Musical

"Elisabeth" - ein Glamourstar im Kaiserreich

"Sissi" muss nicht immer gleich eine Schnulze sein: Im Berliner Admiralspalast ist "Elisabeth" in einer moderneren Version zu erleben.

Liebe, Macht und Egoismus und der sich ankündigende Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie: das Musical "Elisabeth"

Liebe, Macht und Egoismus und der sich ankündigende Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie: das Musical "Elisabeth"

Foto: Labelle Juliane Bischoff

Man kann kaum von Sissi sprechen, ohne dass alle gleich an Romy Schneider denken. Die Filme aus den 50er-Jahren haben der österreichischen Kaiserin ein Schnulzen-Image verpasst, das bis heute nachwirkt. Das Musical grenzt sich davon bewusst ab – das macht schon der Titel klar. Sylvester Levay und Michael Kunze haben ihr Stück nicht „Sissi“, sondern „Elisabeth“ genannt. Es geht nicht um den unglücklich verheirateten Backfisch, sondern um eine Herrscherin mit vielen Widersprüchen – eine emotionale und machtbewusste Frau, die im Laufe ihres Lebens lernt, ihre Schönheit als Waffe einzusetzen. Durch ihren Freiheitsdrang wird die Musical-Elisabeth zu einer modernen Figur, einer Art Glamourstar der K.-u.-k.-Zeit. Man kann sich zu ihr in Beziehung setzen, auch wenn auf der Bühne Seidenröcke rascheln.

Seit der Uraufführung 1992 im Theater an der Wien ist „Elisabeth“ in elf Ländern gespielt worden und hat mehr als zehn Millionen Zuschauer erreicht. Im Vergleich mit Blockbustern vom Broadway mag das nicht viel sein, doch für eine deutschsprachige Produktion ist es beachtlich. Das Musical ist in sechs Sprachen übersetzt worden – wie ins Finnische, Japanische und Koreanische. Jetzt kommt es zum ersten Mal seit acht Jahren wieder nach Berlin.

Die Veranstalter berichten über den großen Aufwand. 28 Ensemblemitglieder stehen jeden Abend auf der Bühne. Dazu kommt ein 18-köpfiges Orchester. 14 Megatrucks werden benötigt, um die Dekorationen anzutransportieren. Es gibt 664 Kostüme, 125 Paar Schuhe und 150 handgeknüpfte Perücken. Elisabeth sieht aus, wie man sie von Gemälden und Postkarten kennt. Doch das ist nicht das Wesentliche. Spannend ist die Geschichte. Es geht um Liebe, Macht und Egoismus und um den sich ankündigenden Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Am Wiener Hof wurde sie zunächst nicht ernst genommen

Elisabeth ist 16, als sie Kaiser Franz Joseph I. heiratet. Am Wiener Hof wird sie nicht ernst genommen. Sie darf nicht einmal ihre Kinder selbst erziehen – bis sie aufbegehrt und mit Scheidung droht. Sie erreicht, dass sie selbstbestimmt leben und vor allem frei reisen darf. Dadurch wird sie – ohne es zu wollen – zu einer frühen Identifikationsfigur der Frauenbewegung.

Politisches Profil gewinnt sie, als sie sich für die im Habsburgerreich unterdrückten Ungarn einsetzt. Diese erhalten nicht zuletzt durch ihre Unterstützung ein Parlament und eine eigene Verfassung. Zugleich ist Elisabeth eine Herrscherin, die selbst in Krisenzeiten Unsummen für ihr extravagantes Leben ausgibt. Sie lässt sich ein Schloss auf der Insel Korfu errichten, reist nach England zur Fuchsjagd und nach Kleinasien, um antike Ausgrabungen zu besichtigen. Und immer hat sie ein riesiges Gefolge dabei. In der Inszenierung marschieren zerlumpte Proletarier auf, um gegen die Verschwendung am Hof zu protestieren. Elisabeths Tod hingegen erscheint als die Tat eines verrückten Einzeltäters. 1898 wurde die Kaiserin durch einen italienischen Anarchisten in Genf erstochen.

Für den Textautor Michael Kunze ist die Sache klar: „Nirgends lässt sich der Untergang des Habsburgerreiches deutlicher ablesen als an der Biografie Elisabeths. Wir erzählen ihre Geschichte als Flirt mit dem Tod. Die ganze Gesellschaft hat gespürt, dass es mit ihr zu Ende geht. Das Reich, das zu den größten und mächtigsten der ganzen Welt gehörte, stand kurz davor zu zerbröseln.“ Entsprechend düster ist die Stimmung im Stück. „Alle tanzen mit dem Tod, doch niemand mit Elisabeth“, singt ein Chor, während in einer Videoprojektion die Fassade der Hofburg zusammenstürzt und der österreichisch-ungarische Doppeladler zerbricht.

Das positive Gegengewicht ist der Song „Ich gehör nur mir“, den Elisabeth singt, als sie sich entscheidet, aus dem steifen Hofzeremoniell auszubrechen. Er beginnt schüchtern und zaghaft und wird dann zu einer wahren Befreiungshymne. Da singt eine Frau, die ihre Ketten abschüttelt und ein selbstbestimmtes Leben beginnt. Viele Elisabeth-Darstellerinnen haben sich mit dem Lied in die Herzen des Publikums gesungen – vor allem die Holländerinnen Pia Douwes, Maya Hakvoort und Annemieke van Dam.

Nun gibt es eine neue Elisabeth – Roberta Valentini, eine Deutsch-Italienerin, die noch am Anfang ihrer Karriere steht. 2007 bis 2010 hat sie in Stuttgart eine Hexe in „Wicked“ gesungen, 2009 in Bremen die Titelfigur im Musical „Marie Antoinette“. Doch Elisabeth gehört in eine andere Liga. Die Kaiserin ist am Anfang des Stücks 16, am Ende 61 Jahre alt – das bedeutet für die Darstellerin permanente Kostüm- und Haltungswechsel. Und auch zu singen hat sie viel. Roberta Valentini schwelgt in den Melodien, die Sylvester Levay für die Figur komponiert hat. Ihr Atem scheint doppelt so lang zu reichen wie der ihrer Vorgängerinnen, wodurch vor allem das hymnische „Ich gehör nur mir“ zum Erlebnis wird.

Die Kaiserin ist für Roberta Valentini eine heutige Figur. „Ich habe bei den Proben immer an Michelle Obama gedacht.“ Doch das ist nur der gedankliche Hintergrund. Kostüme und Bühnenbild zeigen das 19. Jahrhundert – mit seidenraschelnden Höflingen, Palastfassaden und Proletariern in groben Leinenstoffen. Doch wie gesagt: Es ist nicht der Ausstattungsprunk, der die Aufführung bemerkenswert macht. Es ist ihre Lebendigkeit.

Regisseur Harry Kupfer reist immer wieder persönlich an, wenn es darum geht, neue Darsteller in ihre Rollen einzuführen. So sitzt beim Spiel jedes Detail. Bühneneffekte und Lichtwechsel kommen genau zur rechten Zeit. Wer die Aufführung nicht kennt, wird nicht merken, dass er einen Klassiker besucht, der mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hat. Die Inszenierung wirkt frisch, opulent, witzig und klug – keine Spur von Romy-Schneider-Kitsch. Gezeigt wird eine Kaiserin mit Ecken und Kanten – eine Queen of Hearts, die unsere Fantasie auch heute noch beflügeln kann.

„Elisabeth“ im Admiralspalast, Friedrichstraße 101, 7.1.–14.2.2016