Berliner Club-Kultur

Im Gretchen gibt es alles – nur keinen Billigtechno

Mit viel Herzblut betreiben Pamela Schobeß und Lars Döring den Gretchen Club. Und hoffen auch mit neuem Investor auf eine Zukunft.

Blicken mal wieder in eine ungewisse Zukunft: Pamela Schobeß und Lars Döhring vom Gretchen Club in Kreuzberg

Blicken mal wieder in eine ungewisse Zukunft: Pamela Schobeß und Lars Döhring vom Gretchen Club in Kreuzberg

Foto: Krauthoefer

Geredet wird viel von der Bedeutung der lebendigen Kulturszene Berlins für die Stadt. Von der Sogwirkung die zum Beispiel die einzigartige Clublandschaft entfaltet und von der selbst konservative Politiker mittlerweile mitbekommen haben, dass sie ein Pfund ist, mit dem die Stadt wuchern kann und sollte.

Den engagierten Betreibern nützen Sonntagsreden und Absichtserklärungen allein allerdings wenig, wenn plötzlich ein Großinvestor Druck macht. Dann hilft nur noch eine Politik, für die die Bürger wichtiger sind als Profite.

Ein Club, der verschiedene Stile vereint

Auf so eine politische Wetterlage hoffen Pamela Schobeß und Lars Döring gerade inständig, denn ohne sie wird das Gretchen nicht überleben, das sie mit viel Einsatz vor vier Jahren aufzubauen begannen. Es wurde ein Club, der die verschiedensten Musikstile präsentiert und vereint. Von Jazz bis zu deftigen Clubbeats bekommt man hier einiges zu hören, in relativ kurzer Zeit hat sich das Gretchen zu einer echten Marke entwickelt.

Eine Erfolgsgeschichte und ein für Berlin typisch Ort. So typisch wie das aktuelle Problem: Schobeß und Döring haben sich auf dem Kreuzberger Dragonerareal eingenistet, das die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zum Verkauf anbietet und das ins Visier eines Großinvestors geraten ist. Der Fall ging durch die Presse und ist derzeit in der Schwebe, weil der Bundesrat die Zustimmung zum Verkauf noch abwägt.

Hellrosa gestrichene Metallsäulen

„Dabei lebt Berlin von seinen vielen bunten Kiezen“, sagt Schobeß „wenn wir hier rausgeworfen werden, wäre das nicht nur ein finanzieller Ruin, sondern vor allem eine tieftraurige Sache für uns, denn hier steckt nicht nur Geld, sondern vor allem unser Herzblut drin“.

Sie und ihr Partner Döring sind bereits gebrannte Kinder, denn bevor sie das Gretchen aufmachten, betrieben sie fünfzehn Jahre lang den legendären Club Icon in Prenzlauer Berg. Er war weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannt, besonders als Drum’n’Bass-Hotspot, der einschlägige Künstler der führenden britischen Szene anzog.

Tiefe Bässe auf dem Hinterhof

In dem ehemals alternativen, heute durchgentrifizierten Ost-Bezirk war irgendwann kein Platz mehr für tiefe Bässe und nächtliche Besucherschlangen auf dem Hinterhof. Es kam das Aus – und eine neue Perspektive auf dem Dragonerareal. „Inzwischen fühlen wir uns hier richtig wohl“, sagt Schobeß, „viele unserer ehemaligen Stammgäste aus dem Prenzlauer Berg halten uns weiterhin die Treue“.

Platz für sie und viele neue Besucher bieten die bereits 1854 erbauten ehemaligen Stallungen eines Dragonerregiments genug. Mehrere Hundert Personen fasst der Club mit seinen Ziegelsteingewölben und den schicken, hellrosa gestrichenen Metallsäulen. „Die mussten wir erst freilegen, der Hausmeister brachte uns darauf, dass unter Verschalungen noch die originalen Träger waren“, sagt Schobeß. „Überhaupt mussten wir erst einmal ziemlich viel herausreißen, anschließend haben wir von einem Designkünstler die Bars gestalten lassen und die große Bühne eingebaut.“

