Kunst

Sammlung des Schah in Berlin - Wie der Coup zustande kam

Picasso, Warhol & Co. – eine Auswahl der Schah-Kollektion – kommen 2016/17 nach Berlin. Gerechnet wird mit einer halben Million Besucher.

Jackson Pollock's Gemälde „Mural on Indian Red Ground“ tauchte vor zwei Jahren bei einer Ausstellung in Tokio auf. Damit war die Schah-Sammlung wieder in der Welt

Jackson Pollock's Gemälde „Mural on Indian Red Ground“ tauchte vor zwei Jahren bei einer Ausstellung in Tokio auf. Damit war die Schah-Sammlung wieder in der Welt

Foto: REUTERS / YURIKO NAKAO / REUTERS

Günther Schauerte ist ein versierter Museumsmann. Doch als ihm da das monumentale Triptychon „Two Figures Lying on a Bed with Attendants“ von Francis Bacon aus dem Hängeregal geschoben wird, denkt er: „Was für ein Kracher.“ Der Kurator zieht ein Meisterwerk vor den Augen des Vizechefs der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach dem anderen ans Licht: Monet, Pissarro, Kandinsky, Klee, Picasso, Lichtenstein, Warhol. Als Schauerte am offenen Skulpturengarten des Museums vorbeifährt, sieht er Max Ernsts „Capricorn“ aus Bronze dort im Park stehen, Ulla und Heiner Pietzsch besitzen das Modell dazu. Und dann ein Giacometti, 1,80 Meter ist die Figur, und gleich mehrere Henry Moors. „Das ist ein Gang durch die Kunstgeschichte“, meint Schauerte. „Von den 1880er-Jahren bis 1978. Die letzte Erwerbung kommt aus dem Jahr.“ Ein Jahr vor dem Sturz des Schahs in Persien.

Kaum zu glauben, im Museum of Contemporary Art (TMoCA) mitten in Teheran befindet sich die größte Sammlung zeitgenössischer Kunst außerhalb Europas und der Vereinigten Staaten. Jahrzehntelang waren die Bilder und Skulpturen im Keller des Gebäudes weggesperrt, unsichtbar für die Öffentlichkeit – und nahezu vergessen. Nach der Iranischen Revolution und der Vertreibung des letzten persischen Schahs und seiner Frau 1979 wusste keiner genau, was mit der Kollektion passiert war. Es ist ähnlich wie mit kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern: aus den Augen, aus dem Sinn. Schauerte ist ein Coup gelungen: Picasso, Warhol & Co. – eine Auswahl der Schah-Kollektion – kommen 2016/17 nach Berlin.

Die versunkenen Schätze der letzten Kaiserin ans Licht gehoben

Für Teheran ist es der erste Schritt, eine neue Offenheit zu demonstrieren, und Berlin bekommt ein Ausstellungshighlight, das auch international Beachtung finden wird. Die versunkenen Schätze der letzten Kaiserin ans Licht gehoben – eine ziemlich gute Schlagzeile. Mitte Oktober also reist Schauerte in die iranische Hauptstadt, auf Einladung und in Begleitung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der dort auf politischer Mission ist. Das Atomabkommen und der Krieg in Syrien stehen auf der Agenda. Aber auch Schauertes kulturpolitischer Einsatz gehört dazu. Diplomatie mit den Mitteln der Kunst. Auf Berliner Museumsebene ist der Deal schon länger vorbereitet worden. Wie das genau funktioniert, darüber spricht Schauerte nicht, das sind ganz dünne Bande, die geknüpft werden über vielen Ebenen hinweg.

Schauerte hat dann am 17. Oktober im Beisein von Frank-Walter Steinmeier das entsprechende „Memorandum of Understanding“ unterschrieben. Er hebt die Kopie eines Fotos hoch, die er aus Teheran bekommen hat. Alles sehr offiziell, mit den Fahnen beider Länder im Hintergrund, das Bild zeigt sehr schön die Fallhöhe dieser Vereinbarung. Steinmeier schaut dem Preußen-Vize bei der Unterzeichnung über die Schulter. Der iranische Vize für Kultur, Ali Moradkhani, seinem Museumsdirektor Majid Mollanoruzi. Ihm ist es wohl zu verdanken, dass sich das iranische Kulturministerium in letzter Zeit geöffnet hat. Jedenfalls ist man dort ziemlich optimistisch, die „Tehran Times“ spricht von 500.000 Besuchern der Berlin-Schau.

