Richtig ruhig geht es in der Krimibuchhandlung Hammett selten zu. Inhaber Christian Koch ist fast immer in Bewegung, sucht Bücher und Bestellungen für die Kunden heraus. Die meisten kennt er, wohnen sie um doch die Ecke in der quirligen Gegend rund um den Marheinekeplatz und die Bergmanstraße. Natürlich berät er den geneigten Leser auch ganz individuell. Je nach Geschmack sind die Krimis mal mehr oder weniger blutig.

Wenige kennen das Genre mit seinen zahlreichen Neu-Erscheinungen so gut wie der 51-Jährige. Krimifans wissen das zu schätzen. So viel Sachkenntnis zieht Kreise. Auch bei den Verlagen. „Da gibt es immer wieder Angebote, Lesungen mit Krimistars wie John Katzenbach zu machen. Aber die haben oft keinen Bezug zum Hammett. Wenn Buchhandelsketten diese Bestseller gleich palettenweise verkaufen, sind es bei uns gerade mal vier Exemplare“, erklärt Christian Koch. „Bei Lesungen müssen wir dahinter stehen und solche Autoren passen einfach nicht hier rein.“

Empfehlungen jenseits des Mainstreams

Aus ihren Vorlieben machen Koch und seine Crew keinen Hehl. Ein Blick auf die Website genügt. Empfehlungen gibt es vor allem jenseits des Mainstreams. Es geht eindeutig in die Richtung Noir und Underground. So ist Koch ein Fan des kleinen Berliner Verlags Pulpmaster, der drei bis vier Bücher pro Jahr herausbringt. Die passen allesamt ins Konzept des Hammett. „Der düstere Stil liegt uns“, sagt Koch.

Wen wundert’s, wenn der Namenspatron Hammett heißt? Der Ex-Detektiv Dashiell Hammett ersann schließlich in den Zwanzigern den neuen realistischen, ungeschönten Detektivroman. Seine Ermittler waren hartgesottene, kompromisslose, zynische Typen. Antihelden. Hard-boiled. Im Hammett begegnet man dem berühmten Autor denn auch auf Plakaten und in den Regalen, wo er neben würdigen Nachfolgern steht. Die Buchhandlung hat, ganz passend, die schwarzgelbe Farbgestaltung der frühen Noir-Serie aus dem Diogenes Verlag, in der neben Dashiell Hammett auch Raymond Chandler erschien, zum Markenzeichen gemacht.

Auch Don Winslow war schon da

Die Liste der Krimiautoren, mit denen Christian Koch schon Lesungen veranstaltet hat, liest sich wie das Who is Who der Großen des coolen, harten zeitgenössischen Thrillers. Wie Jim Nisbet, David Peace und ganz vorn natürlich US-Autor Don Winslow, der 2005 mit dem epischen Drogen-Thriller „Tage der Toten“ seinen internationalen Durchbruch feierte.

Selbstredend ist im Hammett die Zahl der Winslow-Leser groß. Aktuell führt er die interne Krimi-Top-Ten, die an der Kasse ausliegt, mit „Das Kartell“ an. Zwei weitere Thriller folgen auf Platz drei und vier. An die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Lesung mit ihm 2013 im Festsaal Kreuzberg erinnert sich Christian Koch nur zu gern: „Da hat alles gestimmt.“

Lesung in einem alten Gewölbekeller

Mindestens ebenso begeistert war er von der Lesung mit dem französischen Krimi-Star Jean Bernard Pouy in einem alten Gewölbekeller eines Weinladens in der Bergmannstraße. „Zwischen Sekt- und Weinflaschen hat der Frage- und Antwortteil drei Mal länger gedauert als die eigentliche Lesung. Autor und Publikum haben einfach zusammengepasst“, schwärmt er.

In bester Lage am Marheinekeplatz in Kreuzberg: Die  Krimibuchhandlung Hammett von Christian Koch
In bester Lage am Marheinekeplatz in Kreuzberg: Die Krimibuchhandlung Hammett von Christian Koch© Ricarda Spiegel

Weil seine Buchhandlung eher klein ist, veranstaltet der 51-Jährige seine Lesungen an immer anderen, teils ungewöhnlichen Orten. Etwa im schönen Jugendstil-Tangosaal im Kreuzberger Wirtshaus Max & Moritz an der Oranienstraße. „Vom Art-deco-Flair sind vor allem Autoren aus dem Ausland sehr beeindruckt. Ich habe aber auch das Glück, die beiden Leiter des English Theatre Berlin zu kennen und mit ihnen dort englischsprachige Autoren zu veranstalten“, so Koch.

