Literatur

Leben mit dem Jackpot

Auf einmal Bestseller-Verlag: Matthes &Seitz Berlin bringt den Gewinner des Buchpreises heraus. Ein Treffen in Prenzlauer Berg.

Andreas Rötzer, Geschäftsführer bei Matthes & Seitz: Einen elitären Verlag möchte er nicht leiten

Andreas Rötzer, Geschäftsführer bei Matthes & Seitz: Einen elitären Verlag möchte er nicht leiten

Foto: Amin Akhtar

Vom Verleger Axel Matthes ist ein spontihafter Satz überliefert: „Wenn wir einen Bestseller haben, wissen wir, dass wir etwas falsch gemacht haben.“ Andreas Rötzer, der Axel Matthes 2004 nachfolgte, hat im vergangenen Jahr den Knalleffekt der Aussage ein wenig runtergedimmt, schließlich habe sich ja auch Axel Matthes über Bestseller gefreut. Aber wenn ein Verlag bestsellerverwöhnt sei, das sieht Andreas Rötzer genauso, schaffe er andere Strukturen, die wiederum ein anderes Programm nach sich ziehen.

Das werden wir jetzt mal sehen. Denn Andreas Rötzer hat nicht nur einen Bestseller gelandet, sondern den Jackpot des Jahres geholt: Sein Autor Frank Witzel hat vergangene Woche den Deutschen Buchpreis gewonnen. So ein Aufkleber „Buchpreis des Jahres“ steigert die Auflage irgendwo zwischen 50.000 und 500.000 Stück. Dass diese Auszeichnung am vorvergangenen Montag ausgerechnet Frank Witzel entgegennahm, ist nun weder für den – eher weniger bekannten – Autor noch für – den eher kleineren – Verlag Matthes & Seitz eine Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte. Aber fast.

Frank Witzel, Jahrgang 1955, im Hessischen geboren und auch dort verblieben, war eine Randerscheinung in der Literatur, seine Werke waren bei Edition Nautilus erschienen, nichts in Lebensweg und Schriften deutete auf einen Publikumserfolg hin, schon gar nicht mit seinem neuen Werk, das 800 Seiten lang ist. Sein Werk „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“, so der mutmaßlich lustig gemeinte Titel, lag nun bei den Verlagen auf den Schreibtischen. Und lag und lag. „Klatschthema Nummer 1 auf der Messe war die Liste der Verlage, die Witzel abgelehnt hatten, bevor sich dann Matthes und Seitz der ,Erfindung…‘ erbarmte“, hat Schriftsteller Helmut Krausser während der Buchmesse auf Facebook geschrieben.

Auch Andreas Rötzer kreiste um den Roman. Lange kam er nicht dazu, ihn zu lesen. Matthes & Seitz Berlin ist nicht nur ein Verlag, bei dem der Verleger alle Bücher selber liest, sondern er bringt vor allem viele heraus, deutlich mehr als es der Schnitt der Branche ist. Zwischen 50 und 60 Bücher sind es pro Jahr.

„Den Leser interessierenn ernsthafte Inhalte“

Einen elitäreren Verlag möchte er nicht leiten, sagt er, ein Blick ins Verlagsprogramm zeigt jedoch, dass er keine gängige Ware anbietet. Eine „Anthropologie des Wassers“ finden wir, Briefe des Mathematikers Blaise Pascal, osteuropäische und russische Erzähler. „Man darf den Leser nicht unterschätzen und sollte ihm zutrauen, dass ihn ernsthafte Inhalte interessieren“, sagt er. In einem anderen Interview hat er es noch lässiger formuliert. „Im Grunde kann der Leser Bücher von Matthes & Seitz Berlin lesen und erfährt alles, was er wissen muss.“

