Die Philharmoniker waren nicht die einzigen, die am Donnerstag im Kino fremd gingen. Benedict Cumberbatch tat es auch. Der ist zwar Stammgast im Kino, ob in Dramen wie „12 Years A Slave“ oder „Imitation Game“ oder Blockbustern à la „Der Hobbit“ oder „Star Trek". War nun aber, ganz klassisch, in der gefeierten „Hamlet“-Inszenierung am Londoner National Theater zu sehen.

Und eben nicht nur dort: 650 Kinos übertrugen das live allein in Großbritannien, 2000 weltweit. Wir waren dabei.

Fast hätten wir es nicht geschafft

Unvergessen, wie wir Mitte der 90er-Jahre in New York keine Tickets mehr bekamen, als Ralph Fiennes dort „Hamlet“ am Broadway spielte. Das soll uns diesmal nicht passieren. Wir haben uns Tickets des schnell ausverkauften Events ergattert.

Wobei es gar nicht so einfach ist, die am Automat im Cinemaxx auszudrucken. Das dauert ziemlich und führt zu langen Schlangen. Und Mister Cumberbatch in London kann darauf natürlich keine Rücksicht nehmen.

Mehr Sicht als im Theater

Wir schaffen’s gerade noch rechtzeitig. Kommen in ein platzvolles Kino 9, einem von gleich drei Cinemaxx-Sälen, die sich an der Übertragung beteiligen. Erst gucken wir in den Saal des Theaters. Und stellen gleich fest: Wir sitzen besser. Wir haben freie Sicht, während das im Theater ab Rang Zwei schon schwierig ist. Das Popcorn-Krumeln ist freilich gewöhnungsbedürftig an einem Theaterabend.

Dann hockt plötzlich Cumberbatch auf der Bühne. Und wir sehen gleich einen weiteren Vorzug: Der Theaterbesucher sieht ihn für teuer Geld von weit weg (die Bühne ist riesig), der Kinozuschauer hat ihn in Großaufnahme.

Physische Herausforderung: Cumberbatch schwitzt mehrere T-Shirts durch
Physische Herausforderung: Cumberbatch schwitzt mehrere T-Shirts durch © UCI EVENTS | UCI EVENTS

Cumberbatch schwitzt. Und wie. Auch diese Erkenntnis haben wir dem Theaterbesucher voraus. Wir können seine Schweißperlen zählen. Erleben hautnah, wie er ein T-Shirt nach dem anderen durchschwitzt. Aber was für einen großartigen Hamlet durchschwitzt sich Cumberbatch! Bei ihm wird das, nicht ganz wie bei Lars Eidinger an der Schaubühne, aber doch zu einem physischen Akt, wie er über die Bühne jagt.

Die ist übrigens kein Palast, eher eine Downton-Abbey-Kulisse, in der alle in sehr heutiger Kluft spielen. Wenn Cumberbatch sich in seinen Wahnsinn flieht, dann schiebt er allerdings eine Kinderspieleburg auf die Bühne. Und kommt als lebender Zinnsoldat daher.

Mehr Huster im Theater

Das Publikum im Kino ist deutlich konzentrierter als im Theater. Aus den Lautsprechern hören wir mehr Huster als aus unsrem Saal. Lauter Fans, lauter „Cumberbitches“, wie sie sich selber nennen.

Die Untertitel sind Englisch, wie die Sprache, die gesprochen wird. Das schreckt niemanden ab. Nach zwei Stunden, bevor Ophelia durchdreht, gibt es 20 Minuten Pause. Aber nur eine Handvoll Zuschauer kehrt nicht zurück.

Alle anderen halten den Dreieinhalbstünder durch. Während es in London weitergeht und plötzlich Herbstlaub durch die Kulisse gefegt ist, verschlafen die Berliner Kinobetreiber es allerdings einen halben Monolog lang, das Licht im Saal zu löschen.

Eine Pflichtrolle für jenen Briten

Auch bei den Darstellern gibt es einige Mikroport-Störungen. Ist wohl schwierig, bei all der Aktion auch noch verkabelt zu sein. Aber nicht mal da gibt es ein Murren im Saal.

Alle sind sich dieses historischen Moments bewusst, dass Zigtausende gleichzeitig ihren Star in der Hammerrolle erleben, die irgendwie jeder Brite, der auf sich hält, gespielt haben muss. Laurence Olivier, Kenneth Branagh. Und jetzt eben auch Cumberbatch.

Wir sind jetzt auch Cumberbitches!

Unglaublich, welche Massen der in eine Theaterinszenierung lockt. Unglaublich, mit welcher Ruhe der zuvor backstage noch einen Small Talk hält (auch das ein Vorzug, den nur der Kinobesucher genießt). Und dann hat er am Ende auch noch die Ruhe und die Größe, seinen Applaus abzuwürgen und zu Spenden für Flüchtlinge aufzurufen. Weltweit. Chapeau.

Im Theater wird frenetisch geklatscht. Im Kinosaal nicht. Aber alle gehen beseelt hinaus. Wir auch. Wir sind jetzt auch „Cumberbitches“. Der Rest ist Schwelgen.

Eine weitere Hamlet-Übertragung mit Benedict Cumberbatch wird am 12. November, 20 Uhr, im Berliner Kino in der Kulturbrauerei zu sehen sein.