Theater

Ein romantischer Abend mit Fallada

Textgetreu und behutsam: Im Maxim Gorki Theater wird „Kleiner Mann – was nun?“ überraschend brav inszeniert

Foto: imago stock&people / imago/DRAMA-Berlin.de

VON KATRIN PAULY

Das Leben ist eine unsichere Angelegenheit. Einmal auf die wackeligen Bohlen des Daseins gestellt, ist der Mensch dauerhaft damit beschäftigt, bloß ja nicht seitlich in die Abgründe zu stürzen. Fast bis ins Publikum ragt im Maxim Gorki Theater der lange, abschüssige Brettersteg (Bühne: Sylvia Rieger), auf dem Regisseur Hakan Savaş Mican das Personal aus Hans Falladas Gesellschafts- und Liebesroman „Kleiner Mann – was nun?“ platziert hat. Ganz vorne, da sind diese Bretter nachgiebig, ein paar Mal testet Johannes Pinneberg wippend ihre Belastbarkeit als wolle er zum großen Sprung ansetzen. Er wird ihm nicht gelingen.

Als Hans Fallada 1932 seinen Roman veröffentlichte, da war die Welt zwar noch nicht ganz aus den Fugen, aber die Folgen der Weltwirtschaftskrise führte vor allem die kleinen Leute, die einfachen Angestellten und Malocher zu einer permanenten Existenzangst. In diese Zeit und in diese Welt nun also hat Fallada seinen Johannes Pinneberg gesetzt. Eine Figur mit gigantischem Identifikationspotenzial, ein anständiger Kerl, der nichts will als ein kleines bisschen Glück für sich und seine Emma Mörschel, genannt „Lämmchen“, und den kleinen Murkel, den sie im Bauch trägt.

Ein tiefer Kniefall vor Pinneberg und seinem Lämmchen

Wie er auf dem Land, wo sie zunächst leben, seinen Job verliert, wie die kleine Familie in Berlin landet und er dort als Angestellter eines Modehauses schuftet um die utopischen Verkaufsquoten zu erfüllen, wie das Geld knapp und alles um ihn herum immer schwieriger und brüchiger wird, die Liebe zu seinem Lämmchen aber gleichzeitig immer größer und fester, das erzählt Hakan Savaş Mican schlaglichtartig und sehr textgetreu, ganz behutsam und fast altmodisch. Diese Pinnebergs, das sind zwei ganz nach des Regisseurs Geschmack. Als ausgebildeter Filmemacher hat er sich schon in früheren Theaterarbeiten wie „Schwimmen lernen“ oder „Angst essen Seele auf“ als sensibler Gefühlsbeobachter erwiesen, als einer der sich den Figuren ins Herz zoomt und das, was er dort findet, auf die Bühne holt.

Und so ist dieser Abend tatsächlich ein tiefer Kniefall geworden vor Pinneberg und seinem Lämmchen in ihrem reinen, rührenden Bemühen. All die anderen, die den beiden im Nacken sitzen, die sie an den Rand drängen, die Antreiber und Einpeitscher, die Albernen und Niederträchtigen, all jene verzerrt er ins Groteske. Die mondäne, oberflächliche Mutter Pinneberg, ihren gelackten Dandy-Liebhaber, den Nazi-Arbeitskollegen, die Kunden im Kaufhaus und die Proletarier ringsum, grelle, saftige, Fleisch gewordene Skizzen sind sie, die das Revuehafte des Abends betonen. Eine dreiköpfige Band spielt dazu Jazz- und Swingsequenzen, die Jörg Gollasch für diesen Abend komponiert hat, manchmal singt jemand, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre. All das fügt sich zusammen zu einem vielleicht etwas braven, aber doch sehr stimmungsvollen Berlin-Tableau der frühen 30er Jahre.

Nur einen größeren Ausflug in die Gegenwart erlaubt sich der Regisseur

Genau dort nämlich belässt Hakan Savaş Mican die Geschichte weitgehend, was gerade im Gorki, das wie kein anderes Theater der Stadt den Bezug zur Gegenwart sucht, durchaus erstaunlich ist. Nur einen größeren Ausflug in die Gegenwart erlaubt er sich, als Pinneberg, selbst schon fast am Rand der Gesellschaft angekommen, im Kleinen Tiergarten in Moabit auf eine Gruppe von Männern stößt, die sich die Hände an einem Feuer wärmen und ihr Herz an einem Lied aus ihrer fernen Heimat. Einer von ihnen stellt sich Pinneberg als aus der Zukunft kommend vor und führt ihm im Schnelldurchlauf vor Augen, was auf die Stadt noch alles zukommt. Nationalsozialismus, Krieg, Mauerbau, Menschen aus anderen Ländern, die als Gastarbeiter bleiben und später noch viele, viele mehr, die kommen, um hier ihr Glück zu finden.

Das Ensemble, das permanent auf der Bühne präsent ist, wechselt dabei vielfach die Rollen, manchmal sprechen sie als Chor, werden zur gesellschaftlichen Instanz, der Pinneberg als hilfloser Einzelkämpfer in einer emotional zunehmend verrohenden Gesellschaft gnadenlos ausgeliefert ist. Nur Dimitrij Schaad bleibt immer Pinneberg und Anastasia Gubareva immer sein Lämmchen, sie sind das ganz klare Zentrum dieses Abends. Zwei warm leuchtende Glühwürmchen in einer dunklen, kalten Welt, randvoll gefüllt mit der Hoffnung, dass die ihnen nichts anhaben kann so lange sie einander haben.

Vielleicht ein bisschen zu nostalgisch geraten

Anastasia Gubarevas versieht ihr Lämmchen mit einer patent-pragmatischen Zurückgenommenheit, ein zartes Mädchen ist sie, die still auf ihrem Hocker auf den Gatten wartet, im rechten Moment jedoch zupackt, die übermütig und stürmend sein kann, auch unvernünftig, aber sogar dann noch liebenswert in ihrer aufrichtigen Reue, nachdem sie das Stückchen Lachs, das sich die beiden einmal zum Abendessen gönnen wollen auf dem Weg vom Kaufhaus nach Hause ganz allein verputzt hat. Ihren Mann, den nennt sie „Junge“ und genau so einer ist er bei Dimitrij Schaad auch. Einer, der sich ans Glücksversprechen des Lebens klammert, ein bisschen naiv, unbedacht, wenn er viel zu teure Möbel kauft. Wie er buckelt, wie er keucht, wie er die Bohlen auf und nieder rennt, mit seiner Verzweiflung kämpft, wie er dem Leben ein kleines bisschen Freude und Leichtigkeit abringen will und es ihm doch kaum gelingt, das ist absolut herzzerreißend. Die Mühsal des kleines Mannes schwitzt Schaad aus jeder Pore heraus, nicht nur in jener schönen Szene, in der er sich bis zur totalen Bewegungsunfähigkeit Jackett über Jackett zieht in der Hoffnung, wenigstens eins davon zu verkaufen, um die Quote doch noch zu erfüllen.

Es mag dieser gut dreistündige Abend vielleicht ein bisschen nostalgisch geraten sein, auch hat der Regisseur den Roman nicht wirklich neu und nach Gegenwartstauglichkeit befragt, aber er ist ganz wunderbar durchwebt von einer romantischen Intimität, in die man sich in diesen harten Zeiten und kalten Tagen nur allzu gerne einkuschelt.

Wieder Sonntag um 18 Uhr sowie 27.01. und 06.02. jeweils um 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Kartentel. 20 221 115