Theater

Auf ihn mit Gebrüll im Beziehungsschlachtfest

„Lieber schön“ in der Komödie am Kurfürstendamm: Ihre furienhafte Empörung trifft auf seine emotionale Hilflosigkeit

Er liebt sie, was alle sehen können. Außer sie. Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in „Lieber schön“ in der Komödie am Kurfürstendamm

Er liebt sie, was alle sehen können. Außer sie. Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in „Lieber schön“ in der Komödie am Kurfürstendamm

Foto: Jacqueline Quintern/Geisler-Foto / picture alliance / Geisler-Fotop

„Wenn du jetzt gehst, bring ich deine Fische um!“ Greg weiß, dass seiner Freundin Steph das tatsächlich zuzutrauen ist. Weshalb er also lieber weitere Kanonaden aus Schimpfwörtern auf sich nieder prasseln lässt, von denen „Schwachkopf“ und „Drecksack“ noch die harmloseren sind. Man hat auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm schon manchem Geschlechterknirsch beiwohnen können, aber was Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn hier in der Eröffnungsszene von Neil LaButes „Lieber schön“ abliefern, das ist ein sorgfältig arrangiertes Beziehungsschlachtfest. Wie sie aneinander vorbei reden, sich verrennen, verbal ineinander verkanten, wie ihre furienhafte Empörung auf seine emotionale Hilflosigkeit prallt, es ist ein starker Auftakt zu einem hochtourigen Abend. „Lieber schön“, das im Original „Reasons to be pretty“ heißt, ist nach „Fettes Schwein“ und „Tag der Gnade“ das dritte Stück des amerikanischen Erfolgsautors LaBute, das die Kudamm-Bühnen zeigen, zum zweiten Mal führte dabei Folke Braband Regie.

Sie versteht den Mann nicht mehr, der Mann versteht die Welt nicht mehr

Was war passiert, dass sich die Gemüter so erhitzten? Er meint: nichts. Sie findet: viel. Die Fakten belegen ein Gespräch unter Männern über eine neue Arbeitskollegin, bei dem Greg unvorsichtigerweise das Gesicht seiner Freundin als „nur normal“ bezeichnete, was ihr brühwarm weiter getragen wurde. Steph aber will nicht „normal“ aussehen und dass er beschwichtigt und beteuert er habe ja nicht „hässlich“ gesagt und überhaupt sei das nur „als Kontrast“ zu eben dieser neuen Kollegin gemeint gewesen, macht die Sache nicht besser. Dabei liebt er sie aufrichtig, was alle sehen können. Außer Steph. Sie packt ihre Koffer. Sie versteht den Mann nicht mehr, der Mann versteht die Welt nicht mehr.

Gregs Arbeitskollege Kent dagegen macht sich die Welt wie sie ihm gefällt. Bei Roman Knižka ist er ein potenzprotzender, opportunistischer Macho, der seine schwangere Freundin Carly (Nicola Ransom im uniformierten Lara-Croft-Style) so behandelt, wie sie behandelt werden will: Mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten. In Wahrheit aber hat er längst die süße neue Kollegin vernascht, wie er Kent im Pausenraum der Fabrik, in der beide arbeiten, anvertraut. Natürlich erwartet er, dass Greg seine Affäre deckt. Spiel, Spaß, Sieg, das ist sein Motto, in der Liebe wie beim Cricket, den Pokal mit einer fetten 1 drauf hat er sich schon auf den Oberarm tätowiert.

Rasanter Schlagabtausch eines spielstarken Ensembles

Aus dieser doppelten Paarkonstruktion entwickelt LaBute seine Pointen, die im Original auch überhöhte Schönheitsideale und oberflächliche Selbstoptimierung behandeln. Folke Braband interessiert das nur am Rande, Er konzentriert sich auf das ergiebigere Thema von Wahrheit und Aufrichtigkeit und hat in Oliver Mommsens Greg den perfekten Sympathieträger, ein anständiger Kerl ist das, ein Nachtarbeiter, der sich in den Pausen in Romane versenkt und sichtlich überfordert ist mit all den Fronten, zwischen die er moralisch gerät. Tom Presting hat dem Darsteller-Quartett dafür einen modernen illuminierten Guckkasten mit tief hängender Decke auf die Bühne gestellt, der mit wenigen Requisiten und Lichteffekten mal als Fabrikpausenraum, mal als Asia-Restaurant fungiert.

Bei all dem bohrt Folke Braband freilich nicht allzu ernsthaft in die Tiefe, dafür bleiben die Figuren insgesamt dann doch zu ungebrochen, aber es ist der rasante Schlagabtausch eines spielstarken Ensembles, der den Abend dennoch unterhaltsam und sympathisch macht.

Natürlich wünscht man sich vom ersten Moment an, Greg und seine Steph mögen wieder zueinander finden, obwohl sie bei Tanja Wedhorn wirklich ein ganz schön zickiges Teufelsweib ist, aber er liebt sie nun mal und wir wollen ja ganz unbedingt, dass dieser Mann wieder glücklich wird. Ganz so einfach aber entlässt Neil LaBute das Publikum nicht, die Zukunft der Fische mag vorerst gesichert sein, die des Paares bleibt ungewiss.

Noch bis zum 28. Februar in der Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209 Kartentel. 88 59 11 88