Live täglich

Gemischtes Doppel

Zuerst haben Suzan Sensoy und Andreas Haake im Club „Rote Beete“ in Schöneberg akustische Bands präsentiert. Für die lauten Töne kam später ihr Lokal „Unterrock“ in Kreuzberg dazu

Als sie 2009 die „Rote Beete“ in einem ehemaligen Blumenladen an der Schöneberger Gleditschstraße eröffneten, waren viele Freund und Gäste skeptisch. Zu weit am vom Schuss, in der ganzen Straße nur eine Uralt-Kneipe. „Viele fragten, warum wir nicht eine Straße weiter in die Goltz- oder Akazienstraße gehen“, sagt Suzan Sensoy, „denn da ist erheblich mehr los.“ Die 44-Jährige mit kurzer Bubikopf-Frisur nestelt eine Zigarette aus der Packung. „Aber wir hatten uns in diese Räume verliebt.“ „Vor allem du“, sagt Andreas Haake. Der Mittvierziger mit Pferdeschwanz und Suzan sind seit zehn Jahren ein Paar. Mit der „Roten Beete“ verwirklichten sie sich den Traum vom gemeinsamen Leben und Arbeiten.

Suzan übernahm sofort das innenarchitektonische Konzept: „Das ist mein Ding.“ Nach dem Architektur-Studium an der Technischen Universität in Berlin hat sie sich mit Raumgestaltung beschäftigt. Das sieht man auf den ersten Blick. Die Räume sind eine Mischung aus süddeutscher Gaststube und Neo-Berliner Chic. Ein holzverkleideter Eingang führt in ein Ambiente mit Lampen aus Geweihen, präpariertem Eberkopf, burgundroten Wänden, angeklebten Zierbordüren und 50er-Jahre-Möbeln. „Diese Sesselchen stammen aus der französischen Botschaft in Ost-Berlin“, erzählt Suzan Sensoy stolz. Vor der „Roten Beete“ hatte sie mehrere Cafés und Kneipen ausgestaltet, etwa die Belle Etage des „Café Bilderbuch“ an der Akazienstraße.

Kultur als I-Tüpfelchen

Sie steckt sich die dritte Zigarette an und erzählt, wie sie nach Berlin kam. Als Kind türkischer Gastarbeiter wurde sie im Allgäu geboren. Mit einem Jahr gaben sie ihre Eltern zur Großmutter nach Istanbul, weil sie hofften, schnell genügend Geld für die Rückkehr in die Türkei zu verdienen. Nach acht Jahren holten sie dann Suzan zurück nach Deutschland, wo sie zur Schule ging, Abitur machte und an der Hochschule der Künste studierte. „Ich habe wie viele im Studium als Kellnerin gejobbt, und wir gehen beide auf viele Konzerte. Deshalb haben wir eine so große Affinität zur Musik“, erklärt sie.

Diese Liebe hat nicht nur zur Eröffnung der „Roten Beete“ geführt. Dieses Jahr bespielten die beiden Kulturmacher zur „Fête de la Musique“ Ende Juni eine eigene Bühne auf dem Winterfeldtplatz. „Vorher hatten wir das schon mal hier auf der Straße vor dem Lokal gemacht. Aber dieses Jahr fiel die Fête auf einen Sonntag. Deshalb haben wir es gewagt. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Arbeit macht“, sagt Andreas. Sechs Bands haben hintereinander gespielt.

Von Beginn an war die „Rote Beete“ ein Raucherlokal. „Raucher sind einfach verrückter, kreativer, offener“, meint Suzan. Die ersten fünf Jahre fanden viele Konzerte und Lesungen statt, teilweise sogar mehrmals die Woche. Bands wie die Rocktruppe The Wild Circus, die Ska- und Reggae-Truppe The Magic Touch oder Acapulco Radio (Surf Country) und Singer/Songwriter Luca traten mehrfach auf. Der Eintritt ist nach wie vor bei allen Konzerten frei. „Die Bands spielen bei uns ausschließlich auf Spendenbasis“, erklärt Suzan Sensoy. Innerhalb von einem Jahr hatte sich das Konzept etabliert.

