Kino

Eine Frau mit vielen Gesichtern

Für „Hilde“ verwandelte sich Heike Makatsch in die Knef. Am Dienstag stellt sie den Film im Zoo Palast vor.

Sie spielt das deutsche Fräuleinwunder: Heike Makatsch als Hilde, hier begleitet von Roger Cicero, als Ricci Blum auftritt

Sie spielt das deutsche Fräuleinwunder: Heike Makatsch als Hilde, hier begleitet von Roger Cicero, als Ricci Blum auftritt

Foto: Warner Bros / picture-alliance/ dpa

Wie viel Berlin muss in einem Film stecken, um ein Berlin-Film zu sein? In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet, zieht sich diese Frage wie ein roter Faden durchs Programm. Stadtansichten allein genügen nicht, da können noch so viele touri-bekannten Ecken ins Bild gerückt werden. Die Stadt muss selbst eine tragende Rolle spielen, muss zum Zeitbild, zum Lebensgefühl werden. Dazu braucht es sie manchmal gar nicht, es genügt, wie in „Sonnenallee“, ein kleines Stück Mauerkulisse in Babelsberg nachzubauen. Manchmal aber reicht auch einfach eine Persönlichkeit, die zum Gesicht der Stadt wird. Wie Hildegard Knef.

Sie ist hier geboren. Wurde erst zum deutschen Fräuleinwunder, dann zum Weltstar. Und kehrte doch stets nach Berlin zurück. Ihre Stadt, die sie auch immer wieder besungen hat. Unvergesslich mit „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen“. Oder auch in „Das ist Berlin“, wo sie diese Symbiose selbst auf den Punkt brachte: „Treibt mich das Schicksal auch manchmal hin und her / Wie heißt der Ort, wo ich stets am liebsten wär’ / Auch jedem Fremden, der hier war / Dem ist die Antwort sonnenklar: / Das ist Berlin, Berlin, die ewig junge Stadt / Das ist Berlin, die Stadt, die meine Liebe hat.“

Sie hatte so viele Leben, so viele Karrieren und Stationen

2008, sechs Jahre nach ihrem Tod, hat man sich, spät genug, erstmals daran gemacht, ihr Leben zu verfilmen. Oder zumindest einen Teil davon. Denn Hilde Knef hatte so viele Leben, so viele Karrieren und Stationen, dass sie unmöglich in einen Film passten. „Hilde“, so lautet der betont schlichte Titel des Films, der nun am 5. Januar, eine Woche nach ihrem 90. Geburtstag, noch einmal im Zoo Palast gezeigt wird. Er lehnt sich größtenteils an ihren ersten Bucherfolg an, die Autobiographie „Der geschenkte Gaul“. Und beschreibt ihr „Hin und Her“ in den Jahren zwischen 1944 und 1966. Wie sie noch zu Kriegszeiten von einer Karriere unter Goebbels träumt und sich mit einem hohen Nazi einlässt. Wie sie nach dem Krieg halb verhungert im Schlossparktheater erste Erfolge feiert. Einen amerikanischen GI heiratet, mit ihm in die USA zieht, auf eine Hollywoodkarriere hofft und dort versauert. Wie sie reumütig nach Deutschland zurückkehrt, in einem gewagten Film mitspielt und plötzlich zur Buhfrau der Nation wird: „Die Sünderin“. Wie sie im zweiten Anlauf doch die USA erobert und, als erste Deutsche überhaupt, Triumphe am Broadway feiert. Und wie sie sich, als ihre Karriere erneut ins Stocken gerät, in den 60er-Jahren noch einmal ganz neu erfindet. Als Sängerin. Heute würde man sagen: als Singer/Songwriter, denn die Texte stammen alle von ihr. Aber auch als Marke. Die exzentrischen Wimpern inklusive. Hilde eben.

