Theater

„Zimmer im Hotel“: Das Hotel Savoy wird zur Bühne

Vicki Baums Berlin-Roman ist legendär. Nun belebt die Vagantenbühne auf ungewöhnliche wie sympathische Weise das Stück neu.

Willkommen:  Die mondäne Tänzerin Grusinskaja (Katharina Behrens) checkt ein

Willkommen: Die mondäne Tänzerin Grusinskaja (Katharina Behrens) checkt ein

Foto: Vaganten Bühne / Gernot Wöltjen

Man möchte Oliver Dupont gern in den Arm nehmen. Er sieht derangiert, ja erbärmlich aus. Das Hemd ist verschoben, das Knie rot gefärbt, blassblaue Shorts und dunkelgelbe Socken trägt er. Er kauert in der Ecke, lacht ein einsames Lachen, möchte sich im nächsten Moment aus dem Fernster schmeißen, ist auf einmal todmüde, hält sich an der Bettdecke fest, als sei sie sein letztes Schild vor dem Bösen der Welt.

Oliver Dupont sagt, er sei 46 Jahre alt und sagt, dass er unsterblich krank sei. Er sagt, er kenne nichts vom Leben, aber jetzt möchte er es kennenlernen, das richtige Leben, daher sei er auch hier, in Berlin, der Großstadt, und nicht mehr in seinen kleinem Städtchen, in der er zeitlebens war, als Buchhalter, Ehemann, treu sorgend und sparend. Jetzt habe er all sein Geld dabei, sagt er, aber das Vergnügen will sich nicht einstellen: „Kaviar, das ist auch eine Enttäuschung.“

Eine simple und zugleich bestechende Idee

Das ginge im übrigen gut, das ihn-in-den-Arm-nehmen. Oliver Dupont sitzt direkt vor einem. Seine Bühne, die Bühne des Buchhalters Kringelein, ist ein Zimmer im Savoy Hotel, und wir, die gut Dutzend Begleiter, sind seine Zuschauer. Wir sitzen auf Hockern, die für das Publikum aufgestellt wurden oder auf dem Sofa, das hier im Zimmer 502 zum Inventar gehört. „Man verlässt das Hotel nie so, wie man hereingekommen ist“, werden wir gegen Ende der 140 minütigen Aufführung hören.

„Menschen im Hotel“, der Roman von Vicki Baum wird in Berlin wieder aufgeführt. Das Stück, veranstaltet von der Vagantenbühne, wird fast durchgehend im Savoy Hotel gespielt, praktikabel ist das Vorhaben, denn Schauspieler und Zuschauer müssen nur die Fasanenstraße überqueren, wenn sie vom Hotel ins Theater wechseln..

Die simple und zugleich bestechende Idee, Vagantenbühne und Savoy zusammenbringen, hatte Regisseurin Joanna Praml. Die Institutionen passen zusammen, beide drohen trotz zentraler Lage beständig an den Rand gedrückt zu werden, sie führen einen Abwehrkampf gegen die Hotelketten, gegen die großen Theaterhäuser, gegen das ewig Neue, dem sie ihre Tradition entgegenhalten. Dass das Hotel Savoy im gleichen Jahr wie der Roman entstand, nämlich im Jahr 1929, ist dann noch eine nette Koinzidenz.

Anerkennung, Geld, Lebenszeit – irgendwas fehlt immer

Vicki Baum war zu dem Zeitpunkt Redakteurin der „Berliner Illustrierte Zeitung“, ihr Roman erschien in Fortsetzungen in dieser Zeitung, 1932 verließ die Jüdin, gesegnet mit einem Gefühl fürs Timing, das Land. Ihr Roman wurde mehrmals verfilmt, bereits 1932 mit Greta Garbor.

Joanna Praml nun hat den Stoff radikal gekürzt, ohne seine Uridee - der Mensch ist immer allein, aber ganz besonders im Hotel – anzutasten. Die Rolle des vereinsamten Kriegsveteranen Dr. Otternschlag hat sie gestrichen, übrig bleiben die Tänzerin Grusinskaja (Katharina Behrens), die in die Jahre kommt, der halbseidene Baron von Gaigern (Raphael Fülöp) und Preysing (Tilmar Kuhn), der Unternehmer am Abgrund. Wie vielfältig das Leben ist, zeigen die Drei zusammen mit Kringelein. Jeder ist auf seine Weise unglücklich: Anerkennung, Geld, Lebenszeit – irgendwas fehlt immer. Vergnügt ist nur das Bodenpersonal: Hotelboy (Leon Baschke ) und Stubenmädchen (Mariella Jurgella) sind überarbeitet, aber lebensfroh; Mariella Jurgella, die mit zuckrigem Lächeln immer wieder schamanenhaft darauf hinweist, was für eine tolle Gruppe man doch sei, hat zudem eindeutig eine therapeutische Ader.

Der eigentliche Härtetest steht noch bevor

Bis zu 17 Zuschauer umfasst eine Gruppe, vier Gruppen gibt es, die an vier unterschiedlichen Orten im Hotel das Geschehen sehr unmittelbar verfolgt. Der Abend ist kurzweilig, wer das Theater ansonsten meidet, weil es ja auch eine entsetzlich langweilige Stätte sein kann, der wird den Besuch nicht bereuen. Nur das Ende, als die vier Gruppen zusammengeführt werden und das Finale von der Hotelbar aus verfolgen, zieht sich ein wenig. Auf manche Volte, die Vicki Baum brauchte, um ihre Fortsetzungsgeschichte spannend zu halten, hätte Joanna Praml verzichten können.

Am heutigen Sonntag hat das Stück Premiere. Richtig interessant werden dann die Aufführungen im Januar, ein gefürchteter Monat in der Stadt. Dann werden die Zuschauer von der gut gewärmten Hotelbar aus die Schauspieler im Härtetest erleben, wenn sie in Abendkleidchen oder im dünnen Hemd auf der Terrasse spielen sehen.

Menschen im Hotel in der Vagantenbühne, Kantstrasse 12a, 1.11., 8.11., 15.11., 22.11., ab 18 Uhr

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