Viel Tabak liegt in der Luft, deshalb muss das Fenster auf, auch im Dezember. Aber sonst ist es schön gemütlich hier. Und an der Wand hängen Plakate all die Stars, die hier schon mal aufgetreten sind. In einem Container hinterm Tipi-Zelt ist das Reich von Holger Klotzbach, der erst mit seinem langjährigen Partner Lutz Deisinger, seit 2009 im Alleingang die Bar Jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt leitet. Und das auch gerne weiter tun möchte. Trotz seines 70. Geburtstages am 30. Januar. Wir haben ihn besucht.
Berliner Morgenpost: Wie fühlt man sich mit der anstehenden Sieben vorneweg?
Holger Klotzbach: Ich muss sagen, die letzten zehn, 15 Jahre empfinde ich als die schönsten meines Lebens. In dem Alter macht man eine Rückschau seines Lebens. Und ich hatte nie das Gefühl, dass ich gearbeitet habe in dem Sinn, Frondienst im Schweiße meines Angesichts leisten zu müssen. Viele Dinge sind mir einfach zugeflogen und haben, bei aller Mühe, die schon auch damit verbunden war, Spaß gemacht. Vielleicht bin ich in den letzten Jahren auch etwas altersmilder geworden. Ich bin also noch ganz munter dabei.
Ans Aufhören denken Sie nicht?
Ich möchte das schon noch machen, solange ich krauchen kann. Aber mit gebremstem Schaum vor dem Mund. Ich habe gelernt, abzugeben. Ich muss jetzt nicht mehr, wie früher, 18 Stunden am Tag hier sitzen. Worüber man sich natürlich Gedanken machen muss, was ist, wenn ich mal nicht mehr bin. Die eigentliche Endlichkeit rückt ja näher. Der Laden muss aber weiter existieren können, da treffe ich gerade Vorsorge.
Sie haben früher mit den „Drei Tornados“ selber Kabarett gemacht. Fehlt Ihnen das eigentlich nicht, wenn Sie jetzt immer nur anderen zuschauen?
Nein. Absolut nicht. Ich habe ja jahrelang in der Bar jeder Vernunft und dann auch im Tipi die Ansagen gemacht. Aber irgendwann war es mal Zeit, dass da jüngere, frischere Menschen auf die Bühne kommen. Nein, mir hat das nie gefehlt. Als Tornados waren wir ja geniale Dilettanten, wir konnten nichts, aber das richtig. Aber ich hätte nie als Solokabarettist weiter gemacht wie der Kollege Arnulf Rating. Das hätte ich auch nie gekonnt. Meine schriftstellerischen Fähigkeiten, die man dazu braucht, hielten sich doch sehr in Grenzen. Und ich wollte auch nicht solo durch die Lande reisen. Zu dritt ging das, das war ja wie eine WG auf Reisen. Aber allein ist das doch eine zermürbende Sache.
Keine Spur von Wehmut?
Nein. Diese Art von Kabarett hatte seine Zeit. Aber das könnte man sich heute gar nicht mehr anhören. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Gerade hat „Hörbar Rust“ einen Ausländer-Sketch abgespielt, der jetzt leider wieder eine Aktualität hat. Nein, da ist keine Wehmut. Es ist viel schöner, Menschen auf der Bühne zu sehen, die viel besser sind als du. Und die du selber mit groß gemacht hast.
Wie nannten Sie denn das, was Sie da getan haben? Impresario?
Grüßaugust! Das ist natürlich eine kokette Bescheidenheit. Aber Kulturmanager klang mir immer zu technokratisch. Dazu fehlte mir das Herz. Und das Bauchgefühl. Und wir machen ja sehr viel aus dem Bauch heraus.
Als Sie damals mit der Bar angefangen hatten, hätten Sie je gedacht, was für ein Erfolg das werden würde?
Wir haben damals gedacht, wenn wir Glück haben, machen wir das zwei, drei Jahre. Nach der ersten Saison war ja eigentlich schon Schluss, weil wir im heißen Juno ‘92 angefangen haben mit viel österreichischem und schweizerischem Programm, das wir sehr gut fanden, aber außer uns sehr wenige. Im November haben wir schon wieder abgebaut, weil wir im Grunde pleite waren.

Erst nach dem Zuspruch durch Leute wie Otto Sander, Wim Wenders und Alfred Biolek und dem Einsatz von Meret Becker, die dort ein Varietéprogramm der neuen Art gemacht hat, haben wir wieder aufgemacht. Das war März ‘93. Und da waren wir gleich sieben Wochen ausverkauft. Nein, ich hätte nie gedacht, dass es die Bar jeder Vernunft so lange geben würde. Schon gar nicht, dass wir zum Jubiläum ein zweites, noch viel größeres Zelt aufschlagen würden.
Wie haben Sie überhaupt den Platz fürs Tipi bekommen? Das Tempodrom, das zuvor hier stand, musste abgebaut werden, weil der neue Nachbar, das Kanzleramt, Ruhe haben wollte.
Da gibt es verschiedene Lesarten. Helmut Kohl wollte wohl kein alternatives Heerlager so nahe bei sich haben. Das war ihm wohl auch zu schmuddelig. Die offizielle Version war, dass Sie das als Bauland brauchten, für die Container bei der Baustelle des Kanzleramts. Am Ende ist, wie Sie wissen, Kohl selbst hier nie eingezogen. Sein Nachfolger Gerhard Schröder war da aufgeschlossener. Sie hatten aber auch die Hoffnung, dass wir das etwas akkurater gestalten würden.

