Berlin-Konzert

Yo la Tengo und die Musik schlafender Surfer

Lauter Coverversionen: Yo la Tengo führt ihren privaten Pop-Kanon im Neuköllner Heimathafen auf

In Karohemden und alten Jeans stehen sie auf der Bühne des ausverkauften Heimathafens. Sänger und Gitarrist Ira Kaplan trägt, scheint es, seit seiner Geburt dasselbe Ringel-Shirt. Basser James McNew sieht noch immer eher wie ein Computernerd aus und Drummerin Georgia Hubley wie die jüngere Schwester von Moe Tucker, der Schlagzeugerin von The Velvet Underground. Nur, dass die Band um Lou Reed und John Cale in den 60er-Jahren mitten in Manhattan spielte, im Umkreis von Andy Warhol, dem damaligen King of Cool. Yo la Tengo hingegen kommen aus Hoboken, einem Städtchen im von New Yorkern gern belächelten New Jersey. Das dürfte ein Grund sein, warum Yo la Tengo nie so bekannt wurden wie Sonic Youth.

Seit 30 Jahren ist die Band schon zusammen

In Neukölln spielen Yo la Tengo an diesem Abend ein rein akustisches Set. Passend zum neuen Album „Stuff like that there“, das vor allem aus ruhigen Coverversionen besteht, lassen sie alle zehnminütigen Feedback-Orgien, für die sie auch bekannt sind, in der Garderobe. Einige Fans finden das nicht gut. Zwischenrufe nach mehr Rock werden jedoch freundlich ignoriert. Stattdessen operiert die Band zwei Stunden lang knapp über der Hörgrenze. Gleich „Season of the Shark“ kommt wie die Musik schlafender Surfer daher: mehrstimmiger Harmoniegesang, mit Besen gestreichelte Drums.

Auf der Tour dabei ist auch Dave Schramm, seit 1990 kein offizielles Bandmitglied mehr. Eine schöne Reunion. Schramm hängt über seiner hochgeschnallten Telecaster, spielt, akribisch wie ein Studienrat, Arabesken und tollste Mini-Soli – 20 Sekunden Klangarchitektur, die einem vorführen, wo der Unterschied liegt zwischen nur guten und denkenden Gitarristen. Ira Kaplan hört genau hin, was Schramm da macht. Immer wieder muss er lächeln.

Seit 30 Jahren sind Yo la Tengo nun bereits zusammen. Das merkt man dann doch auch bei jedem Takt. Die simplen Grooves, die Georgia Hubley im Stehen spielt, begleitet von selten mehr als drei Akkorden, können so federnd, so raumfüllend nur funktionieren, wenn sie wie eine Einheit klingen.

Das Versprechen der Popmusik, mit einfachsten Mitteln Umwerfendes zu schaffen – bei Yo la Tengo wird es eingelöst. Was vermutlich an der Selbstverständlichkeit liegt, mit der sie tun, was sie tun. Aber auch mit ihrem enzyklopädischen Pop-Wissen, das paradoxerweise die Grundlage bildet für Bescheidenheit.

Fast jedes Konzert der aktuellen Tour besteht aus anderen Songs. The Cure, Devo, Jackson Browne, Hank Williams und natürlich The Velvet Underground – alle haben Platz in Yo la Tengos privatem Pop-Kanon. Eigenes und Gecovertes gehen mit größter Selbstverständlichkeit ineinander über. Kaum ein Lied überschreitet die gute, alte Radiolänge von dreieinhalb Minuten. Aber es könnte auch ein einziges langes Stück sein.

Hubley, Mitte 50, singt „Friday I’m in Love” wirklich wie ein kleines Mädchen auf dem Weg ins Wochenende, das zum ersten Mal verliebt ist. Das Original „Summer’s what you make it” danach fällt kein bisschen ab. Ihre Version von Hank Williams Klassiker „I’m so lonesome I could cry“, dem wohl traurigsten Song der Welt, ist so leise, man hört jeden Kronkorken im Heimathafen fallen. „Deeper into Movies“ spielen sie im Zugabenblock ganz ohne Schlagzeug. Nur am Ende tickt Hubley den Beat mit ihren Fingernägeln auf die Becken, als wolle sie die Grenze zur Stille markieren.