Neues Museum

Heinrich Schliemann und der Tod im "Grand Hotel" in Neapel

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Gabriela Walde
Mit Pelzmantel: Schliemann als Großkaufmann in St. Petersburg, 1861. Dort hatte er eine eigene Firma

Mit Pelzmantel: Schliemann als Großkaufmann in St. Petersburg, 1861. Dort hatte er eine eigene Firma

Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Das Neue Museum erinnert mit einer Schau an den Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Doch der Mythos des Archäologen wird nicht bedient.

Heinrich Schliemann stirbt, nicht ganz ungewöhnlich, auf Reisen, doch unerwartet und einsam. In Neapel will er die Ausgrabungen von Pompeji kurz überwachen, um Weihnachten bei seiner Familie in Athen zu sein. Noch am 14. Dezember hat er sich in Berlin mit Rudolf Virchow seine trojanischen Altertümer angeschaut. Eingecheckt ist er standesgemäß im „Grand Hotel“ in Neapel. Etwas derangiert läuft er am zweiten Weihnachstag 1890, vermutlich schon im Delirium, durch die Straßen. Auf einer Piazza bricht er zusammen, wird ins Krankenhaus transportiert. Da er keinen Ausweis bei sich trägt, wissen die Ärzte zunächst nicht, dass vor ihnen der bekannte Ausgräber von Troja auf der Bahre liegt. Erst die Visitenkarte eines Arztes in einer seiner Taschen führt zur Aufklärung. Doch der rastlose Kosmopolit ist nicht mehr zu retten, Folge einer nicht auskurierten Ohrenoperation.

Sein rastloses Leben bietet Stoff genug für einen Roman

So abenteuerlich Schliemanns Leben, so absurd sein Tod, was infolge von Schliemanns Hang zur Selbstinszenierung zu Lebzeiten zu einigen Mord- und Mafia-Spekulationen führte. Aus Berlin kam am 29. Dezember 1890 ein telegraisches Kondolenzschreiben an die Witwe. Der handschriftliche Textentwurf ist aus Anlass des 125. Todestages des Archäologen nun im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum zu sehen. Im oberen Stock ist eine Sonderausstellung entstanden, die verblüffend bescheiden gehalten ist, man übersieht sie fast zwischen all den Vitrinen mit den Keramiken.

Erstaunlich, denn die Staatlichen Museen verdanken Schliemann viel, die trojanischen Schätze gehören zur Dauerausstellung im Erdgeschoss. Im Saal 104 sind Funde und Fundkopien seiner weltbekannten Grabungen zu sehen. Bereits 1881 ging die Schenkung an die Königlichen Museen zu Berlin. Der Mythos Schliemann? Hier wird er überhaupt nicht bedient, vielleicht auch deshalb, weil im Zeitalter von verstärkter Provenienzforschung Schliemanns Vorgehen nicht mehr legalen Maßstäben entspricht. Bei seinen Grabungen ging er ziemlich rigide vor. Doch genau das könnte man nun thematisieren. Und Fragen stellen, beispielsweise wie wertvoll seine Arbeiten für die heutige Archäologie noch sind? Oder den Stand der Beutekunst in Moskau – der Schatz des Priamos befindet sich im dortigen Puschkin-Museum. In Berlin gibt es nur die Kopien.

Zumal man auch gerne ein bisschen mehr über Schliemanns illustres Leben erfahren hätte, Stoff genug gibt es, er taugt für einen Roman. 1841: Der junge, arme Pfarrerssohn aus Mecklenburg, gerade 19 Jahr alt, möchte nach Amerika auswandern, doch schon vor der holländischen Küste strandet er. In Amsterdam nimmt er einen Job als Bürobote in einem großen internationalen Handelshaus an. Doch das füllt ihn, den kalkulierenden Zahlenmenschen, nicht aus, er ist ein begnadeter Autodidakt, in Windeseile lernt er Sprachen – Niederländisch, Englisch, Französisch, Russisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch, später kommen Schwedisch, Türkisch und Arabisch hinzu.

So arbeitet er sich hoch, gründet 1846 für die Firma eine Repräsentanz in St. Petersburg, ein Jahr später macht er sein eigenes Geschäft auf. Dass er eine Russin heiratet, macht die Geschäfte dort nicht schlechter. Was er anpackt, gelingt. In den USA eröffnet er eine Bank, der kalifornische Goldrausch spült ihm viel Geld in die Kassen, er investiert in den Eisenbahnbau und verdient als Lieferant von Salpeter zur Schießpulverherstellung enorm am Krimkrieg. Doch sein Herz schlägt für die Archäologie, er lernt noch Neugriechisch, Altgriechisch und Latein. 1864 löst der 42-Jährige endgültig seine Firmen auf, Dollars hat er ausreichend, endlich will er seinen Traum von Troja verwirklichen. Er studiert Literatur und Altertumskunde an der Pariser Sorbonne. Zwischendurch lässt er sich von seiner russischen Ehefrau scheiden. Per Annonce und Foto sucht er nun seine Traumfrau, eine „schwarzhaarige Griechin“, sie soll seine Begeisterung für Homer teilen. Die 17-jährige Sophia ist 30 Jahre jünger als ihr Mann.

Eine strenge Büste ist im oberen Stock des Neuen Museums ausgestellt, der Promi-Archäologe mit Schnauzbart und richtig grimmigem Blick, sympathisch wirkt er nicht. Ein Foto zeigt ihn als russifizierten Großkaufmann mit Fliege, Zylinder und dem typischen Pelzmantel 1861 in St. Petersburg. Gelacht wird woanders.

Schwarzer Altertümer-Atlas im wuchtigen Coffee-Table-Format

Seine Fundstationen, allen voran natürlich Troja, auch Mykene, Orchomenos und Tiryns werden auf einer schmalen Schaukarte dargestellt und zeigen, wie Schliemanns Grabungen unser Bild der Archäologie noch immer prägen. Beeindruckend ist der kiloschwere, schwarze Atlas der trojanischen Altertümer, der in einer Vitrine lagert wie eine Bibel, mächtig wie ein Coffee-Table-Format. Hier sind die einzelne Objekte aus den trojanischen Grabungsjahren 1871–73 per Foto festgehalten, wenn man so will, der Beginn der Funddokumentation der „Spatenwissenschaft“. Das Buch, bei Brockhaus erschienen, gab es in einer Auflage von 400 bis 500 Stück, von Schliemann selbst finanziert.

Das Privatvermögen des Selfmademillionärs hatte es ihm erlaubt, an Orten zu graben, die er für die sagenumwobenen Orte Homers hielt. Zwei Briefe – in Altgriechisch geschrieben – an den damaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen, Richard Schöne, beschäftigen sich mit der Troja-Schenkung und mit dem Orden, den Schliemann dafür erhalten soll. 60.000 Briefe soll er insgesamt hinterlassen haben. Man ahnt, Schliemann dürfte kein einfacher Charakter gewesen sein. Doch hier lässt uns die Ausstellung leider in Stich.

Neues Museum, Bodestr., tgl. 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Bis 30. Juni