Film

Robert Zemeckis: „Hollywood traut sich nichts mehr“

Er ist eine Legende. Und doch musste der Regisseur zehn Jahre um seinen neuen Film kämpfen. Er beklagt die Mutlosigkeit der Studios.

Er ist Regisseur von Klassikern wie „Zurück in die Zukunft“ und „Forrest Gump“: Robert Zemeckis.

Er ist Regisseur von Klassikern wie „Zurück in die Zukunft“ und „Forrest Gump“: Robert Zemeckis.

Foto: Thierry Chesnot / Getty Images

Er ist ein wahrer Kinomagier. Nur wenige Regisseure wussten die neueste Filmtechnik stets so zu nutzen wie Robert Zemeckis. Der 64-Jährige hat Trick- und Realfilm mustergültig vereint in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“. Er hat das Morphing perfektioniert, hat Meryl Streep in „Der Tod steht ihr gut“ damit effektvoll den Hals umgedreht und Tom Hanks in „Forrest Gump“ in historische Aufnahmen mit bekannten Persönlichkeiten hineingemogelt. Dabei ist der US-Amerikaner keineswegs ein Technik-Freak, vielmehr einer, der die technischen Möglichkeiten stets nur als Handwerk nutzt, um einzigartige Geschichten zu erzählen.

Die vergangene Woche war nun eine echte Zemeckis-Festwoche. Am 21. Oktober kam noch einmal, für einen Tag, „Zurück in die Zukunft “ in die Kinos, seine Erfolgstrilogie aus den 80er-, 90er-Jahren, die ganz am Ende in die Zukunft des 21. Oktober 2015 sprang. Nur einen Tag später startete dann sein neuester Film „The Walk “, der von dem legendären Hochseilakt von Philippe Petit handelt, der 1974 ohne jede Absicherung zwischen den Türmen des World Trade Center hin- und herlief. Zemeckis hat das in 3D gefilmt. Endlich mal ein Film, der wirklich ein Thema wählt, das sich für 3D wirklich anbietet.

Man begegnet einem solchen Altmeister mit reichlich Respekt. Aber dann kommt uns im Berliner Hotel „Adlon“ ein gut gelaunter Mann entgegen, der einem schon von Weitem freundlich die Hand entgegenstreckt, sich mit „Bob“ vorstellt und dann ins Plauschen kommt. Nur wenn es um die neuen Herren in Hollywood geht, wird er streng und aufgebracht.

Berliner Morgenpost: Herr Zemeckis, am 21. Oktober ging es in den Kinos noch einmal „zurück in die Zukunft“. Wie fühlt man sich da?

Robert Zemeckis: „Zurück in die Zukunft“ ist vielleicht einer dieser Filme, der ewig bleibt. Aber der Großteil von ihnen wird vergessen, weil junge Menschen nichts gucken wollen, was älter als fünf Jahre ist. Klassisches Kino interessiert die nicht, da pfeifen die drauf.

Im neuen Film heißt es dagegen : zurück in die Vergangenheit. Zum 7. August 1974, als Philippe Petit den Drahtseilakt des Jahrhunderts absolvierte. Was hat Sie an dieser Wahnsinnstat gereizt?

Natürlich können Sie sagen, dass das Wahnsinn ist. Philippe würde es wohl eher Leidenschaft nennen. Für mich ist es etwas genuin Filmisches: Es ist todesmutig, riskant und unglaublich dramatisch. Da riskiert jemand alles, um seinen Traum zu erfüllen. Ich glaube, die meisten Menschen haben das Bedürfnis, sich kreativ auszudrücken. Ob sie nun einen Laib Brot backen, im Chor singen oder einen Text schreiben. Das Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken, ist universell. Deshalb können wir uns alle mit Philippe Petit identifizieren. Weil jeder auf seine Weise einen Drahtseilakt in seinem Leben vollbringt.

Aber ohne Absicherung in der Höhe zu balancieren, ist doch – entschuldigen Sie – schon etwas anderes, als im Chor zu singen. Muss man dafür nicht doch etwas verrückt sein?

