Ausstellungen

Jenseits des amerikanischen Traums

Stephen Shore fotografiert nichts anderes als den US-Alltag. Eine Retrospektive in der C/O Berlin.

Frühstück mit Melone: Stephen Shore fotografierte sein Frühstück im August 1973 im Trail's End Restaurant in Utah

Frühstück mit Melone: Stephen Shore fotografierte sein Frühstück im August 1973 im Trail's End Restaurant in Utah

Foto: Stephen Shore / Courtesy 303 Gallery, New York Sprüth Magers

Jungs im Alter von 14 Jahren neigen eher dazu, peinlich genau ihre Aknepickel zu zählen. Bei Stephen Shore liegt das anders. Er ist 14 und klingelt im Museum of Modern Art (MoMA) in New York an, fragt nach dem Fotodirektor Edward Steichen und bittet ihn, sich mal seine Fotos anzuschauen, die er gemacht hat. Steichen hatte wohl nicht so viel zu tun wie ein MoMA-Chef heutzutage, jedenfalls empfängt er den Teen – und kauft gleich drei seiner Bilder. Nichts Spektakuläres ist darauf zu sehen, ein Fußballplatz, ein Selbstporträt, Schnappschüsse.

Er fotografierte Andy Warhols Factory in New York

Wen wundert es bei der Courage, dass Shore einige Jahre später, zwischen 1965 bis 1967, in der illustren Factory von Andy Wahrhol landet. Fast täglich ist er dort und fotografiert all das, was dort so los ist, die Partys, ein bisschen Drogen werden dabei gewesen sein – nun ja, Warhol immer im Mittelpunkt mit den weißgrauen Haaren, manchmal hatte er auch die Finger lackiert.

Auf Shores Fotos sieht es so aus, als hätten sich alle ziemlich amüsiert, die Factory-People hingen halt so rum, den ganzen lieben langen Tag. Andy fläzt exzentrisch auf einem dieser Sofas, die man heute Sitzlandschaft nennt, hingegossen wie eine Diva, ganz in schwarz. Das Irritierende daran ist, dass das Möbel mit einer transparenten Plane überzogen ist. Warhol wirkt wie eingefroren.

„Die Factory“, sagte Shore einmal, „hat mir die Universität ersetzt.“ Warhols Atelier war die schillernde Eintrittskarte in die brodelnde New Yorker Kunstszene. Er hätte dort auch abtauchen können. Ein Mischung aus Glück und wilder Entschlossenheit muss es gewesen sein: 1971 – mit 24 Jahren – darf Shore im New Yorker Metropolitan Museum ausstellen, als erster lebender Fotograf. Dabei hat er nie eine entsprechende Ausbildung absolviert, noch war er Assistent bei Fotografen.

Shores frühe Fotografien sind nun in der C/O Berlin zu sehen – sie bilden den Beginn der Retrospektive im Erdgeschoss, die mit den Insta­gram-Beiträgen in der digitalen Gegenwart endet. Dazwischen: seine Landschaften, New York, die Ukraine, ein Essay über Steine. Das ist ein schöner weiter Bogen, der gespannt wird, um zu zeigen, dass der Amerikaner, Mitbegründer der New Color Photography, nie aufgehört hat, das Medium immer neu auszuloten. Das aktuellste Instagram-Foto ist ein Karpfen aus Ziegelstein auf einer Ziegelsteinwand. „Berlin Zoo?“ fragt ein Nutzer. Keine Antwort, Shore ist in der Stadt. Unübersehbar, seine frühe Schnappschussästhetik ist die direkte Verbindung zu Instagram, eine Art Tagebuch, Medium der öffentlichen Selbstvergewisserung. Das machen heutzutage viele Künstler, wie auch Ai Weiwei, von dem man fast täglich weiß, wo er sich gerade aufhält und an welchen Ideen er bastelt.

Auch bei Shore sieht man, welche Themen ihn zur Zeit umtreiben: vor allem Studien zu Oberflächenstrukturen in der Landschaft. Steine, Moos, Blätter, Schnee, Baumrinde, Früchte. Manchmal stellt er Serien ein. Diese Arbeitsweise verbindet ihn mit dem verstorbenen deutschen Künstlerduo Hilla und Bernd Becher, die drei kannten sich. In „Uncommon Places“ sehen wir ein Foto mit einem roten Bulli, der unspektakulär an einer Straßenecke steht. Die Bechers zogen einst mit einem solchen Gefährt durch die Welt, die Leiter im Kofferraum, die Großbildkameras daneben. Eine hübsche Hommage an die beiden.

Seit Shore mit der Kamera begann, hat sich vieles verändert: die Technik, die Einstellungen, die Motive, ja die Welt. Auf seinem Road Trip 1972 durch Amerika über Texas nach New Mexiko fotografierte er mit der 35mm-Kamera sein Frühstück (bevorzugt Omelett), fast jedes Motelbett, in dem er schlief, die Toilette, die er benutzte, und die Kunst an den Wänden (gerahmte Puzzles, Hirschdekos) der jeweiligen Unterkünfte. Alles andere als Reisefotos, denn hier fehlen ganz klar die touristischen Highlights. Heute fließen solche banalen Alltäglichkeiten in den sozialen Netzwerken längst massentauglich in unseren Alltag. Damals war es neu, Shore knackte die stilistischen Traditionen, weit weg von jenem „entscheidenden Moment“, den Henri Cartier-Bresson als Heiligtum der Fotografie beschwor.

Farbfotografie galt lange als vulgär und kitschig

Als diese Straßenfotografie in New York unter dem Titel „American Surfaces“ ausgestellt wurden, haderte das Publikum mit dem, was es da vor Augen hatte. Dabei sah es nichts anderes, als den „American Way of Life“, also sich selbst. Hinzu kam, dass Farbe als ästhetisch heikel galt. Sie hatte den Beigeschmack von Werbung und Hollywood, von Kitsch und Kommerz. „Zu vulgär“ urteilte Walker Evans. Ernstzunehmende Fotografie hatte in schwarz-weiß zu sein.

Jahre später, so ist im Katalog nachzulesen, soll Nan Goldin Shore gestanden haben, wie wichtig für sie sein direkter fotografischer Zugriff auf die Wirklichkeit gewesen sei. Sie ging dabei noch weiter in ihrer Fotografie, schockierte mit ihrer extremen Subjektivität. Freunde beim Sex, Freunde im Drogenrausch, Freunde im Krankenhaus. Stephen Shore ist den Menschen nie so nah gekommen.

C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24. Tgl. 11–20 Uhr.
Bis 22. Mai.