12 Stunden

Und all der Jazz - "Chicago" läuft im Theater des Westens

Das Musical "Chicago" ist wieder im Theater des Westens zu sehen. Viel Arbeit ist nötig, damit die Show perfekt abläuft.

Die Tänzerinnen üben mit Rhys George ihre Schrittfolgen. Der Dance-Captain aus Wales lebt seit neun Jahren in Berlin

Die Tänzerinnen üben mit Rhys George ihre Schrittfolgen. Der Dance-Captain aus Wales lebt seit neun Jahren in Berlin

Foto: David Heerde

10:45 Uhr

„Chicago“ nach der Musik von John Kander und Gesangstexten von Fred Ebb ist ein Musical der Superlative, nach „Cabaret“ ist es das am meisten gespielte der Welt. Mehr als 29 Millionen Zuschauer haben das Stück um Liebe, Leidenschaft, Verrat und Sex gesehen. In Berlin wird es bereits zum dritten Mal gespielt. 1988 inszenierte es Helmut Baumann mit Katja Ebstein in der Rolle der Roxie Hart erstmals im Theater des Westens. Elf Jahre später folgte die Broadway-Revival-Version am selben Ort. Nun ist „Chicago“ bis 17. Januar zu sehen und zu hören. Auf der Bühne wird „Chicago“ mit einer einzigen Bühneneinstellung, viel erotischen Tanz- und Gesangsdarbietungen und einem Bühnenorchester gezeigt. Vor dem Garderoben-Foyer saugt Hartmut Dzykowski den maulbeerfarbenen Teppichboden. Gerade hat der Getränkelieferant eine Palette Soft-Drinks geliefert. Beim Abladen sind Schmutz und Holzspäne auf dem Teppich gelandet. „Das muss hier gleich wieder picobello aussehen“, sagt der 63-Jährige, der seit 21 Jahren im Theater des Westens für Sauberkeit sorgt.

11:50 Uhr

Theaterleiterin Andrea Pier bespricht mit dem Technischen Leiter Andreas Dieckmann Details der Bühnenbeleuchtung. Seit 2003 leitet die gebürtige Bielefelderin das Haus. „Am liebsten sitze ich im Parkett. Diese Atmosphäre mit den weinroten, samtbezogenen Sitzen, der Geruch von Staub, Holz und Stoff, das ist für mich Theater pur“, erklärt sie. Die Theaterleiterin beschäftigt sich bereits mit der übernächsten Produktion, „Tanz der Vampire“, die am 24. April Premiere hat. Davor wird noch einmal von Ende Januar bis 10. April die Erfolgsshow „Ich war noch niemals in New York“ gegeben. Andrea Pier ist an den Castings für die nächsten Stücke beteiligt und für Vertragsabschlüsse der Darsteller zuständig. Sie verantwortet mit ihren Mitarbeitern auch alle anderen organisatorischen und technischen Abläufe. „Ein Fulltimejob“, sagt sie, „ich liebe ihn.“

12:20 Uhr

Matthias Chinnery zieht an der Fassade des Theaterbalkons eines der auffälligen Schwarz-Weiß-Plakate gerade, das von einer herbstlichen Windböe verweht wurde. Er arbeitet schon seit einem Vierteljahrhundert im Haus, hat als Hilfsbeleuchter angefangen. Heute ist er als Leiter der Haustechnik für das Gebäude zuständig, aber auch für die Belange, die bei Sonderveranstaltungen angefragt werden. Das Theater des Westens wird an manchen Tagen von Firmen für repräsentative Events gebucht. „Meistens am Montag, das ist unser vorstellungsfreier Tag“, so Chinnery.

13:30 Uhr

Noch länger als der Leiter der Haustechnik ist Kassiererin Ruth-Barbara Fode beim Theater des Westens beschäftigt. Sie hat 1978 als Programmverkäuferin angefangen, zwei Jahre später begann sie ihren Job an der Kasse. Die Kassiererin kann sich noch an die Inszenierung mit Katja Ebstein 1988 und an die von 1999 erinnern.

14:45 Uhr

Nach und nach treffen die Darsteller ein, insgesamt stehen jeden Wochentag außer Montag 15 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, im ganzen Haus arbeiten rund 160 Menschen. Sie alle müssen vorbei an Mayk Nicklisch an der Pforte. Die ist 24 Stunden am Tag besetzt.

