Kultur

Madonna ist nach Mitte umgezogen

„Holbein in Berlin“: Eine kleine Geschichte der drei malenden Holbein-Männer im Bode-Museum

Madonna ist umgezogen – von Kreuzberg nach Mitte. Da ist es viel freier, ihre Fans kommen ganz dicht an sie heran, so nah, dass wir einzelne Fasern der Pelze, Samte und Seiden erkennen können. Wunderbare Stoffe! Holbeins Schutzmantelmadonna – eines der schönsten und bedeutendsten Altmeistergemälde der Welt – ist nun hoher Gast im Bode-Museum. Der Heiligen dürfte es gelingen, die eher mäßigen Besucherzahlen des Hauses nach oben zu treiben. Zuvor residierte sie im Martin-Gropius-Bau – abgeschottet hinter einer gigantischen Vitrine – als Highlight der gewaltigen Sammlungspräsentation „Von Hockney bis Holbein“.

Ausgerichtet und „spendiert“ vom Schraubenmilliardär Reinhold Würth (80). Der Mäzen ist in der Hauptstadt als Förderer und Kooperationspartner gefragt. Das beruht auf Gegenseitigkeit, für ihn ist Berlin ein gutes Pflaster für die Imagepflege. Wohl deshalb bespielt Holbeins Madonna hier über mehrere Monate gleich zwei Stationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Sie ist ein Schwergewicht, für geschätzt 60 Millionen Euro erwarb sie der Großindustrielle 2011, das Frankfurter Städel bootete er aus. Die Kaufsumme war durch das Museum nicht aufzubringen. Ihr Domizil ist eigentlich die Johanniterkirche in Schwäbisch Hall. Nun ist sie erstmals auf Reisen.

Die Söhne lernten in der Werkstatt des Vaters

Anders als im Martin-Gropius-Bau dreht sich im Bode-Museum alles rund um die Familiengeschichte der Holbeins, um die Meisterschaft der malenden Männer. Dazu gehören der Vater Hans der Ältere (1465–1524), Hans der Jüngere (1497/8–1543) und Ambrosius, Sohn Nr. 1. Die Madonna ist mit anderen hochkarätigen Arbeiten („Der Kauf­mann Georg Gisze“) des Künstlers und seines Vaters zu sehen – er war Lehrmeister beider Söhne. Am­brosi­us (um 1496–um 1519) kommt hier ver­gleichsweise knapp weg als Künstler.

Drucke, Zeichnungen und Gemälde geben einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Madonna und das künstlerische Umfeld der drei. Allerdings ist es nicht ganz einfach, die Werke der drei Holbeins zu unterscheiden. Wenn wir heute von Hans Holbein sprechen, dann meist von Hans Holbein dem Jüngeren, dem Madonna-Maler. In London brachte er es bis zum Hofmaler des englischen Königs Henry VIII., dessen Zuneigung ging soweit, dass der gebürtige Augsburger, der später an der Themse an der Pest starb, sogar die Dekorationen für die königliche Hochzeit entwerfen durfte. Klar, dass der Sohnemann den Vater in den Schatten stellte.

Dabei galt der Senior um 1500 als viel gefragter Promi-Porträtist, der mehr Bildnisse schuf als Botticelli. Unbedingt ansehen sollte man sich die feingliedrigen Silberstiftzeichnungen. Unglaublich, wie er den Gesichtern durch Schatten, Konturen und Lichteffekte Leben einhauchte.

Sein Sohn, Holbein d. J., verließ bereits mit 16 oder 17 Jahren die Werkstatt seines Vaters, ging zusammen mit seinem Bruder Ambrosius nach Basel, vermutlich gab es dort Verwandtschaft. Es ist nicht leicht, ihre Werke zu unterscheiden. Ohnehin sind die Quellen zu ihrem Leben lückenhaft, die Werke oft die einzigen Belege. Wie das Doppelbildnis der beiden Söhne von 1511. Es gehörte zu einem handlichen Skizzenbuch, von dem nur noch Einzelblätter erhalten sind. Hier legte der stolze Vater einen Fundus von Motiven an, die er für seine Gemälde vorsah. Das Schöne ist, dass das Berliner Kupferstichkabinett und die Gemäldegalerie mit ihren reichen Beständen hier wieder einmal glänzen dürfen. Solche Themenausstellungen eignen sich bestens dafür.

Und dann steht man doch wieder vor der Madonna und staunt über die Überfülle an Details und die stürmische Falte im Teppich zu Füßen der Muttergottes. Ein Kniff des Malers – über diese Furche kommt erst Tiefe ins Bild. Die für den Läufer typischen Flechtbandrosetten übrigens gibt es in keinem anderen europäischen Gemälde, berichtet die Forschung. Kurios, die Muster waren in anatolischen Teppichen üblich, an der Wand sieht man ein Exponat aus der Türkei, eine Leihgabe aus dem Islamischen Museum. Im 19. Jahrhundert kamen sie groß in Mode. Man taufte sie Holbein-Teppiche – Markenbewusstsein gab es immer schon.

Die Muttergottes nimmt den Basler Ex-Bürgermeister Jakob Meyer „zum Hasen“ unter ihren Schutzmantel. Seine Frau und die Tochter Anna knien vor ihr, auch die verstorbene Ex und die zwei ebenfalls früh verstorbenen Söhne bekommen ihren Platz. Zwei kindliche Heilige jedenfalls sind es nicht, ihnen fehlen die Attribute. Zumal eines der Knäblein mit der Hand nach unten zeigt – und auf das Grab der Toten weist. Vermutlich war das Gemälde als Epitaph gedacht – als Gedächtnistafel für die Familie. Warum das Stiftersöhnchen nackt wie das Jesuskind ist – das bleibt ein Rätsel.

Bode-Museum, Am Kupfergraben.
Tel.: 266 42 42 42. Di–So 10–18 Uhr,
Do 10–20 Uhr. Bis 8. Mai