Er steht vor einem Spiegel. Er blickt sich mit Unschuldsmiene in die Augen und übt immer den selben Satz: „Ich wurde noch nie positiv auf leistungsfördernde Substanzen getestet.“ Eiskalt und berechnend versucht der siebenfache Tour-de-France-Gewinner Lance Armstrong sein Lügengebilde vom sauberen Sport zu rechtfertigen. Und erschafft sich eine eigene Wahrheit, die er über Jahre aufrecht erhalten kann.
Der britische Regisseur Stephen Frears („Die Queen“) widmet sich in seinem neuen Film „The Program – Um jeden Preis“ dem phänomenalen Aufstieg und dem tiefen Fall des amerikanischen Radsport-Profis Lance Armstrong. Er zeigt ihn als machthungigen und erfolgsbesessenen Karrieristen, dem jedes Mittel Recht scheint, um Sieger zu sein.
Sieben Tour-de-France-Siege hintereinander
Der Film, dem das Buch „Seven Deadly Sins“ des irischen Sportjournalisten David Walsh zugrunde liegt, kommt daher wie ein Thriller aus dem Sportmilieu, in dem ein Journalist als Ermittler einen Sportler als Betrüger entlarvt. Chronologisch dokumentiert Frears den unerhörten Aufstieg von Lance Armstrong, seine frühen Kontakte mit Doping, seine schwere Hodenkrebserkrankung, die er überwand, seine Rückkehr 1999 auf die Piste, seine sieben Tour-de-France-Siege.

Journalist Walsh (Chris O’Dowd), der Armstrong von Anfang an begleitet hat, beginnt sich irgendwann zu wundern über die übermenschlichen Leistungen und beginnt, allen geradezu mafiösen Einschüchterungen, Vertuschungen und Betrügereien zum Trotz, an der Legende Lance Armstrong, grandios verkörpert von Ben Foster, zu kratzen und die Ikone vom Sockel zu stürzen.
Teamkollegen werden eingeschüchtert und bedroht
Wir sehen Armstrongs erste Kontakte mit dem Doping-Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet), wir sehen, wie Armstrong seine Teamkollegen zum Mitmachen drängt und sie einschüchtert. „Ich habe das Geld und die Macht, um dich zu vernichten“, zischt er einem Radler während des Rennens ins Ohr. Man sieht, wie das verlogene Konstrukt zu bröckeln beginnt, wie sich selbst im eigene Team US Postal Widerstand bildet.
Vor allem Floyd Landis (Jesse Plemons), gläubiger Sohn einer mennonitischen Familie, bekommt zunehmend Gewissensbisse und wird im eigenen Umfeld zur Gefahr für den selbstherrlichen Unsympathen Armstrong. Im Januar 2013 gibt der lebenslang für den Radsport gesperrte Lance Armstrong in der US-Fernsehshow „Oprah“ erstmals seine jahrelangen Betrügereien zu.
Dustin Hoffman in einer Nebenrolle
Der mitunter etwas dokumentarische Charakter und der fehlende dramaturgische Fluss, der diesen Film etwas nüchtern daher kommen lässt, wird von einem erstklassigen Darstellerensemble wieder wett gemacht. In einer Nebenrolle als Bob Hamman, Chef einer Versicherung, die das US Postal Team betreute, ist Dustin Hoffman zu sehen. „Wenn er bei den Rennen betrügt“, so schlussfolgert er, „betrügt er uns auch.“
Im wahren Leben hat der echte Hamman gerade einen Erfolg errungen. Mit einer Entschuldigung und der Zahlung von 10 Millionen Dollar hat Armstrong den Rechtsstreit im September beigelegt.
Drama GB/F 2015 105 min., von Stephen Frears, mit Ben Foster, Chris O’Dowd, Guillaume Canet, Dustin Hoffman





