Premiere

Bauchlandung bei Mozart im Schillertheater

"Mord an Mozart" ist musikalisch erfreulich. Dennoch geht es im Stück nur in eine Richtung: abwärts.

Roman Trekel in "Mord an Mozart"

Roman Trekel in "Mord an Mozart"

Foto: dpa Picture-Alliance / Thomas Bartilla/Geisler-Fotopres / picture alliance / Geisler-Fotop

Auf der Bühne tickt ein Metronom den Takt der gesellschaftlichen Ordnung, die gleich gestört werden wird. Links ein Konzertflügel unter einem Baldachin, davor eine Ottomane. Rechts ein Klavier, in der Mitte eine zum Publikum geneigte schiefe Ebene, die noch zum Symbol des Abends werden wird. Es geht abwärts. Davor ein Schreibtisch, an dem Antonio Salieri Platz nimmt, alias Bariton Roman Trekel, im fliederfarbenen Satinrock mit Rüschenärmeln. Zum oberen Ende robbt feixend der Tenor Stephan Rügamer als Mozart, das Metronom gerät aus dem Takt. Überhaupt wird im Stück viel gerobbt und später gekrochen, als allgemein verwendeter Ausdruck von Agonie.

Mozart beginnt auf einem klirrenden Spielzeugklavier das zu spielen, was Salieri an seinem Tisch gerade aufschreibt. Dass der so streng formale Komponist leidet und vielleicht auch wahnsinnig wird, glaubt man gern schon im Prolog, Mozarts Tasten-Variationen zu Salieris Arie „Maio caro Adone“. Zum Toy-Piano gesellt sich Max Renne am, wie sich herausstellt, garstig verstimmten Klavier. Hinzu kommen der Pianist Adrian Heger (der fortan mit wippendem Haar in Otto-Waalkes-Manier von hier nach da, nach dort hüpft), Vibraphon und Akkordeon – obsessiv nähern sich die Musiker Salieri, in der Intonation alle um Haaresbreite voneinander entfernt, ebenso im Spieltempo, nur einen Hauch, aber umso schmerzhafter für das Ohr des Komponisten. Eine perfekte, dichte Hinleitung zum folgenden Krimi, der Kurzoper „Mozart und Salieri“ von Nikolai Rimsky-Korsakow.

Historisch ist erwiesen, dass Salieri Mozart nicht vergiftet hat, aber er hätte es so gern! Der Vorhang hinter der Szene hebt sich und gibt den Blick frei auf das Rest-Orchester der Staatskapelle - so klingt es. Während Daniel Barenboim mit seinem Klangkörper durch Japan tourt, bespielen die Daheimgebliebenen das Schillertheater, so gut sie können. Sophie Heinrich tut hier Wunder. Die Konzertmeisterin, ausgeliehen von der Komischen Oper, führt das in Kammerformation spielende Orchester nicht nur souverän, sondern auch noch maskiert als Albert Einstein, mit allerhand über-die-Bühne-Laufen-beim-Spielen.

Verschimmelter Weinkorken im Mund

Musikalisch ist der Abend erfreulich. Max Renne, der schon Produktionen der Staatsopern-Werkstatt musikalisch geleitet hat, entgleitet zwar zuweilen der Zusammenhalt des Orchesters, und die beiden Sänger sind so mit Mimen beschäftigt, dass sie in der Intonation nicht immer zusammen finden. Roman Trekel wirkt, als habe er einen verschimmelten Weinkorken im Mund, um den herum deutlich zu sprechen es gelte. Doch die Überblendung von Rimsky-Korsakows Oper zu einer Mozartsonate für Klavier und Violine gelingt gut. Noch viel besser ist später das Hinübergleiten in Schostakowitschs Kammersinfonie op. 110, aus dem sich das Streichquartett op. 110a herausschält. In einem sanft auf- und abblendenden Wechsel spielt das Quartett um die nun von der Maske befreite Sophie Heinrich so berührend und konzentriert, dass die vier Streicher Szenenapplaus bekommen.

Völlig allein gelassen ist die Schauspielerin Angela Winkler im langen Mittelteil des Abends. Sie liest aus einem Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud. Die Frage, die der „Stückentwicklung“, als die der Abend geführt wird, zugrunde liegen soll, wird gestellt: „Warum neigt der Mensch zu Gewalt, wenn er seine Weltordnung gefährdet sieht?“, aber nicht beantwortet. Es gibt ja auch niemanden auf der Bühne, der sich auseinandersetzen könnte mit Winkler, sie hat nicht einmal jemanden zum Anspielen, außer einem Stützbalken, ihren Händen, dem Publikum.

Noch ärger wird es, als sie die Episode „Der Großinquisitor“ als Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ liest. Übriggeblieben wirkt sie, als sei die Stückentwicklung weitergezogen und habe sie dort auf der Bühne gelassen, wie ein groteskes Sandmännchen, das dem Publikum etwas vorlesen muss. Schon bald ist man von den übertrieben hoch gespannten, gleichförmigen Satzbögen genervt. Zwischenzeitlich liest Winkler Kaugummi kauend, das Orchester ergeht sich in seifigem Geschrubbe, passend zur Orientierungslosigkeit der Inszenierung. Röchelnd den Tod Jesu in den letzten Zeilen von Dostojewskis Text nachempfindend, biegt Angela Winkler das Ruder herum.

Das Filtrat kann nicht zur Essenz werden

Doch Elisabeth Stöpplers Stückentwicklung steckt schon in einer Sackgasse, als am Ende David Robert Colemans „Requiem-Filtrage“ loswackelt. Tatsächlich gelingt Coleman das Wagnis, Anfang und Ende des „Requiem“ zu einem Gedanken zufassen, der formlos, aber absolut wahrhaftig nach Mozart klingt. Das Filtrat kann aber nicht zur Essenz werden, man weiß nicht, ob das Schleppen des Orchesters gegenüber den Solisten und dem schief hineinquäkenden Akkordeon Teil der Komposition ist. Auch die Collage mit einer Schallplattenaufnahme des Requiems gelingt nur ungefähr, schade. Spätestens diesen Teil hat die Regie völlig aufgegeben, scheint es. Angela Winkler stapft mit einem Schäferstab als Beuys-Hirte umher, kriecht die schiefe Ebene hinauf, während Roman Trekel ein Messer in einen Apfel rammt und kurze Zeit später durch diesen vergiftet wird. Man wartet kurz auf die sieben Zwerge und glaubt den Ersten herbei kommen zu sehen – nein, es ist doch nur Mozart. Stephan Rügamer tut im letzten Bild, wozu es ihn möglicherweise von Anfang an gejuckt hat. Er wirft sich bäuchlings auf die Schräge und schlittert hinab. Eine Bauchlandung für die „Stückentwicklung“, wenn auch das gesittete Staatsopernpublikum nicht zu Buh-Rufen aufgelegt ist.