Germaine Krull war, das wird schnell klar beim Rundgang durch die Schau, eine ganz und gar besondere Frau. Selbstbewusst, ja burschikos und lässig im Auftritt, der Blick streng, die Haare kurz und eigentlich immer eine Zigarette in der Hand, was selbst im Paris der 20er- und 30er-Jahre als frivol galt. Es ist verblüffend, wie unglaublich viel sie erlebt und gemacht hat, in Zeiten, als es noch gar keine Billigflieger gab.
Darüber allein ließe sich fast ein Buch schreiben: 1920 schließt sie sich mit 23 Jahren (in Ostpreußen geboren) den Kommunistischen Revolutionären in München an. Das kommt in Bayern gar nicht gut an, sie wird verbannt, geht nach Berlin. Als sie im Jahr darauf in Moskau die „Kommunistische Internationale“ besucht, wird sie verhaftet. Irgendwann schreibt sie ihre Jugenderinnerungen auf, „Chien fou“ (Verrückter Hund), doch die will keiner lesen. In Bangkok leitet sie zwei Jahrzehnte später das im Krieg zerstörte Hotel „Oriental“, in Indien lebt sie in den 60er-Jahren mit geflohenen Anhängern des Dalai Lama in einem alten Tempel.
Wo immer sie auch war, fotografiert hat sie eigentlich immer. Ihr Werk ist ungewöhnlich breit aufgestellt, vom Neuen Sehen inspiriert und vom Surrealismus, aber auch wieder ganz frei und eigen in der emotionalen Gestimmtheit – und genau darum geht es in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Die Wiederentdeckung der Germaine Krull als Avantgardistin der Fotografie.
Anfangs fotografiert sie zwielichtige Tänzerinnen, macht ziemlich erotische Aktfotos von jungen Frauen. Einige Jahre später in Paris wagt sie sich an die Modeentwürfe von Sonia Delaunay. Die Bohème-Kreise stehen ihr in der Seine-Stadt offen, da passt sie gut rein. Ein nicht kleiner Teil der Schau widmet sich dann auch ihren Paris-Reportagen. Sie ist unterwegs in Varietés, geht auf Jahrmärkte am Montmartre, besucht „Les Halles“ bei Nacht, stöbert in der Markthalle Violette oder wandert durch Seitenstraßen des Marais’. Es sind die dunklen, melancholischen Seiten von Paris, so jedenfalls wirken all diese Bilder in ihrer düsteren Ästhetik.
Am stärksten sind „Mes fers“ (meine Eisen). Stahl und Eisen haben es ihr angetan als fotografische Objekte, die ein seltsames Eigenleben gewinnen. Kräne tanzen wie grafische Zeichen in den Himmel hinein, Brückenverstrebungen wirken wie feinste Ornamente und gestapelte Scharniere wie strenge Reihungen. Und immer wieder der Eiffelturm. Es ist tatsächlich so, dass Germaine Krull am besten ist, wenn sie am abstrakten Gegenstand bleibt, ihn mit den Mitteln des Lichts verwandelt, verzaubert und zum Leben erweckt. Wie etwa die herumstehenden Kohleschütten, die plötzlich aussehen wie mehrere offene, schnatternde Vogelschnäbel.
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner-str. 7. Mi–Mo, 10–19 Uhr. Bis 31. Januar