Ich stimme mit Ihnen überein, das ist verrückt, ich würde das nie, nie tun. Aber vielleicht gibt es Leute, die das, was ich tue, auch verrückt finden. Das ist alles eine Frage des Standpunktes.

Ist so eine akrobatische Luftnummer auch eine Metapher fürs Filmemachen?

Aber ja. Jeder Film ist ein Drahtseilakt. Ich stell mich nicht mit meinem Körper auf ein Seil, aber mit meinem Herzen. Jedes Mal aufs Neue.

Über Philippe Petit gibt es bereits den Dokumentarfilm „Man on Wire“ aus dem Jahr 2008. Warum nun noch einen Spielfilm?

Ich habe schon vor zehn Jahren begonnen, diesen Film zu konzipieren, also lange bevor „Man on Wire“ entstand. Ich bin ein Fan dieser Dokumentation, sie hat ja auch einen Oscar gewonnen. Und du siehst da all die Menschen, die damals daran beteiligt waren. Was dieser Film aber nicht leisten kann, ist, den eigentlichen Akt zu zeigen. Davon gibt es ja kein einziges bewegtes Bild, nur ein paar Fotos. Niemand hat in der kurzen Zeit, in der Philippe auf dem Seil stand, eine Kamera aufgestellt. Das aber war für mich der finale Höhepunkt dieser wunderbaren Geschichte: diesen Akt, dieses Ballett zu zeigen. Dafür mache ich Filme. Bevor ich Jahre meines Lebens mit einem Projekt verbringe, stelle ich mir immer zwei Fragen: Will ich einen solchen Film sehen? Und wird es andere geben, die einen solchen Film sehen wollen? Wenn ich beides mit Ja beantworten kann, dann gehe ich es an. Und das war hier eindeutig der Fall.

Sie haben alles in 3D gefilmt. Ist das nicht fast ein bisschen sadistisch?

Technologie ist ein Werkzeug. Die meisten Filme werden nur in 3D gedreht, um mehr Geld damit machen zu können. Aber bei dieser Geschichte hat sich das wirklich angeboten. Ich wollte diesen Seiltanz zeigen. Aber nicht so, wie wir das meistens sehen, von unten. Ich nehme den Zuschauer mit aufs Seil. Das in 3D zu präsentieren, musste einfach spektakulär werden.

Wer unter Höhenkoller leidet, dem wird in Ihrem Film schlecht werden.

Wer weiß, vielleicht sollte, wer Höhenangst hat, gerade ins Kino gehen. Es ist der beste Platz, um sich dieser Angst zu stellen. Da bist du ja komplett sicher. Du guckst in die Tiefe und kannst trotzdem nicht runterfallen. Danach gehen die Lichter an und du realisierst, dass du völlig okay bist und es unbeschadet überstanden hast. Das könnte doch geradezu therapeutisch wirken.

Würde der Film anders wirken, wenn die Zuschauer nicht wüssten, dass es diese Türme, das World Trade Center in New York, irgendwann nicht mehr gibt?

Das kann ich nicht sagen. Aber der Film weist am Anfang darauf hin, dass es diesen Seiltanz wirklich gegeben hat. Weil ich fürchte, dass die Zuschauer das sonst gar nicht glauben würden. Sie würden es für Fiktion halten – und für absolut übertrieben. Zu wissen, dass diese unglaubliche, wahnsinnige Geschichte wirklich passiert ist, gibt dem Ganzen eine unglaubliche Kraft. Plus der Tatsache, dass das nicht wiederholbar ist. Das macht es zu etwas Einzigartigem.

Die Twin Towers waren einmal ein Symbol für menschliche Schaffenskraft. Seit dem 11. September sind sie zum Inbegriff terroristischer Gewalt geworden. Wie fühlte es sich an, als Sie die Twin Towers am Computer digital wieder auferstehen ließen?