15:50 Uhr

Schwarze Bodysuits, Netzstrümpfe, laszive Bewegungen und meisterliche Choreografie. Wenn die acht Tänzerinnen ihre Schrittfolgen üben, knistert es. Die sexy Moves lehrt Rhys George. Der Dance-Captain aus Wales lebt seit neun Jahren in Berlin. „Diese Stadt ist Europas Kulturhauptstadt“ erklärt er und legt eine weitere Runde mit den Tänzerinnen ein.

16:45 Uhr

Eine der Besonderheiten des Stückes sind die präzisen Scheinwerferfahrten. Diese punktgenauen Lichtstrahler heißen Verfolger. „Da die Bühne oft sehr dunkel ist, muss man da eine sehr ruhige Hand haben“, sagt die Auszubildende Luise Graeff. In zwei Jahren wird sie Fachkraft für Veranstaltungs-Technik sein. Bei „Chicago“ wird ein scharfer Lichtkegel mit großer Leuchtkraft vom Scheinwerfer erzeugt. „Da wird einem hier oben im dritten Rang sehr warm“, meint die 30-Jährige.

17:50 Uhr

Die Berliner Schauspielerin und Tänzerin Isabel Dörfler spielt die Gefängnis-Aufseherin Mama Morton, die Schurkin des Stücks. „Ich bin die Fiese mit Herz“, sagt sie beim Schminken. Fast 350 Mal hat sie diese Rolle bereits gespielt, überwiegend in Stuttgart. „Bei ‚Chicago’ muss man auf den Punkt präsent sein. Es gibt kaum Momente, in denen wir uns mal ausruhen können. Hier ist Dauerpower angesagt“, erklärt die 50-Jährige. Dann werden ihre Haare für die Perücke präpariert.

18:20 Uhr

Dirigent Jochen Kilian nimmt auf der Bühne vor seinem 14-köpfigen Orchester Aufstellung. Das sitzt nicht wie bei vielen Musicals im Graben, sondern gut sichtbar auf mehren Etagen am hinteren Ende der Bühne. „Dieses Bühnenbild ist von den Produzenten in New York genau so festgelegt“, erklärt der 49-Jährige. Er mag diesen sparsamen Aufbau. „Dadurch kommt die tolle Musik mit Jazz-, Swing- und Ragtime-Stücken klarer durch“, meint Kilian.

19:05 Uhr

Foyer und Spiegelsaal füllen sich mit Zuschauern. An der Bar werden bei Laura Großmann erste Gläser Sekt geordert, die Einlasser öffnen die Türen zum Saal. Dreimal wird gegongt. Wenn alle Zuschauer Platz genommen haben, werden die Türen geschlossen.

19:30 Uhr

Vorstellungsbeginn. Mit der Ouvertüre und dem berühmten Song „All der Jazz“ beginnt die etwa zweieinhalbstündige Show. Hinten im zweiten Rang thront Bühnenmanager Martin Sperfeld. Neben ihm leuchten mehrere Bildschirme. „Hier kann ich jeden Winkel der Bühne beobachten. Alle hören auf mein Kommando“, erklärt der 34-Jährige. Zwei Etagen tiefer wird der Sound live gemischt. 96 Tonspuren sind belegt. Alle Tänzerinnen und Tänzer sind mit einem Funkmikrofon verkabelt, meist in den Haaren versteckt.

20:40 Uhr

Pause. 20 Minuten hat das Barpersonal Zeit, die Zuschauer zu bedienen. Die stehen in langen Schlangen an, und sind froh, dass es so professionell und schnell zugeht.

21:50 Uhr

Ende der Vorstellung. Nach langem Applaus leert sich der Saal mit knapp 1600 Plätzen erstaunlich schnell. Nur kurz herrscht an den Garderoben Andrang, dann wird es ruhig im Haus. Wenn alle Gäste das Theater des Westens verlassen haben, schließt das Vorderhauspersonal die Türen ab.

Stage Theater des Westens, Kantstraße 12, Charlottenburg, Tel. 01805 44 44, www.theaterdeswestens.de