Weltweit kaufte Farah Diba in großem Stil ein

Farah Diba, Ehefrau des Schahs, war es,die die Sammlung zusammenstellte. Die Kunst war vorgesehen für das neue Museum für Gegenwartskunst, eben das TMoCA, das 1977 eröffnet wurde. Von innen ähnelt es in seiner Spiralenform dem Guggenheim in New York, außen blanker Sichtbeton – kaum verwunderlich, sollte das Haus doch ein Symbol sein für die Verbindung zur westlichen Kultur.

„Die Sammlung war mit Sachverstand an- und auf Spitzenwerke ausgelegt“, erzählt Günther Schauerte. Vor ihm haben bereits Udo Kittelmann und das Team der Berliner Nationalgalerie die Werke im Depot gesichtet, sie hätten überhaupt die Basis gelegt für diesen Deal, sagt Schauerte. Die Nationalgalerie gastierte Anfang des Jahres mit Otto Piene im Teheraner Museum – so entwickeln sich Kontakte.

Farah Diba war kunstaffin, hatte in Paris Architektur studiert und ein Händchen für Kunst und Künstler. Weltweit kaufte sie in großem Stil ein, besuchte Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s, pflegte ihre Galerien. So kamen über die Jahre 1500 Werke zusammen. Das wäre auf dem heutigen Kunstmarkt, selbst mit sehr viel Geld, in dieser Dimension nicht mehr möglich. Dass die Kunstwerke nach dem Umsturz nicht zerstört, das Museum nicht geplündert wurde, ist ein Glück. Ein Warhol-Porträt der Kaiserin zerschlitzten die Revolutionäre. Die Ajatollahs hassten diese dekadenten, eitlen Bilder – in ihren Augen Geschenke des Satans.

Wahrscheinlich werden die Werke im Hamburger Bahnhof zu sehen sein

Vor etwa zwei Jahren tauchte in einer Ausstellung in Tokio ein Jackson Pollock auf. Das Action Painting „Mural on Indian Ground“ wird gehandelt als eines der absoluten Spitzenwerke des US-Malers, Spitze auch im Preis: rund 250 Millionen Dollar soll es wert sein. Damit war die geheimnisvolle Sammlung des Teheran Museums zurück in der Welt. Dazu passt, dass die Schah-Witwe Anfang des Jahres in einem „Welt“-Interview ihre Sammlung von damals auf etwa 100 Millionen Dollar einschätzte, heute geht sie von fünf Milliarden Dollar aus.

2016, spätestens 2017 sollen die Kunstwerke in Berlin zu sehen sein. Wo, ist noch unklar. Da die Nationalgalerie geschlossen ist, wird es wahrscheinlich der Hamburger Bahnhof sein. Die Werkliste steht auch noch aus, also die Auswahl der Exponate, die in die Hauptstadt kommen. Laut „Tehran Times“ sollen es 30 Werke sein – im Zusammenspiel mit 30 Arbeiten iranischer Künstler. Dass ist die Vorgabe aus Teheran. Wenn Schauerte einen Wunsch hat, dann den: Unbedingt mitbringen sollen die Kollegen das Urmodell von Christos Reichstagsverhüllung. Der ruhige Künstler entwickelte die Idee für Berlin bereits 1972 – in Pappe. Doch die deutsche Politik war damals noch nicht reif für das Projekt, es gab nur Ablehnungen. „Für Christo hatte sich das Werk in einer Phase 1977 offenbar erledigt“, glaubt Schauerte.

Erstaunlich sei, dass der Künstler das Modell nicht an das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) oder nach Deutschland verkauft habe, sondern nach Teheran. Gut vorstellbar, dass die letzte Kaiserin Christo irgendwo in Soho auf einer Vernissage bezirzt hat. Vielleicht kann das nicht jeder gleich verstehen, für Schauerte bedeutet dieses 70 Zentimeter große Exemplar ein Stück deutsch-iranischer Mentalitätsgeschichte. „Die Reichstagsverhüllung war ein Event, das die ganze Welt begeisterte. Seine künstlerische Verankerung aber hat es in Teheran - das ist völlig verrückt.“