Die Drum’n’Bass-Nächte gibt’s immer noch

Auf der fahren Schobeß und Döring heute ein wesentlich breiteres Programm, als sie es jemals im Icon konnten. Ein- bis zweimal im Monat noch gibt es die einst berühmt-berüchtigten Drum’n’Bass-Clubnächte, daneben bietet das Programm so ziemlich alles, was Schobeß und Döring mit „qualitativ hochwertiger Musik“ umschreiben. „Sogenannte Black Music oder Billigtechno läuft hier nicht“, sagt Döring, „aber es geht schon einmal das Konzert eines Jazzers wie Robert Glasper vom berühmten US-Label Blue Note in eine Clubnacht mit elektronischen Beats über“.

Oder ein erfolgreicher Produzent wie The Gaslamp Killer, ein Nerd wie er im Buche steht, führt sein neuestes Album im Gretchen einmalig mit einer Liveband auf und stellt sich hinterher noch für ein DJ-Set an die Regler. Künstler wie die chilenischstämmige französische Rap-Sängerin Anita Tijoux oder die Cumbia-Stars von Chico Trujillo treten hier auf – die hörenswerte Liste ließe sich lange fortsetzen.

Dubstep und Singer/Songwriter

Die ausgewogene Programmgestaltung im Gretchen fällt nicht mehr nur den Gästen auf, im letzten Jahr würdigte sogar der Radiosender BLN.fm das Gretchen mit einem Preis für das vielseitigste Booking. „Da haben wir uns extrem gefreut“, gibt Schobeß unumwunden zu. Das abwechslungsreiche Programm hat das Gretchen zu einem Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Milieus werden lassen.

Zu Dubstep-Partys kommt ein sehr junges Publikum, bei einem Singer/Songwriter-Event kann sich der Laden dagegen durchaus einmal mit der Zielgruppe „40 plus“ füllen. „Neulich bei der Fête de la Musique konnte man diese Mischung gut beobachten“, sagt Lars Döring, „da standen hier Leute zwischen zwanzig und siebzig Jahren.“

Es gilt das Prinzip Klasse statt Masse

An den Wochenenden ist immer Betrieb, oft sind dann Live-Konzerte der Auftakt zu einer Clubnacht bis in die frühen Morgenstunden. Unter der Woche dagegen gibt es keine feste Regel, eher gilt das Prinzip Klasse statt Masse. „Wir sind keine Disco, die auf Teufel komm’ raus offen sein muss. Wir machen die Sachen, die uns gefallen, manchmal sind wir sechs Tage am Stück hier, manchmal ist drei Tage lang zu“, sagt Schobeß.

Kleine Pausen können sie und ihr Partner auch durchaus einmal vertragen, denn einen Großteil der Arbeit machen sie selbst. „Wir sind immer hier, jeden Abend, an dem etwas läuft und ich stelle mich auch hinter die Bar, wenn es sein muss.“

Manchmal wird gleich im Büro übernachtet

Da kommt es dann durchaus vor, dass sich der Nachhauseweg für Schobeß und Döring nicht lohnt – und gleich im Büro übernachtet wird. Aber ihr Club ist sowieso wie ein zweites Zuhause für sie, selbst was die Nachbarschaft angeht, kann so schnell wohl kein Mietshaus mithalten.

„Mit allen auf dem Areal hier verstehen wir uns prächtig, seit fast vierzig Jahren ist da das Marmorwerk, es gibt einen Polsterei-Familienbetrieb, eine kleine Kunstgalerie, Autowerkstätten oder nebenan die Diskothek Miami, wo manchmal schon tagsüber aufgebrezelte Rentner zum Tanztee kommen“, sagt Schobeß.

„Und wenn nicht gerade Ramadan ist, grillen wir äußerst gern mit unseren türkischen Nachbarn auf dem Hof – da gibt es die besten Köfte von ganz Berlin, würde ich sagen.“ Man kann nur hoffen, dass die Gretchen-Kulturmacher noch lange in dieser Runde zusammensitzen können.

Gretchen, Obentrautstraße 19-21, Kreuzberg, Tel. 25 92 27 02, www.gretchen-club.de

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