Der Film von Kai Wessel beginnt 1966. Mit dem Tag, als sie in der Philharmonie auftreten soll, als erste deutsche Künstlerin. „Ich werde das Gefühl nicht los“, sagt diese Hilde gleich zu Beginn, „dass sie mich hassen werden.“ So ein Gefühl muss auch Heike Makatsch gehabt haben, als sie diese Rolle annahm. Makatsch war bis dato die ewige Ex. Die Ex-Viva-Moderatorin. Das Ex-Girlie der Nation. Auch die Ex von Daniel Craig, bevor der James Bond wurde. Keiner mochte glauben, dass das kieksende Mädchen es einmal zur Schauspielerin bringen würde. Sie hat es dann doch allen gezeigt. Aber sich an Hilde Knef zu wagen, das war noch mal eine ganz andere Liga. Eine Gratwanderung. Eine Reifeprüfung.

Heike Makatsch studierte alle Auftritte der Diva

Zu der Idee kam es durch Zufall. Die britische Produzentin Judy Tossell hatte bereits zwei Filme mit der Makatsch gemacht, „Almost Heaven“ und „Schwesterherz“ (bei dem die Makatsch auch das Drehbuch geschrieben hat). Sie wollten einen dritten Film zusammen drehen, wussten nur noch nicht, worüber. Sie trafen sich beim Kuchi in Berlin. Als die Produzentin eintraf, saß die Schauspielerin schon da. Und las eine Hilde-Biographie. Da hatte sie viele Parallelen entdeckt. Etikettiert zu werden. In der Öffentlichkeit zu stehen. Und es hat Klick gemacht.

Heike Makatsch hat andere Angebote abgelehnt, um diese Filmbio machen zu können. Schon im Herbst 2006 sollte es losgehen, aber die Finanzierung schleppte sich hin. Auch das Konzept war noch nicht schlüssig. Ursprünglich sollte der Film sich auf die Jahre in Amerika fokussieren, das erwies sich aber als zu enger Rahmen. So gab es noch eine und noch eine Drehbuchfassung, 17 am Ende, bis es im Sommer 2008 endlich los ging. Aber diese lange Verzögerung hatte einen Vorteil. Heike Makatsch studierte in dieser Zeit alle Auftritte der Diva, ahmte die verrauchte Stimme nach, die harte, abgehackte Diktion, das manchmal vulgäre Lachen. Sie studierte auch deren Musik, nahm eigens ein Jahr Gesangsunterricht und nahm 14 Lieder selber auf. Auch wenn sie erklärtermaßen nicht singen kann. Aber das ging der Knef ja auch nicht anders.

Heike wurde Hilde. Und „Hilde“ die Rolle ihres Lebens. Ihre Anverwandlung ist der große Trumpf dieses Films. In manchen Szenen meint man wirklich die echte Knef vor sich zu haben. Vor allem bei dem Konzert am Ende, das in der Philharmonie gedreht wurde und bei dem die Knef ihren größten Hit singt: „Für mich soll’s rote Rosen regnen.“ Die Musik der Knef, bekannte die Makatsch, die den Film am Dienstag persönlich vorstellen wird, sei für sie ein Schlüssel gewesen, „um in ihre Psyche hinein zu krabbeln“. Dadurch habe sie erkannt, dass die Knef beides war: stark und mutig, aber auch gebrochen und ängstlich. Als sie das gelernt hatte, habe sie angefangen, „sie zu lieben“. Und auch eine gewisse Seelenverwandtschaft entdeckt. „Ich bewundere sie als Künstlerin. Und als Frau fühle ich mit ihr und kann mich identifizieren, Inspirationen von ihr bekommen.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie nach: „Aber zum Teil denke ich mir auch, puh, nicht einfach gewesen, sie zu sein.“

„Hilde“ Zoo Palast, 5. Januar, 20 Uhr, in Anwesenheit von Heike Makatsch, Regisseur Kai Wessel und Produzentin Judy Tossell. Ein Wertgutschein in Höhe von 2 Euro beim Kauf einer Eintrittskarte in der Sonntagsausgabe der Morgenpost.