Angesichts der Größe des Lokals von knapp 50 Quadratmetern durften die Bands nicht mehr als fünf Mitglieder haben und mussten rein akustisch spielen. „Wir hatten hinten im Laden sogar eine kleine Bühne. Das Interesse von Kleinkünstlern und Bands bei uns aufzutreten war anfangs groß“, berichtet Andreas Haake. Der gebürtige Norddeutsche nimmt in dem Kulturmacher-Duo den Part des Realisten wahr, der erst einmal schaut, welche Probleme auftreten könnten, bevor er etwas unternimmt. Nach einer Buchhändlerlehre arbeitete er viele Jahre in einem Antiquariat, bis Mitte der Nullerjahre klar wurde, „dass ich davon definitiv nicht bis zur Rente leben kann.“ Insofern war die „Rote Beete“ ein notwendiger Schnitt. Allerdings machte ihn Haake nicht radikal, sondern arbeitete die ersten zwei Jahre parallel in seinem Lokal und handelte über das Internet weiter mit Büchern. „Das waren lange Tage und Nächte“, erinnert er sich. Irgendwann wurde die Arbeit im Lokal so viel, und der Umsatz mit dem Internet-Antiquariat so gering, dass er sich entschied, nur noch die „Rote Beete“ zu machen.

Lieber Gespräche als Live- Musik

Das Lokal lebte vom Image des Besonderen und vom Kulturangebot. „Kleinkünstler haben viele Freunde, die zu Auftritten kommen“, resümiert Haake. Von Anfang an war klar, dass die Kultur nur das I-Tüpfelchen sein konnte. „Unser Geschäft ist ganz klar der Verkauf von Getränken“, sagt Suzan Sensoy. Nach einigem Experimentieren habe man sich auf ein einziges Fassbier geeinigt, „das älteste Pils aus Tschechien“. Daneben gibt es eine kleine Karte mit Long-Drinks und Cocktails. Mit diesem Konzept kamen die beiden gut über die Runden. Nach einiger Zeit verzichteten sie auf Lesungen. Dafür kamen mehr Bands auf die Bühne. „Unser Spektrum war sehr breit. Von Country über Singer-Songwriter bis zu Jazz, Swing, Gitarrenpop war alles dabei“, erläutert Suzan. Sie stellt auch die Playlists für die Musik zusammen, die in der „Roten Beete“ läuft. Beim Besuch gab es Hank Williams, Joan Armatrading, Sarah Vaughn, Van Morrison, die Doors.

Vor anderthalb Jahren erfuhren die beiden Clubmacher in Gesprächen, dass ihr Publikum andere Gewohnheiten angenommen hatte. „Unsere Stammgäste erklärten uns, sie würden zwar gerne Live-Musik hören. Aber zu uns kämen sie lieber, um sich zu unterhalten. Gleichzeitig sagten uns einige Musiker, es sei sehr störend, wenn sich die Gäste bei ihren Konzerten laut unterhielten“, berichtet Andreas Haake. In der Konsequenz entschieden die beiden, das Konzept zu ändern. Seit einem halben Jahr treten Live-Bands nur noch alle zwei Wochen auf.

Eigentlich war diese Entscheidung eine kleine Kapitulation. Doch Andreas Haake hatte gleichzeitig von einem Lokal an der Kreuzberger Fürbringer Straße gehört, für das ein neuer Inhaber gesucht wurde: das Too Dark. „Ein klassischer Musikschuppen“, meint Andreas Haake, „mit einer richtigen schallisolierten Decke, einer kleinen Bühne. Nichts für die leisen Töne, eher etwas für Rock. Genau mein Geschmack.“ Der Name: „Unterrock“.

Etwa 50 Sitzplätze hat das Souterrain-Lokal, und 25 auf der Trottoirterrasse. Nach erfolgreichen Verhandlungen begann in diesen Frühjahr der Umbau, dessen Leitung natürlich Suzan Sensoy übernahm. „Wir haben eine Wand mit Vinyl-Plattencovern gestaltet, die unseren Musikgeschmack geprägt haben: The B 52s, Ballhaus, Sex Pistols, New Model Army.“ Andreas Haake feilt noch am musikalischen Konzept. Neben Rock soll es auch Minimal, Elektro und Indie-Rock geben. Am 5. September starten „Unterrock“ und „Rote Beete“ nach der der Sommerpause in die neue Saison.

Rote Beete Gleditschstr. 71, Schöneberg, Tel. 23 63 50 11, Mo.-Do. 15-3 Uhr, Fr.+Sbd. 15-4 Uhr, So 15-2 Uhr, www.rote­beete.comUnterrock Fürbringer Straße 20, Kreuzberg, Tel. 61 67 19 48, Mo-Mi 17-2, Do.-Sbd. 16-2 Uhr