Ein Flüchtlingsthriller im Mittelmeer

Am 30. August wagt sich das Hammett mit einer Lesung sogar über die Grenzen von Kreuzberg hinaus in das ehemalige Weddinger Krematorium, nun das Kulturquartier Silent Green. Hier liest Merle Kröger aus ihrem Krimi „Havarie“, einem Flüchtlingsthriller im Mittelmeer.

Die Lesungen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem riesigen Sortiment an Spannungsliteratur, das man im Hammett findet. Darunter eine umfangreiche Abteilung mit englischsprachigen Titeln. „Viele entdecken hier Autoren, die sie noch nicht kennen, oder können die Krimis im Original früher lesen als in der deutschen Übersetzung“, weiß Koch. Er hat auch deutsche und englische antiquarische Titel im Programm, darunter viele besonders gesuchte und vergriffene Bücher. Ein Paradies für Vielleser, die Second Hand günstig an ihren Stoff kommen.

Vom Zaunbauer zum Buchhändler

Dass er einmal der Chef einer Krimibuchhandlung, besser: einer Institution, sein würde, hat sich der gebürtige Hannoveraner Koch übrigens nach dem Abi nicht träumen lassen. Er ging erst einmal eine ganze Weile nach Frankreich und arbeitete nach seiner Rückkehr als Zaunbauer. Das Handwerk gefiel ihm.

Als er 1997 nach Berlin kam, sattelte er jedoch bald um und sanierte Altbauwohnungen. Bis ihm ein Freund von einer alten, gemeinsamen Freundin mit einer Krimibuchhandlung berichtete. Koch half als Springer im 1995 gegründeten Hammett aus. „Krimis haben mir immer gefallen“, bekennt er.

Internet-Präsenz mit Kult-Status

Als die Besitzerin 1999 aus persönlichen Gründen aufhören musste und Christian Koch das Hammett anbot, griff er nach einem Tag Bedenkzeit zu. Anfangs hat er bewusst nicht viel verändert. Dann hat er den Service, später die Internet-Präsenz ausgebaut, die längst bei Krimifans Kult-Status besitzt. Beides hat sich gelohnt. Heute verkauft er Krimis im Laden und online. Die Nachbarschaft schaut aber auch immer wieder vorbei, um Bücher aus dem allgemeinen Sortiment zu bestellen.

Dass der Ladenstandort mittlerweile Gold wert ist, weiß Christian Koch nur zu gut. Umziehen und neu anfangen am angesagten Marheinekeplatz oder in der bei Touristen so beliebten Bergmannstraße, etwa um sich zu vergrößern, könnte er nicht. „Da geht nichts mehr wegen der rapide erhöhten Ladenmieten“, sagt er.

Nur Veranstaltungen, die Spaß machen

So sehr er die Gegend hier schätzt, ganz nah dran wohnen möchte er aber nicht. Er lebt 22 Gehminuten entfernt im Graefe-Kiez, dessen speziellen, lebendigen Charme er sehr mag. „Ich brauche Abstand zur Arbeit. Andernfalls würde ich immer etwas finden, was getan werden muss“, bekennt er.

Dass er im positiven Sinne ein Besessener in Sachen Krimis ist, spürt man sofort, wenn man ins Hammett kommt. Christian Koch hat es nicht bereut, dass er die Buchhandlung übernommen hat. Nur die Lesungen haben ihm damals nicht gefallen: „Ich dachte, ich müsste sie aus Werbe- und Prestigegründen veranstalten. Daran hatte ich wenig Vergnügen. Das hat sich aber im Laufe der Jahre geändert. Heute veranstalte ich nur noch Lesungen, die mir Spaß machen. Wie Merle Kröger. Sie ist kein Star, aber ihre Bücher sind preisgekrönt und unglaublich spannend.“ Wie alle Krimis, die ins Hammett gehören.

Hammett Krimibuchhandlung Friesenstraße 27, Kreuzberg, Tel. 691 58 34, Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Sbd. 9-18 Uhr, Infos unter www.hammett-krimis.de