Ausstellung

„Bilder sind die besten Augenzeugen“

„Die schwarzen Jahre“: Eine großartige Schau im Hamburger Bahnhof beleuchtet die Sammlung der Nationalgalerie während der NS-Zeit

Bilder erzählen Geschichten: Zwei Selbstporträts von Karl Hofer.  Das erste war 1937 beschlagnahmt und versteigert worden, worauf Hofer darauf ein Zweites (r.) anfertigte. Beide sind nun gemeinsam im Hamburger Bahnhof zu sehen

Bilder erzählen Geschichten: Zwei Selbstporträts von Karl Hofer. Das erste war 1937 beschlagnahmt und versteigert worden, worauf Hofer darauf ein Zweites (r.) anfertigte. Beide sind nun gemeinsam im Hamburger Bahnhof zu sehen

Foto: Soeren Stache / dpa

Es ist ein gewaltiger Aufschlag in Schwarz: In Karl Hofers „Schwarzen Zimmern“ lauert der Schrecken wie auf einer geisterhaften Theaterbühne. In der Mitte steht ein Mann, nackt, eine Trommel in der Hand, das Gesicht gleicht einer Maske, leer und schwarz die Augen. Drei Männer im Hintergrund schieben dunkle Wände wie Kulissen hin und her, der Blick aus dem Fenster fällt ins Nichts. Die erste Fassung, 1928 entstanden, trug noch den Titel „Der Trommler“ – so hat sich Hitler seit 1919 einige Male selbst bezeichnet. „Die schwarzen Zimmer“ entstanden in der zweiten Fassung 1943 – nachdem Hofers Atelier durch Bombenangriffe komplett zerstört wurde. Ist das Bild in dieser Fassung eher eine Mahnung wie in Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“? Da gibt es unterschiedliche Interpretationen.

„Fall Gurlitt“ hat Aufmerksamkeit für NS-Zeit verstärkt

Der Berliner Maler steht dann auch im Zentrum der großartigen Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichte einer Sammlung. 1933 bis 1945“ im Hamburger Bahnhof. Der Titel ist eine Anlehnung an Hofers zweite Bildfassung. Die Nazizeit hat schmerzhafte Lücken im Bestand der Nationalgalerie hinterlassen. Über 500 Werke aus der Sammlung wurden konfisziert, verkauft oder gar vernichtet. Seit dem „Fall Gurlitt“ hat das Thema des NS-verfolgungsbedingten Entzuges von Kunstwerken breite öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. In dieser Schau geht es aber nicht um die Lücken im Bestand, sondern um jene Werke, die in diesen Jahren angekauft wurden, beschlagnahmt und/oder für das Haus eine besondere Rolle spielten.

So wie eben Hofers „Schwarze Zimmer“. 1934 hatte Hofer seine jüdische Frau Mathilde gebeten, die Scheidung einzureichen, damit er Karriere machen konnte. Das half nichts. Er wurde trotzdem als Berliner Hochschullehrer entlassen und mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt. Acht seiner Werke waren in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München zu sehen, auch sein „Selbstbildnis“ von 1935 mit Pinsel in der Hand. Als „international verwertbar“ eingestuft wurde es 1939 in Luzern versteigert. Der Kunsthändler Fritz Steinmeyer ersteigerte es für den amerikanischen Sammler Paul E. Geier. Für 2500 Schweizer Franken.

