Eine Lüge kann mehr über einen Menschen verraten als radikale Ehrlichkeit. Vielleicht, weil sie zwei gegensätzliche Seiten offenbart. Wie bei Jonah (Jesse Eisenberg), den der norwegische Regisseur Joachim Trier zu Beginn seines Films „Louder Than Bombs“ gleich zwei Mal beim Lügen zeigt.

Soeben Vater geworden, begegnet Jonah im Krankenhaus einer Exfreundin, deren Mutter im Sterben liegt. Als sie ihn tröstend umarmt, da sie glaubt, dass ihn ein ähnlicher Anlass ins Krankenhaus führt, bringt er es nicht übers Herz, von seinem Vaterglück zu erzählen. Umgekehrt erzählt er seiner Frau später nichts von seiner Begegnung mit der Ex.

Der Trick mit der Lüge

Jonah, soviel begreift man als Zuschauer sofort, nimmt extrem viel Rücksicht auf die Gefühle anderer. Das bedeutet aber auch, dass niemand wirklich weiß, wie es ihm geht. Und obwohl er mit seiner Doppelzüngigkeit nicht unbedingt sympathisch erscheint, fühlt man doch augenblicklich mit ihm und seinem Dilemma mit.

Den Trick mit der Lüge setzt Trier für all seine Hauptpersonen ein. Jonahs Vater Gene (Gabriel Byrne) zeigt er dabei, wie er seinem jüngeren Sohn Conrad (Devin Druid) verschweigt, dass er mit dessen Lehrerin ausgeht. Conrad wiederum verheimlicht seinem Vater sehr vieles, auch, was er alles über ihn weiß.

Und alle drei sprechen untereinander nicht über den Tod von Isabelle (Isabelle Huppert), der Mutter, die wenige Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben kam. Eine bevorstehende Retrospektive ihres Werks – sie war Fotografin – zwingt die Beteiligten nun, das Schweigen aufzubrechen.

Faszinierende Darsteller: Jesse Eisenberg als Jonah Reed
Faszinierende Darsteller: Jesse Eisenberg als Jonah Reed © dpa | Mfa

Es ist ein in seiner Vielschichtigkeit faszinierendes Familienporträt, das Trier hier zeichnet, gerade weil er in prägnanten Alltagsszenen sowohl die dunklen Impulse seiner Figuren als auch ihre Verwundbarkeit zu zeigen weiß.

Dabei macht schon das entspannte und dabei hochpräzise Spiel der Darsteller allein diesen Film sehenswert: Byrne als ergrauter Vater, der trotz eigener Frustrationen nicht davon ablässt, den Zugang zu seinen Söhnen zu suchen. Eisenberg als der kantige ältere Sohn, dem das Erbe der Mutter mehr Schwierigkeiten bereitet, als er zugeben will. Und besonders Newcomer Devin Druid, der den teenagertypischen Knoten aus Wut, Trotz und Lebensweisheit in schmerzhaft-intensiver Weise kenntlich macht.

Den eigenen Stärken nicht ganz vertraut

Aber leider scheint Trier bei seiner ersten englischsprachigen und starbesetzten Produktion seinen eigenen Stärken nicht zu vertrauen. So lässt er seine Figuren Träume nacherzählen, deren Bedeutung man als Zuschauer längst erfasst hat, und gleitet manches Mal ins Klischee ab.

Besonders, wenn er Mutter Isabelle den ominösen Beruf „Kriegsfotografin“ gibt und die entsprechenden Rückblenden mit halbgaren Reflexionen über Wahrheit und Bildausschnitt anreichert.