Das „Kind aus Mitte“ ist im Westen ziemlich glücklich angekommen und verbucht gleich einen Publikumsrekord: Nach einem Jahr im Amerika Haus zählt die C/O Berlin 250.000 Besucher. Zu Hochzeiten im Postfuhramt mit der Schau der US-Starfotografin Annie Leibovitz zählte das Haus 180.000, der Durchschnitt liegt bei 150.000 Besuchern. Bekanntlich zieht ein Neustart immer, zumal viele sich unbedingt die Retro-Chic-Architektur des denkmalgeschützten Hauses anschauen wollten. Hinzu kommen Blockbuster-Shows wie „100 Jahre Leica“ und Sebastião Salgado. Oder Will McBride mit seinen hedonistischen Berlin-Klassikern „Ich war verliebt in diese Stadt“.

Bei dieser Mischung konnte eigentlich nicht viel schiefgehen, zumal C/O über die Jahre hinweg ein treues Fanpublikum pflegt. Nachtschwärmer dürfen sich freuen. Zum Jahrestag am Freitag sind die drei aktuellen Ausstellungen bis Punkt Mitternacht geöffnet: „Augen auf!“ mit Leica-Fotografien, „Landsleute 1977–1987“ von Rudi Meisel und die „Talents“ sind zu besichtigen.

Das sanierte Amerika Haus mit den wasserblauen Mosaiken hat seinen Platz zurückerobert in der Topografie der City West rund um den Bahnhof Zoo und der Nachbarschaft zum Museum für Fotografie. Auch für Studenten der nahe gelegenen Universität der Künste ist es Anlaufziel nicht nur für Latte macchiato geworden. Während auf der anderen Seite des Bahnhofs die neue Eleganz des Westens in Gestalt von „Waldorf-Astoria“ und Bikini Berlin lockt, ist das Eck ums Gebäude jedoch noch immer eine Schmuddelecke. Doch das sieht keiner tragisch beim
C/O-Team. Jammern hilft nicht, anpacken, selber saubermachen. „Just do it“, so der Slogan von Stephan Erfurt, Chef von C/O. Wie ein Mantra ist das, aber wahrscheinlich braucht er so einen Satz, nach den Jahren der Unsicherheit ohne festen Standort.

Offene und lebendige Galerie mit Café und Bookshop

Während das Postfuhramt sich als steinerne Burg nach außen präsentierte, fließt jetzt viel Licht durch die großen Fenster in das Ausstellungshaus. Alles wirkt offen, und irgendwer sitzt immer im Café oder stöbert nebenan im Bookshop in Neuerscheinungen oder Ausstellungskatalogen. Das animiert die Fußgänger draußen zum schnellen Hineingehen. Im Museumsjargon nennt man das „erhöhte Aufenthaltsqualität“.

Neuerdings kämen viele Besucher aus Charlottenburg und mehr Schulklassen als früher, hat Erfurt ermittelt. Eine neue Bürgerlichkeit ist eingezogen. So hat sich das Alter erhöht, der Durchschnitt liegt bei 40 bis 50 Jahre. In Berlins hipper Mitte waren die C/O-Fans jünger, 30 bis 40 Jahre. „Aber wir sind ja auch älter geworden“, findet Erfurt, „wir sind jetzt eine Institution.“

Am Freitag der kommenden Woche eröffnet die nächste große Ausstellung mit 600 Fotografien von Anton Corbijn. Für C/O durchaus ein Experiment, weil erstmals das ganze Haus für nur eine Retrospektive freigeräumt wird, Etage 1 und 2. Bislang laufen stets drei oder vier Ausstellungen parallel, damit die Mischung stimmt, „jeder für sich etwas findet“, erklärt Erfurt. Herbert Grönemeyer wird die Eröffnungsrede für Corbijn halten, die beiden kennen sich aus Londoner Zeiten, sind sehr gut befreundet. Die Schau besteht aus zwei Teilen: „Hollands Deep“ bietet einen Überblick über das Werk der vergangenen 40 Jahre – von den frühen schwarz-weiß Fotografien bis hin zu persönlichen Projekten und konzeptuellen Serien. „1-2-3-4“ präsentiert seine Arbeiten aus der Musikwelt. Bilder von Bands und Musikern, die der Fotograf begleitet hat, die Rolling Stones, U2, Nirvana, Nick Cave, Tom Waits und ja, Herbert Grönemeyer.

Zwar braucht ein Haus wie C/O künstlerische Experimente im Wettbewerb der Stadt, dennoch ist damit immer ein finanzielles Wagnis verbunden. 70 Prozent des Umsatzes macht das Fotohaus, das ohne Subventionen auskommt, durch die Ticketeinnahmen. Der Rest muss über Sponsoren und den Verein eingeworben werden.

Freilich ist die Großwetterlage für Spenden nicht immer die gleiche, und so ist Erfurt mittlerweile zum obersten Spendensammler geworden, der – von London bis München – in der ganzen Welt – unterwegs ist, um Gelder einzutreiben. „Das ist manchmal so, als würde ich die Nadel im Heuhaufen suchen“, meint er. Leichter sei es, für Bildungsprogramme einen Zuschlag zu bekommen als für große Ausstellungsprojekte.

Durch „finanzielle Fegefeuer“ zu gehen, ist er gewöhnt. Die Grundsanierung des Amerika Hauses hat das Land Berlin als Eigentümer übernommen. Doch 1,6 Millionen Euro musste das inzwischen von einer Stiftung getragene Ausstellungshaus selbst aufbringen. Am 1. November muss Erfurt die erste Jahresmiete ans Land überweisen, das sind 250.000 Euro. Nicht gerade das, was man Kulturförderung Berlin nennen kann. Nun ist Erfurt nicht der Typ, der groß klagt, dazu läuft es zu gut, aber es ist so, dass er sich schon ein wenig Rückendeckung durch das Land wünschen würde. Ein Erbpachtvertrag beispielsweise wäre eine Lösung, der gäbe eine andere Sicherheit. Da ist er selbstbewusst genug, schließlich ist die C/O Berlin ein Leuchtturm unter den Berliner Ausstellungshäusern.

Gemeinsame Werbung mit dem Museum für Fotografie

Derzeit arbeitet Erfurt an einer Kooperation mit den Staatlichen Museen, zu dessen Verbund das Museum für Fotografie in der Jebensstraße gehört. Stiftungspräsident Hermann Parzinger war schon zu Besuch. Erfurts Ziel ist es, dass die Häuser gemeinsame Öffnungszeiten anbieten, sich auf längere Öffnungszeiten am Donnerstagabend verständigen und vielleicht künftig zusammen werben für das „Quartier F“ in der City West. Mal sehen, was da zu drehen ist.

C/O Berlin, Hardenbergstr. 22. Jubiläum: Freitag, kostenfreier Eintritt, geöffnet bis Mitternacht