Später ging die Familie Geier nach Rom, Hofers Porträt zog mit an die Piazza Navona, wo es jahrzehntelang hing. So jedenfalls erzählt es Tobias Hörl aus München, der die Familie Geier seit seiner Kindheit kennt. Zuletzt hatte Hofer bei ihm in München sein temporäres Domizil. Der Vermögensverwalter war es, so zumindest erzählt er es, der die Witwe Gabriele Geier überzeugte, Hofers Gemälde an die Nationalgalerie zu geben. Nun hängt das Selbstbildnis neben einer zwei Jahre älteren Fassung von 1937. Zwei Jahre Leben, die Spuren im Gesicht des Malers sind nicht zu übersehen. Kantiger ist er, tiefe Falten, so jedenfalls sah sich Hofer selbst. Karriere macht Hofer nach dem Zweiten Weltkrieg, er wird Direktor der Hochschule der Künste. Seine „Schwarzen Zimmer“ werden auf der Documenta 1955 in Kassel gezeigt. Mathilde, seine Exfrau, überlebte diese Jahre nicht, sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Es sind diese sehr unterschiedlichen Geschichten in der Geschichte, die diese leise, eindringliche Ausstellung mit 60 Exponaten so spannend machen. „Bilder sind die besten Augenzeugen“, so beschreibt es Direktor Udo Kittelmann. Allerdings gibt es noch keine vollständige Liste der in der Nazizeit erworbenen Exponate für die Nationalgalerie.

„Schwarze Zimmer“ verstehen sich als Auftakt der „Neuen Galerie“, die die Nationalgalerie während ihrer Schließzeit im Hamburger Bahnhof präsentiert. Das Haus am Kulturforum wird saniert und soll im Jubiläumsjahr 2019 wieder eröffnen – im leeren Zustand als Architekturikone.

Doch wie kommt bloß Arnold Böcklins wundersame „Toteninsel“ von 1883 in die Schau? Gleich daneben hängt eine Fotografie, die Hitler neben dem Gemälde zeigt. Der Führer liebte das Motiv, es zierte den repräsentativen Musiksalon im Reichskanzlerpalais. Als Kriegsbeute kam die „Toteninsel“ in ein Kloster bei Moskau. Erst 1980 konnte es für die Nationalgalerie erworben werden.

Einige „Schreckenskammern“in deutschen Museen

Der Maler Erwin Hahs dagegen tat alles, um Hitlers Auftrag für ein Porträt mit den Mitteln der Kunst zu sabotieren. Er malte den Diktator in einem gespenstischen Umhang vor flammenden Ruinen. Das gefiel dem natürlich gar nicht, er bekam die Leinwand zurück. Darauf malte Hahs nun sein „Großes Requiem“ mit antikem Helden. Dieses Bild gelangte über seine Familie in den 70er-Jahren an die Nationalgalerie. Im Rahmen der Recherche für die „Schwarzen Jahre“ wurde es geröntgt. Und siehe da – der markante Schnauzbart tauchte unter der Malschicht wieder auf.

Nun war es nicht so, dass die Naziideologen klar definiert hatten, was als „entartet“ in den Museen aussortiert werden musste. Expressionistische Werke waren ihnen ein Dorn im Auge, abstrakte Stile der Moderne, Antikriegsthemen, gestrichen wurden auch jüdische und kommunistische Künstler. Seit 1933 wurden in einigen deutschen Museen „Schreckenskammern“ eingerichtet, die solche Werke diffamierten. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München hatte mehr als zwei Millionen Besucher. In 30 deutschen Museen hatte eine Kommission der Reichskammer für Bildende Kunst Werke konfisziert, insgesamt 20.000 wurden beschlagnahmt.

Nicht zu übersehen ist, dass „Die schwarzen Jahre“ eine Folie sind für ein künftiges Museum der Moderne am Kulturforum. Das neue Haus wird stark mit der umfangreichen Sammlung, die aus Platzmangel nur teilweise in der Nationalgalerie präsentiert werden konnte, arbeiten. „Museen werden sich künftig politischer verhalten müssen“, glaubt Udo Kittelmann, „ihre Stimme stärker erheben“. Die schwarzen Jahre sind ein guter Anfang.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51. Di, Mi, Fr 10–18 Uhr. Do 10–20 Uhr. Sa/So 11–18 Uhr. Bis 31. Juli. Katalog (Verbrecher Verlag): 25 Euro. Führungen: Sa, 14 Uhr.