Berliner Staatsoper

Nicolas Stemanns Uraufführung von „Rein Gold“ ist gewagt

Um eine hanebüchene Kapitalismuskritik geht es in der Uraufführung von „Rein Gold“ am Schiller Theater. Ein langer, aber überraschend stimmiger Abend. Das Publikum jubelt.

Nach innerer Harmonie strebt normalerweise die Oper, die Uraufführung von „Rein Gold“ hingegen ist eine einzige Zerstörungslust. Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ wird jetzt im Berliner Schiller Theater - wie es im Theaterneudeutsch heißt – dekonstruiert. Und das in ungeahnten Dimensionen, was Wagners Musik und Text angeht.

Es betrifft auch die Überlänge. Wagners originales „Rheingold“ wird heutzutage in weniger als zweieinhalb Stunden durchgespielt, der Berliner Theaterregisseur Nicolas Stemann benötigt für sein kommentierendes „Rein Gold“ nahezu drei Stunden. Eine pausenlose Hybris. Es ist Musiktheater für Hirn und noch mehr Sitzfleisch. Am Ende jubelt das Opernpublikum für etwas, was es vor wenigen Jahren noch gnadenlos ausgebuht hätte. Das ist die eigentliche Überraschung.

Am Text der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kann der Erfolg kaum liegen. Es ist ein spröder Text zwischen Marx, Kapital, Kalauern und aktuellen Befindlichkeiten. Die Urlesung von „Rein Gold. Ein Bühnenessay“ fand vor zwei Jahren in München statt. Es ist einer ihrer Sekundärtexte, in denen sie sich an großen Werken reibt, sie hatte sich schon mit Nathan und Faust auseinandergesetzt.

Jetzt der „Ring“. Auf der Bühne soll es ein Dialog zwischen Wotan und Brünnhilde sein, eigentlich ist es ein Dialog zwischen Wagner und Jelinek. Wagner war ein Utopist, Jelinek leidet an der Welt. Ein ungleiches Paar, davon lebt das neue Musiktheater. „Also: Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen“, heißt es bei Jelinek: „Eine Situation wie in jeder zweiten Familie.“ Diese Sätze bekommt das Publikum an diesem Abend so oft wiederholt, bis es auch der letzte im Saal verstanden hat. Auch andere Sätze, die sich um Geld, Arbeiter, Schuld, Diebstahl drehen, werden von den drei Schauspielern Philipp Hauß, Katharina Lorenz und Sebastian Rudolph bis zum Überdruss durchgekaut. Es ist eine Kapitalismuskritik, die vom Hundertsten ins Tausendste will und szenisch selbst vor dem immer teurer werdenden Sanierungsfall Staatsoper Unter den Linden nicht halt macht. Rechterhand steht etwa ein Betonmischer in Katrin Nottrodts Bühnenbild.

Das Publikum macht mit

Das Wort Revolution fällt nach 80 Minuten das erste Mal. Zwei Minuten später ertönt das Wort Bioladen. Drei Minuten später geht es um den Wert der Frau. Typisch Jelinek. Nach 130 Minuten wird mit einem Laubsauger das Papiergeld über die Bühne gefegt. Nach zweieinhalb Stunden geht es um die Liebe, die ein Irrtum ist wie das Kapital. Irgendwann wird eine rote Fahne geschwenkt. Das mit dem Fahnenschwenken war auch schon in Nicolas Stemanns erster Operninszenierung zu sehen. An der Komischen Oper hatte er 2010 Offenbachs Operette „La Perichole“ dekonstruiert und war am Ende böse ausgebuht worden. Damals ließ er das Opernpublikum den Hit „Mein Gott, was sind die Männer dämlich“ mitsingen. So lange, bis im zweiten Rang das erste Buh ertönte. Jetzt verzichtet Stemann auf diese Art Publikumsbeschimpfung, aber aufstehen lässt er das Publikum dennoch einmal. Mit der Drohung, es ginge erst weiter, wenn alle stehen! Die Mehrheit steht auf. Das Ganze bleibt aber spielerisch. Oder auch didaktisch. Es ginge schließlich darum zu zeigen, wer die Macht hat und sie nicht missbraucht. Haha.

Eine Unterhaltungsrevue hat sich Stemann mit Dirigent Markus Poschner zusammengebaut. Und sie ist so merkwürdig altmodisch in ihrem theatralischen Tun. Es ist ein bisschen alter Volksbühnen-Trash in der Staatsoper. Es gibt die schreienden Schauspieler, das Besserwisserische an der Rampe und mit Propagandaplakaten, das Umherwandern mit Handkameras und Filmeinspielungen. Und immer auch das Kalauernde, dass mal albern und mal zynisch ist. Der neue Held rast im Rollstuhl auf der Bühne hin und her. Und Sebastian Rudolph führt das legendäre Siegfried-Schwert Nothung als modernes iSchwert vor, mit dem man auch telefonieren kann. Er führt das denn auch gleich mal am Flughafen vor. Was der Siegfried-Überflieger von heute eben so tut.

Auch musikalisch ist der ganze Tabubruch irgendwie putzig in seinem Retrogedanken. Wagners große Orchestermusik – von der Staatskapelle in aller Klangschönheit vorgeführt – wird nicht nur zerschnitten, kombiniert, verfremdet, sondern bekommt auch noch ein längst ausgestorbenes analoges Trautonium an die Seite gestellt. Das ist der Vater der Synthesizer. Die digitalen Klangerzeuger werden ebenfalls von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel auf der Bühne eingesetzt, vorrangig für die Geräuschkulisse. Ansonsten lebt der Abend von der großen Oper, die Jürgen Linn als Wotan und Rebecca Teem als Brünnhilde in Rein-Form präsentieren. Zauberhaft sind die drei Rheintöchter, die von Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher und Annika Schlicht verkörpert werden. Sie singen sich die Schönheit aus dem Leib und überschreiten gekonnt die Grenzen ins Mitspielerische.

Leichen fallen vom Himmel

Alles Lachen bleibt einem erst im Halse stecken, als nacheinander vier Leichen auf den Bühnenboden knallen. Das geschieht nach 140 Minuten. Kurz darauf betritt Paulchen Panther die Bühne. Der war das Maskottchen der NSU. Die drei Schauspieler fahren auf dem Fahrrad im Kreis herum. Irgendwann rollt das Wohnmobil der Terrorgruppe herein. Per Handkamera ist die Selbsterschießung zu sehen. Mit der „Götterdämmerung“ endet der Abend. Ein Kind lässt die Schlusstöne vom Band einspielen, das Orchester ist bereits in der Vergangenheit verschwunden. Das Ganze bleibt so wunderbar krude. Es geht um alles und nichts. Die Staatsoper hat vorsorglich nur drei Vorstellungen angesetzt.

Berliner Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Tel. (030) 20354555 Termine: 12. und 15. März 2014