Für mich ist der Film eine Liebeserklärung an die Türme. Und eine Hymne auf die Stadt. Unsere Intention war immer, einen Moment in der Geschichte des World Trade Center zu erzählen, zu zelebrieren, der nichts mit „9/11“ zu tun hat. Sondern etwas Positives hat, etwas Menschliches, Künstlerisches, Gewagtes und – etwas Verbindendes. Philippe hat mit seinem Seil ja nicht nur die Türme verbunden. Als das World Trade Center damals gebaut wurde, mochten die Einwohner von New York die Türme nicht. Bis Philippe tat, was er tat. Plötzlich haben sie sie anders gesehen. Philippe hat ihnen eine Verbindung dazu hergestellt. So was gelingt nur einem Künstler.

Nach dem 11. September gab es einen seltsamen Reflex, dass die Türme sogar aus fertigen Filmen im Nachhinein hinaus retuschiert wurden. Als ob es sie nie gegeben hätte.

Wir alle wissen, dass es fünf Phasen der Trauer gibt. Jeder weiß, was er am 11. September gemacht hat. Jeder denkt automatisch daran, wenn er an das World Trade Center denkt. Ich wollte aber, dass man die Türme nicht nur mit dieser Tragödie verbindet, sondern auch mit diesem zutiefst spirituellen, menschlichen Moment.

Für diesen Film mussten Sie fast zehn Jahre lang kämpfen. Warum hat es so lange gebraucht, die Geldgeber dafür zusammenzutreiben?

Weil es immer komplizierter wird, einen Film zu drehen, der sich nicht von selbst verkauft. „Presold Movies“ ist die Losung. Jeder Film, der originell ist, der etwas riskiert, der nicht auf einem Bestseller oder einem Comic basiert, ist kaum noch herzustellen.

Das gilt selbst für einen Robert Zemeckis?

Es ist eine traurige Situation. Aber wir befinden uns leider gerade in einer Phase, in der die Zahlenmeister das Sagen haben. Namen zählen nichts mehr, die Studios haben jede Risikobereitschaft verloren. Und gehen nur noch auf Nummer sicher. Mit Blockbustern, die irgendwie alle gleich aussehen. Das stimmt mich traurig. So verlieren wir das Publikum.

Fühlen Sie sich als Opfer dieser Entwicklung? Sie haben das mit Ihrer „Back to the Future“-Trilogie doch auch forciert. Sie hatten Teil an dem, was man mal als „Spielbergisierung“ der Industrie gegeißelt hat: nur noch Filme für Jungs zu machen.

Die Blockbuster der 80er-Jahre mögen nicht ganz unschuldig gewesen sein. Das ist aber nur die eine Wahrheit. Wir waren damals von der Idee beseelt, neue und spannende Geschichten zu erzählen. Je origineller, je einzigartiger ein Film war, desto populärer wurde er. Filme waren kulturelle Berührungspunkte. Dinge, über die alle sprachen. Die es sogar in die Nachrichten schafften. Sie bestimmten den Zeitgeist (er spricht es deutsch aus: „Seitgeist“). Jeder hat damals „E.T.“ geguckt, um mitreden zu können. Das scheint vorbei zu sein. Heute müssen Filme alle gleich aussehen. Sie spielen zwar noch Geld ein, aber keiner redet mehr über sie. Das ist der wahre Verlust da draußen. Einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ könnte ich heute nicht mehr machen.

Sie scherzen.

Keineswegs. Schon damals hat niemand, wirklich niemand daran geglaubt, dass das ein Erfolg werden würde. Aber man hat mich machen lassen. Heute würde mir dafür keiner Geld geben. Ich möchte nicht klingen wie ein alter Mann, auch wenn ich das bin. Aber ich sehe eben, was da gerade passiert.

Das klingt sehr verbittert.

Aber ich habe große Hoffnung, dass sich das wieder ändern wird. Dank der Digitalisierung können Filme heute für immer weniger Geld gemacht werden. Das Investitionsrisiko wird also immer geringer. Dadurch werden wieder interessantere Projekte möglich. Bei diesen gigantischen Actionfilmen heute hat man doch den Eindruck, dass man jemandem bei einem Videospiel zuschaut. Man muss wieder zu den Filmen zurückfinden, die die Menschen wirklich berühren.