Der Verlag kreist um die schwarze Null, in einem Jahr bleibt was übrig, in einem anderen nicht. Er wurde 2004 neu gegründet, Andreas Rötzer übernahm ihn von Axel Matthes, der ihn wiederum mit Claus Seitz 1977 in München gegründet hatte. Der Verlag lieferte Stoff für Intellektuelle, galt aber auch als leicht anrüchig, da er mit Botho Strauß und Hans-Jürgen Syberberg Autoren verlegte, die politisch nicht einfach zu verorten waren: „Der Verlag war Antimainstream und der intellektuelle Mainstream war in den 80er-Jahren links. Und der Antimainstream war anti-links, aber nicht gleichzeitig rechts“, sagt Andreas Rötzer. Der Verlag war ein Kind seiner Zeit und als das Links-Rechts-Schema in den 90er-Jahren seine ordnende Kraft verlor, hatte Matthes & Seitz seine besten Jahren hinter sich.

Matthes & Seitz Berlin führt ein romantisches Dasein

Andreas Rötzer hat den schleichenden Verfall miterlebt. Und zwar direkt an der augenscheinlichsten Stelle, in der Buchhaltung. Als er den Verlag mitsamt seiner Tradition und den Autoren, aber nicht den Schulden übernahm, war er 32 Jahre alt. Dass er die Pleite seines Vorgängers unmittelbar mitbekommen hatte, war vielleicht keine schlechte Schule und mag auch ein Grund dafür sein, dass Blumenbar und Tropen Verlag, die anderen Indie-Hits der Nullerjahre, mittlerweile in Großverlage eingebettet sind. Matthes & Seitz Berlin hingegen führt ein geradezu romantisches Dasein.

Der Verlag sitzt in zwei Ladengeschäften in der Göhrener Straße, einer kleinen Nebenstraße in Prenzlauer Berg, er ist Teil der sogenannten Kiezkultur, er gibt nur die Bücher heraus, an die der Verleger inhaltlich glaubt, die auch liebevoll gestaltet sind und wer den Laden betritt, der muss die hoch gestapelten Bücher auf dem Couchtisch ein wenig verschieben, um den Kaffeebecher abzustellen. Mit anderen Worten: Wenn man die Geschichte im ZDF sehen würde, würde man nörgeln, was für ein Kitsch denn das nun wieder ist.

„Ein unendlicher Lesespaß und ein Brocken für Generationen von Literaturwissenschaftler“

Womit wir wieder bei Frank Witzel, der Cinderella des Jahres, wären. Ohne Beistand wäre sein Buch vielleicht gar nicht verlegt worden, aber er hatte Elisabeth Ruge an seiner Seite. Sie hat Berlin Verlag zu einer Größe gemacht und dann nach verwunderlich kurzer Zeit den Chefposten im Hanser Verlag Berlin verlassen und arbeitet nun als Agentin. Elisabeth Ruge habe „den Leseimpuls“ gegeben, sagt Andreas Rötzer. Als das Buch dann für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist er hoffnungsfroh, aber nicht optimistisch zur Preisverleihung gefahren. Favorisiert waren andere, zuvorderst Jenny Erpenbeck mit „Gehen, ging, gegangen“. Witzel ist es geworden, völlig zu Recht, meint Andreas Rötzer: „Ich bin überzeugt von der Bedeutung des Buches, es ist ein unendlicher Lesespaß und gleichzeitig ein Brocken für Generationen von Literaturwissenschaftler.“

Was sich nun durch den Buchpreis und dem ganzen schönen Geld für seinen Verlag verändern wird, man erfährt es an diesem Mittag nicht. Andreas Rötzer sagt dann solche formelhaften Sätze wie „wir wollen die Kraft nutzen des deutschen Buchpreises, um unsere Bücher noch besser zu betreuen“. Entweder weiß er oder will es nicht sagen, in einem Jahr solle man wiederkommen. Ein drittes Ladengeschäft, am besten in der Göhrener Straße, wäre natürlich eine Möglichkeit. Um noch mehr Bücher zu stapeln.