funktionierte und mit den Bands wuchs der Karrera Klub kontinuierlich mit. Bald wurde die Idee geboren, unabhängig von der Partyreihe auch eigenständige Konzertveranstaltungen auf die Beine zu stellen. „Man kann sich das kaum noch vorstellen, aber wir waren damals einfach die einzigen in dem Bereich“, sagt Spencer. „Deswegen war von Anfang an alles sehr familiär, man kannte sich. Bands, Labels und Veranstalter in der Szene haben sich immer gegenseitig unterstützt.“

Die Diskoabende bleiben kleinen Bands vorbehalten

Längst hat sich das Konzertgeschäft im Rahmen einer Agentur unter der Leitung von Stefan „Spencer“ Theile professionalisiert. Regelmäßig werden relevante Bands des Genres nach Berlin geholt. Eine Schiene, die zunehmend losgelöst von der Partyreihe gefahren wird, denn für diesen Rahmen sind die meisten Bands inzwischen zu groß und zu teuer.

„Da hat sich viel geändert in den letzten Jahren“, sagt Spencer, „früher haben Bands Konzerte gespielt, um Platten zu verkaufen, heute müssen sie mit den Konzerten an sich das Geld verdienen“. Bei sechs bis sieben Euro Eintrittspreis für eine Karrera Klub-Disko lassen sich allerdings keine übermäßigen Gagen einkalkulieren.

Zum 20. Jubiläum gibt’s ein Mini-Festival

Die Diskoabende bleiben also den (noch) kleinen, feinen Bands vorbehalten, den Newcomern und Geheimtipps, unter denen sich mit schöner Regelmäßigkeit Formationen finden, die wenig später richtig durchstarten. „Maximo Park oder Mando Diao zum Beispiel haben wir als erste gemacht“, sagt Spencer. „Oder die Arctic Monkeys – in derselben Woche, in der sie damals auf einer unserer Partys im Mudd Club aufgetreten sind, schoss ihre erste Single in England von Null auf Platz 1 in den Charts. Das war dann ihr Durchbruch.“

Rund einhundert Bands im Jahr bucht die Karrera Klub Konzertagentur, zwei der größeren demnächst anstehenden Konzerte sind die Auftritte der australischen Band Wolfmother am 2. Mai in der Columbiahalle oder der britischen Formation Editors auf der Spandauer Zitadelle im Juni. Anlässlich des zwanzigsten Karrera Klub-Geburtstages in diesem Sommer wird natürlich auch angemessen durchgerockt, „wahrscheinlich mit einer Art Minifestival in zwei, drei Clubs gleichzeitig“.

Ab März wird auch im Bohnengold getanzt

Die Hausadressen für die Tanzabende des Karrera Klubs sind derzeit das Kreuzberger Lido sowie das Rosi’s und das Astra in der Revaler Straße in Friedrichshain. Jeden Freitag wird das Lido gerockt, einmal monatlich im Rosi’s aufgelegt und zusätzlich ab und zu das Astra bespielt. Für alle, die auch unter der Woche Zeit und Muße für gitarrenlastige Abende haben, kommt demnächst eine weitere regelmäßige Veranstaltung hinzu.

Im Sommer letzten Jahres hat das Team vom Karrera Klub die Kreuzberger Szenekneipe Bohnengold in der Reichenberger Straße übernommen, dort wo im Hinterhaus auch das Agenturbüro liegt. Am Wochenende steigen auf dem unmittelbar an die Kneipe angeschlossenen Dancefloor zwar Elektropartys. Ab März aber soll es dort jeden Mittwoch auch einen Indierock-Abend geben.