Kultur

Ein Mensch, ein Schicksal, eine Seelenlage

Angela Merkel eröffnete die Schau „Kunst aus dem Holocaust“ im Historischen Museum

Wie mutig kann man sein, wenn es um das eigene Leben geht? Wie viel riskiert man?

Bei Pavel Fantl jedenfalls verwandelte sich Überlebenswillen in ungemeine Produktivität und bissigen Humor. Auf einem 30 Zentimeter großen Blatt Papier zeichnete er Hitler – als besoffenen, irren Clown – mit grässlich viel Blut an den Fingern. Eine leere Flasche liegt zu seinen Füßen und eine Gitarre – die Saiten sind gerissen, eine Blutlache bildet sich darunter. „Das Lied ist aus“, heißt das Blatt und weist auf das Ende der Geschichte hin: Hitler ist zwar tot, doch was bleibt, ist der schreckliche Mordgräuel, das Morden von Millionen Menschen. Fantl war in Theresienstadt interniert, in vielen Zeichnungen, Karikaturen und Gemälden illustrierte er den alltäglichen Horror des Lagerlebens und gleichzeitig auch seine Hoffnungen. Unter welchen Umständen er diese Motive malen konnte, ist nicht bekannt. Es ist bekannt, dass ihm ein Polizist des Lagers Farben zukommen ließ. Als Fantl nach Auschwitz deportiert wurde, schmuggelte ein anderer Arbeiter rund 80 Arbeiten aus dem Lager, hütete sie bis Kriegsende in seiner Wohnung. Später übergab er sie Fantls Mutter, die die Werke ihres Sohnes als Spende an Yad Vashem übergab.

Abschluss der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum

Das Deutsche Historische Museum (DHM) zeigt erstmals 100 Kunstwerke aus dem Holocaust, die von jüdischen Häftlingen aus verschiedenen Arbeitslagern, Konzentrationslagern und Gettos stammen. Was diese Werke – unabhängig von ihrer künstlerischen Qualität – vereint, ist die ungeheure Gefahr, unter der sie 1933 bis 1945 entstanden. Und der ungeheure Willen, mit den Mitteln der Kunst zu überleben, geistige Schneisen zu schlagen inmitten der Realität des Lagerlebens. Sich Gegenwelten zu schaffen und Fluchten, die halfen, die Tage zu überstehen. Es ist die größte Präsentation aus der Sammlung der Gedenkstätte Yad Vashem, die jemals außerhalb Israels zu sehen war. Dass die Arbeiten nun in Berlin sind, im früheren „Zentrum der Naziherrschaft“, ist „als Zeichen der Freundschaft“ zu werten, so Museumschef Alexander Koch. Umso mehr auch als krönender Abschluss der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen. Angela Merkel (CDU) eröffnete die Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“ am Montagabend, zuvor bekam die Kanzlerin eine Führung durch die Schau.

Initiiert hat die Präsentation „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann, der nach einem Besuch in Yad Vashem auf die Idee kam, die Artefakte einmal in Deutschland zu zeigen. Der Museumstermin ist mit Bedacht gewählt: Am morgigen Mittwoch vor 71 Jahren wurde Auschwitz befreit, ein Ort, der wie kein anderer für den Holocaust steht.

Die Gruppe der Menschen, die über die Hölle der Vernichtungslager der Nazis berichten können, wird immer kleiner. Nelly Toll (80) gehört dazu, sie ist als einzige Überlebende der vertretenen Künstler mit ihrem Mann nach Berlin gekommen. Von ihr stammen die hoffnungsvollsten Bilder der Schau, das liegt daran, dass Nelly ein Kind war, als ihr jüdischer Vater sie mit ihrer Mutter vor den Nazischergen in Galizien bei einer Familie versteckte.

Sie erzählt an diesem Vormittag immer wieder, wie es ihrer resoluten Mutter in dem engen Zimmer gelang, sie aufzumuntern, ihr Hoffnung auf Zukunft zu geben: „Wir schaffen das.“ Sie regte das Kind an, zu malen und zu zeichnen. Und so träumt sich Nelly mit kindlicher Fantasie und jeder Menge Buntstifte in einen Frühling hinein. Auf einer hellgrünen Wiese flaniert sie mit ihrer Mutter im roten Pünktchenkleid mit Picknickkörbchen und spitzen Schuhen. 1944 stellte sich heraus, dass Nelly und ihre Mutter die einzigen Überlebenden ihrer Familie waren. Sie emigrierte nach Amerika und wurde Kunstdozentin. Arbeiten von 50 Künstlern sind in der Schau zu sehen, 24 wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Die meisten Namen unbekannt, bekannt dagegen sind Künstler wie Felix Nussbaum und Ludwig Meidner.

Vielen war bewusst, dass sie nicht überleben würden

Nussbaums Gemälde ist eines der symbolstärksten: Der Künstler sitzt vor einem Globus, doch eine Heimat hat er keine mehr. Kein Ort, nirgends. Die Ausstellung entfaltet eine unvermutete Sogkraft, stecken doch hinter jedem dieser Bilder ein Mensch und ein Schicksal und eine Seelenlage. Diese eine Frage treibt uns durch die ganze Ausstellung: Wie bringt es ein Mensch angesichts dieser Demütigungen fertig, kreativ zu sein? Tafeln neben den Werken informieren über den kurzen Lebenslauf. Vielen war bewusst, dass sie nicht überleben würden. „Es war ihre Hoffnung, dass etwas für die nächsten Generationen überleben wird“, sagt Kuratorin Eliad Moreh-Rosenberg. Das Dilemma sei, dass es sich einerseits um künstlerische Arbeiten handelt, andererseits um Holocaustdokumente. Frantisek Moric Nagl, 1944 in Auschwitz ermordet, malte die Männerzimmer mit den Hochbetten. Hier gibt es keine Privatsphäre, jeder Häftling hat seine Pritsche mit persönlichen Dingen ausgestattet. Nagl hat sein Bild ganz klar strukturiert, so als ob er dem Chaos des KZ mit kalkulierter Ästhetik gegenübertreten wollte.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2. Tgl. 10– 18 Uhr. Bis 3. April. Katalog: 39,90 Euro.