Ist man damit auch immer von neuen Kanzlern abhängig, die nicht über Lärmbelästigung klagen?
Vielleicht. Natürlich haben die anderes zu tun als ein etabliertes Unterhaltungstheater wegzukacheln. Frau Merkel findet es wohl eher ganz nett, dass hier auch abends noch etwas Leben ist. Die feiern hier auch seit Jahren ihre Weihnachtsfeiern bei uns. Wenn die Kabinettssitzungen bis in den Abend gehen, hören die uns wohl auch da drüben, vielleicht lockert das die Stimmung ja ein bisschen. Ich habe Frau Merkel auch mal gefragt, was sie wohl ihrem Staatsbesuch erzählt, wenn sie mit ihm auf der Veranda steht. Sie antwortete: „Sehen Sie, so ist Berlin. Nichts ist so von Dauer wie ein Provisorium.“
Die Neunziger waren die Zeit des Hedonismus. Die fetten Jahre sind aber vorbei. Merkt man das in Ihrem Zelt?
Es heißt ja immer, in Krisenzeiten braucht man Unterhaltung umso mehr. Es ist eher so, dass an Künstlern nicht mehr so viel nachkommt. Nein, es gibt immer Berge und Täler in diesem Geschäft. In früheren Jahren mussten wir jedes Jahr, um den Sommer zu überbrücken, Kredite aufnehmen, auch wenn wir die ab Herbst wieder erwirtschaftet haben. Wir sind in den letzten Jahren in der glücklichen Situation, das nicht mehr tun zu müssen. Wozu auch geschlossene Veranstaltungen einen Gutteil beitragen. Aber es ist nicht immer einfach. Ich wundere mich manchmal auch darüber, wie wir das all die Jahre gemacht haben. Aber da war das Tipi auch eine gute Hilfe. Viele unserer Stars sind irgendwann zu groß geworden, die wären uns abgewandert, wenn wir nicht das größere Zelt gehabt hätten. Das war eine tolle Kollateralwirkung.
Georgette Dee, die Geschwister Pfister, Malediva – sie alle sind auch über Sie so groß geworden. Ist man da stolz, sehen Sie sich als Vater dieser Kinder?

Natürlich ist man stolz. Und das hat auch was von einer großen Familie. Manche Künstler, wie Malediva oder Ass-Dur, muss man aber auch über Jahre aufbauen. Das kostet auch Geld, wenn es anfangs noch nicht so toll läuft. Aber man muss da eben seiner Nase vertrauen und sagen: Die sind’s. Die werden’s. Das hat sich nicht immer bewahrheitet. Zum Glück meist aber schon. Sonst gäbe es uns auch nicht 23 Jahre. Wir werden dieses Jahr mit „Frau Luna“ die Familie ja auch wieder zusammenführen: mit den Geschwister Pfistern, Pigor & Eichhorn, Ades Zabel, Cora Frost. Das ist so ein Kind dieser langjährigen Zusammenarbeit. Das wird ein Riesenspaß.
Das wird noch mal sowas wie „Das weiße Rössl“ 1994: ein Spitzentreffen der deutschen Kleinkunst. Das hat Sie damals noch mal in eine ganz andere Liga geschubst?
Ja. Da horchte sowohl die feinere Gegend von Berlin auf, die uns vorher nicht mal mit der Kohlenzange angepackt hätten. Und dann kamen auch die Busse aus den anderen Bundesländern.
Sie haben die Bar und das Tipi jahrelang mit Ihrem Lebenspartner Lutz Deisinger geführt. Als das auseinanderbrach zwischen Ihnen, haben Sie da einen Moment überlegt, hinzuwerfen, weil das ja ein gemeinsames Kind war?

Hinzuwerfen nicht. Die Frage war eher, macht er weiter oder ich. Zumal ich ja eine unglückliche Krankengeschichte hatte. Dann zeigte sich aber, dass mein Wille, weiterzumachen, größer war als seiner. Ich habe dann seine Anteile übernommen. Und wir dachten beide, wir werden uns geschäftlich nie wieder begegnen. Das sind wir aber doch. Jetzt ist er als Programmmacher wieder dabei. Und einen besseren könnten wir auch gar nicht haben.
Es gibt in der Stadt ja nicht nur das Tipi und die Bar, sondern auch das BKA, den Admiralspalast und viele andere Stätten. Gibt es eigentlich genug Künstler für all diese Vergnügungsetablissements?
Die gibt es. Wir haben ja alle jeden Abend Programm. Natürlich müssen wir auch ständig unser Profil schärfen. Aber Konkurrenz belebt das Geschäft. Das ist wie in der Suarezstraße: Wenn es nur einen Antiquitätenladen geben würde, würde da keiner hingehen. Jetzt sind da aber vielleicht zehn, und man geht da hin, weil man eine Antiquität sucht. Hm, Antiquitäten sind vielleicht kein glücklicher Vergleich. Nehmen wir die Sterneküche. Wir haben in Berlin noch nie so viele Sterne-Köche gehabt wie jetzt. Davon profitiert die ganze Gastronomie-Szene.
Und werden Sie denn jetzt auch Ihren 70. Geburtstag in der Bar feiern?
Nein. Das haben wir zum 50. gemacht. Das kann man nicht mehr steigern. Außerdem bin ich im Winter gern in der Sonne. Deshalb werde ich diesen Tag ganz fern in Sri Lanka feiern.




