Die britischen Kray-Zwillinge waren in den 60er-Jahren das, was man „lebende Legenden“ nennt. Als notorische Kriminelle profitierten sie gleich doppelt von diesem Ruf: Berühmtheiten scharten sich um sie, machten sich so erpressbar und die Brüder rückwirkend zu „Untouchables“. Alle wollten dabei sein, keiner wollte dafür erwischt werden.

Der als Drehbuchautor („L.A. Confidential“) bekannt gewordene Brian Helgeland illustriert diesen Teufelskreis hübsch ironisch, wenn er die Zwillinge einen Scotland Yard-Polizisten für einen Schnappschuss in ihre Mitte nehmen lässt. Von der ersten Szene an hat Read (Christopher Eccleston) die Krays verfolgt und muss nun wegen eines kompromittierenden Fotos fast aufgeben. Es ist einer der wenigen Momente in „Legend“, in dem Helgelands filmisches Kalkül wirklich aufgeht.

Suhlt sich im Licht der Öffentlichkeit: Ronnie Kray (Tom Hardy)
Suhlt sich im Licht der Öffentlichkeit: Ronnie Kray (Tom Hardy) © studiocanal | studiocanal

Die wahre Geschichte, obwohl sie zahlreiche Bücher und auch schon Filmversionen inspirierte, ist recht unschön: Ronnie und Reggie Kray waren keine Gentleman-Verbrecher, erst recht keine Robin Hoods, sondern ruchlose Gewalttäter, die sich um keine Moral scherten. Helgeland aber interessiert sich wenig für die historische Realität und mehr für die schillernde Legende.

So stellt er Reggie Kray zunächst von der nettesten Seite vor. Wenn er morgens im damals noch trostlosen Londoner East End aus dem Haus tritt, bringt er den ihn beobachtenden Polizisten Kaffee vorbei, grüßt liebenswürdig die Nachbarn und steckt manch alter Frau ein Almosen zu. Die Rolle des Bösen scheint zunächst ganz Bruder Ronnie zuzufallen, den seine gewalttätigen Tendenzen bereits in die geschlossene Anstalt gebracht haben, woraus ihn sein Bruder aber heraustrickst.

Hier der Gute, da der Böse

Auf der einen Seite der gutaussehende Reggie, dessen Statur und soziale Begabung ihm natürliche Autorität verleiht, auf der anderen Seite der psychisch schwer beeinträchtigte Ronnie, der sein offenes Bekenntnis zur Homosexualität immer wieder als Schockmoment einsetzt: Obwohl beide Brüder mit gehörigem Manierismus von Tom Hardy gespielt werden, besteht zu keinem Moment Verwechslungsgefahr.

Tatsächlich gibt Helgeland mit dieser säuberlichen Aufteilung aber ein großes dramatisches Pfund aus der Hand, das seinem Film Spannung und Gewicht hätte verleihen können. Statt das ominöse Verhältnis dieser vermeintlich ungleichen Zwillinge zu erforschen, konzentriert sich der Film vorschnell auf die konventionelle Liebesgeschichte zwischen Reggie und Frances (Emily Browning).

Unheilvolle Bindung: Reggie Kray (Tom Hardy) und Emily Browning (Frances Shea)
Unheilvolle Bindung: Reggie Kray (Tom Hardy) und Emily Browning (Frances Shea) © studiocanal | studiocanal

Deren Stimme erzählt aus dem Off immer dann, wenn der Regie die Ideen ausgegangen scheinen. Mit welchen Mitteln die Krays zu ihrem notorischen Status gelangten, wird wie in Zitaten aus berühmten Gangsterfilmen geschildert, der zigsten Nachahmung von Scorseses legendärer Einführung in „Goodfellas“ inklusive.

Selbst die Szene, in der die Brüder hemmungslos aufeinander einschlagen, wirkt daher weniger psychologisch interessant als schlichtweg kurios: Tom Hardy im Clinch mit seinem digitalen Alter Ego.